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Fünf Geldregeln: So kauft man sich glücklich

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Wissenschaft So macht Geld richtig glücklich

Geld macht nicht glücklich. Wirklich nicht? Die Wissenschaftler Michael Norton und Elizabeth Dunn haben sich mit der Frage beschäftigt, wie man Geld effektiv in Glück umwandeln kann. Ihre Antworten sind auch für Firmen hochinteressant.

mm: Sagen wir, ich hätte unverhofft 1000 Euro übrig. Wie kann ich mir damit das Maximum an Glück kaufen?

Norton: Die meisten Leute denken in so einer Situation als erstes daran, sich irgendwelche Dinge für den eigenen Gebrauch anzuschaffen, etwas physisch greifbares: Ein neues Smartphone oder einen neuen Fernseher. Aber in unseren Forschungen hat sich herausgestellt: Das macht uns zwar nicht unglücklich, aber leider auch nicht sehr viel glücklicher. Das liegt an zwei Dingen: Erstens daran, dass es Gegenstände sind, zweitens daran, dass wir sie für uns selbst kaufen. Der einfachste Weg, mit Geld Glück zu kaufen, ist ein anderer: Man kauft Erlebnisse, und wenn man es noch besser machen will, kauft man nichts für sich selbst, sondern etwas für andere.

mm: Warum sind Erlebnisse besser als Dinge?

Norton: Wir neigen dazu, zu glauben, dass Dinge werthaltiger sind als Erlebnisse, weil wir sie auf Dauer besitzen. Erlebnisse wie zum Beispiel Reisen sind einmalig und irgendwann unwiederbringlich vorbei. Also kauft man lieber ein Haus, ein Auto, einen Fernseher. Aber was man nicht bedenkt: Sobald man etwas gekauft hat, steigen die Begehrlichkeiten weiter. Man kann das, was man hat, mit dem vergleichen, was es sonst noch gibt: Das noch tollere Auto, den neueren Fernseher, das größere Haus. Das, was man hat, ist dann nicht mehr das Tollste, was es gibt. Wenn man eine Reise macht, ist das unvergleichlich. Man ist deshalb zufriedener damit, kann sich mit Freunden darüber austauschen, denkt gern daran zurück. Das ist etwas Bleibendes.

mm: Sie schreiben, dass es auch glücklich macht, sich etwas Besonderes zu kaufen - indem man etwa im Alltag auf den geliebten Premiumkaffee verzichtet und ihn nur in längeren Abständen kauft, aber dann zelebriert. Ist das wirklich nötig?

Norton: Das ist wirklich ein Fluch: Was immer wir mögen, davon wollen wir gerne mehr haben. Und wenn wir dann mehr davon haben, mögen wir es nicht mehr ganz so gern. Wir hören nicht auf, es zu mögen, aber es ist einfach nicht mehr ganz so toll. Es ist traurig, dass wir diesen Überdruss verspüren. Aber wir können diesen Effekt vermeiden, indem wir von Zeit zu Zeit eine kleine Pause einlegen.

mm: Ein anderes Prinzip, das Sie erwähnen, ist es, Geld in Zeit zu konvertieren. Zeit haben wir doch alle gleich viel. Ist es da nicht besser, einfach das zu tun und zu arbeiten, was man gerne tut, statt sich Freizeit zu kaufen?

Norton: Ja, die Idee ist gut. Leider funktioniert sie nicht. Wenn man sich anschaut, was Leute mit ihrer Zeit machen, sieht man: Sie setzen sie nicht optimal ein, was das Glücksempfinden betrifft. Die meisten Leute glauben, dass sie endlich das tun könnten, was sie glücklich macht, wenn sie nur reich genug wären - weil sie es sich dann leisten können. Das ist aber nicht so. Reiche Leute genießen ihre Zeit tendenziell eher weniger, weil sie damit beschäftigt sind, Geld zu verdienen - oft mit Tätigkeiten, die sie eben nicht glücklich machen.

mm: Das ist ja traurig für die armen Reichen. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gab allerdings zu bedenken: Geld allein macht nicht glücklich, aber ich heule lieber in einem Taxi als in der Straßenbahn.

Norton: Geld macht uns ja auch nicht unglücklich. Es wimmelt nicht gerade von verzweifelten Millionären. Aber es macht uns eben auch nicht so glücklich, wie wir es erwarten. Es ist viel leichter, aus dem Geld, das man hat, das Optimum am Glück herauszuholen, als zu versuchen, noch mehr Geld und noch mehr Geld zu verdienen, das die Erwartungen, die man daran hat, niemals erfüllt. Wir wissen alle, dass wir mehr Zeit mit Tätigkeiten zubringen sollen, die uns erfüllen, die wir genießen können. Aber wir neigen dazu, das zu vergessen. Wir kaufen uns für unser Geld nicht die tollste Zeit, die wir erleben können, sondern oft das genaue Gegenteil.

"Wenn man im Voraus bezahlt, ist der Genuss ungetrübt"

mm: Am schwierigsten nachzuvollziehen finde ich ihr Prinzip "Bezahle jetzt, genieße später". Die ganze Wirtschaft funktioniert ja andersherum - und der Handel sucht immer wieder nach Wegen, Waren noch schneller an die Kunden zu bringen.

Norton: Ja, das ist schwer einzusehen. Aber wenn man den Schmerz des Bezahlenmüssens nach hinten verschiebt, bringt man sich um vieles. Und man unterschätzt die Bedeutung von Vorfreude. Warten empfinden wir eigentlich nicht als lustvoll. Aber wenn es um etwas geht, für das sich das Warten lohnt, ist die Vorfreude ein Wert an sich. Das ist Glück! Eine noch offene Rechnung wird hingegen als extrem belastend empfunden. Wenn man schon im Voraus bezahlt hat, ist der Genuss vollkommen ungetrübt, und es fühlt sich sogar so an, als hätte man etwas gratis bekommen, auch wenn man weiß, dass das ein völlig irrationales Gefühl ist. Wenn man aber auf Pump shoppt, bis die Kreditkarte glüht, kauft man kein Glück, sondern vor allem Stress.

mm: Sie sagten eingangs, dass es glücklicher macht, Geld für andere auszugeben als für sich selbst. Wie funktioniert das am besten?

Norton: Manche Leute finden, dass dieses Prinzip am leichtesten zu befolgen ist. Andere finden, es ist das schwierigste unserer fünf Prinzipien. Unsere Forschungen haben ergeben: Es macht glücklich, wenn man zumindest einen Teil seines Geldes nicht für sich selbst ausgibt. Klar wissen wir alle, dass es Spaß macht, Freunde zu beschenken oder Geld für einen guten Zweck zu spenden. Aber die meisten von uns tun das viel weniger, als sie sich leisten könnten. Dabei ist das eine der verlässlichsten Methoden, Geld in Glück zu verwandeln. Es scheint in uns angelegt zu sein, dass Geben uns glücklich macht - das haben unsere Studien belegen können. Wenn man Leuten Geld schenkt, das sie für einen guten Zweck ihrer Wahl ausgeben dürfen, macht das diese Leute glücklicher, als wenn sie das Geld für sich selbst bekommen.

mm: Welches Ihrer fünf Prinzipien ist am schwierigsten umzusetzen?

Norton: Geld in Zeit zu verwandeln. Viele Leute glauben, ein größeres Haus würde sie glücklicher machen. Um sich das leisten zu können, müssen sie aber meist weiter nach draußen ziehen - mit der Folge, dass der Arbeitsweg viel länger wird. Es gibt überhaupt keinen Beleg dafür, dass ein größeres Haus glücklicher macht. Unsere Forschungen haben ergeben, dass zwischen Wohnungsgröße und Zufriedenheit überhaupt keine Korrelation besteht. Trotzdem kaufen die Leute Häuser - und sind sich dessen nicht bewusst, dass sie vor allem mit Lebenszeit dafür bezahlen, die sie künftig mit nervigen Pendelfahrten zubringen, die nachgewiesenermaßen einen großen negativen Effekt auf die Lebenszufriedenheit haben. Manchmal sind es die besonders tollen Dinge, die uns schlechte Stunden bescheren, weil sie so viel Lebenszeit kosten: Pflegeintensive Haustechnik, teure Autos, große Gärten.

mm: Welcher Aspekt Ihrer Forschung hat sie am meisten überrascht?

Norton: Ich war überrascht, dass Warten einen Wert darstellt. Es ist so kontraintuitiv. Es fühlt sich falsch an, dass man etwas erst einmal nicht bekommen soll - und davon glücklicher wird, als wenn man es gleich hätte. Aber denken Sie an Weihnachten mit kleinen Kindern: Die freuen sich wochenlang im Voraus und platzen fast vor Erwartung. Aber bei der Bescherung werden dann die Pakete aufgerissen, und das war es dann.

mm: Ich finde Ihre Forschungsergebnisse logisch nachvollziehbar. Aber trotzdem will ich immer noch diese eine, berückende, rote Lederhandtasche kaufen, und das, obwohl ich weiß, dass sie mich wahrscheinlich nicht glücklicher machen wird. Was raten Sie mir?

Norton: Es ist nicht schlimm, wenn Sie sich Dinge kaufen. Wenn es wirklich eine großartige Handtasche ist, dann ist auch das eine Erfahrung, die Sie genießen können. Warum nicht? Aber Sie brauchen keine 19 Handtaschen. Wenn sie bei der fünften oder sechsten sind, könnten Sie sich schon einmal fragen: Sollte ich nicht vielleicht doch mal versuchen, mein Geld anders einzusetzen?

mm: Was können Unternehmen von Ihrer Forschung lernen? Es ist dem Kunden ja schwer zu vermitteln, dass Warten auf ein Produkt Spaß machen soll.

Norton: Schon. Aber etliche Unternehmen etwa der Kreuzfahrtbranche haben das schon ganz gut drauf. Die lassen die Leute im Voraus bezahlen, zelebrieren die Erwartung der Reise - und können sich über zufriedene Kunden freuen, weil die an Bord das Erlebnis viel mehr genießen, wenn sie schon vorab bezahlt haben. Und etliche Unternehmen haben die Idee aufgegriffen, dass man in andere investieren soll, und stellen ihre Mitarbeiter für karitative Projekte frei. Das erhöht die Zufriedenheit mit dem Job sehr. Wir haben Firmen dazu gebracht, ihren Mitarbeitern je 50 Dollar zu schenken - mit der Bedingung, dass diese das Geld für einen guten Zweck ihrer Wahl spenden mussten. Das machte die Leute sehr glücklich - glücklicher, als wenn sie dieses Geld für sich selbst bekommen hätten.

mm: Hat Ihre Forschung Ihr eigenes Leben verändert?

Norton: Definitiv. Wir haben ja alle solche Wünsche wie Sie mit Ihrer roten Lederhandtasche. Jeder ist dauernd in Versuchung, sich Sachen zu kaufen. Wenn ich jetzt nach meiner Kreditkarte greife, halte ich inne. Ich frage mich: Macht mich das wirklich glücklich? Vielleicht kann ich dieses Geld effektiver einsetzen, indem ich mir ein Erlebnis kaufe - oder indem ich jemanden unterstütze, der dieses Geld nötiger hat als ich.

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