Compliance-Experte Christoph Hauschka "Armut ist mächtiger, als Normen es sind"

Zur Verantwortung eines Unternehmens gehört heute auch ein "Compliance"-Management, das darauf achtet, dass die Normen und Regeln der Firma auch eingehalten werden. Warum es dessen bedarf? Die Philosophie-Zeitschrift "Hohe Luft" sprach mit dem Compliance-Experten Christoph Hauschka.
Von Rebekka Reinhard
Kinderarbeit in der Türkei: Der syrische Flüchtling Hamude Karhu, 11 Jahre alt, arbeitet für umgerechnet sieben Euro in der Woche in einem Bekleidungsgechäft - das hilft seiner Familie, die Miete zu bezahlen. Sein Vater ist arbeitslos.

Kinderarbeit in der Türkei: Der syrische Flüchtling Hamude Karhu, 11 Jahre alt, arbeitet für umgerechnet sieben Euro in der Woche in einem Bekleidungsgechäft - das hilft seiner Familie, die Miete zu bezahlen. Sein Vater ist arbeitslos.

Foto: Ulas Yunus Tosun/ dpa

Christoph Hauschka erscheint pünktlich und gut gelaunt zum vereinbarten Termin, das "Frage"-Spezial zum Thema "Was ist gute Arbeit?" unter den Arm geklemmt. Er steigt ohne Umschweife ins Gespräch ein, wechselt blitzschnell zwischen messerscharfen Analysen und schalkhaftem Lachen. Fast vergisst man darüber, dass man es mit einem Regelhüter zu tun hat: 17 Jahre lang war Christoph Hauschka der Chefsyndikus und General Counsel in deutschen und US-amerikanischen Konzernen.

Seit zwölf Jahren gilt der in München tätige Rechtsanwalt als Deutschlands "Compliance-Papst". Hauschka ist der Gründer des "Netzwerk Compliance e. V." und war bis vor Kurzem auch Vorstandsvorsitzender. Seit 2014 ist er Mitglied des Vorstandes von DICO - dem Deutschen Institut für Compliance - und Herausgeber mehrerer Bücher zu dem Thema sowie Mitherausgeber der "Corporate Compliance Zeitschrift". Wenn einer etwas von Verantwortung versteht, dann er …

Frage: Was bedeutet Verantwortung für Sie als Jurist?

Hauschka: Ich stelle mir, wie viele Menschen in Unternehmen, Fragen nach dem konkreten Inhalt der ihnen übertragenen Verantwortung. Nehmen wir beispielsweise den Schokoladenhersteller, der Haselnüsse für seine Produkte braucht: 80 Prozent der Weltmarktproduktion stammen aus der Osttürkei. Dorthin ziehen zur Erntezeit ganze Sippen, ihre Existenz hängt von dieser Arbeit ab. Auch kleine Kinder und Schulkinder arbeiten da von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Christoph Hauschka
Foto: DICO

Christoph Hauschka ist Gründer des "Netzwerk Compliance e. V." Seit 2014 ist der Jurist Mitglied des Vorstandes von DICO - dem Deutschen Institut für Compliance - und Herausgeber mehrerer Bücher zu dem Thema sowie Mitherausgeber der "Corporate Compliance Zeitschrift".

Natürlich ist Kinderarbeit auch in der Türkei verboten, aber Armut ist mächtiger, als Normen es sind. Händler weltweit vertreiben die Ware, der ja niemand ansieht, woher sie stammt und unter welchen Bedingungen sie geerntet wurde. Soll unser Hersteller versuchen, eigene Anbauflächen in anderen Ländern zu etablieren, um nicht Kinderarbeit zu fördern? Auch wenn dadurch Menschen in der Osttürkei ihre Existenzgrundlage verlieren, die Kinder dann vielleicht in Bergwerken und Steinbrüchen arbeiten oder zur Prostitution gezwungen werden? Was ist ethisch geboten? Was ist unmoralisch? Gibt es da ein Richtig und ein Falsch? Ich würde mir wünschen, dass Wirtschaftsethik und Philosophie mal Impulse geben, was verantwortliches Handeln in einer solchen Lage bedeuten könnte.

Frage: Viele Philosophen wissen wahrscheinlich nicht einmal, was "Compliance" genau bedeutet und was sie mit Verantwortung zu tun hat.

Hauschka: Compliance heißt verkürzt: Regeln zu beachten. Um Gesetze einzuhalten, bedarf es zunächst keiner besonderen Verantwortung oder Ethik. Jeder Staat erwartet von allen Bürgern, dass wir die Gesetze einhalten, er verlangt Rechtstreue als Minimalkonsens der Gesellschaft. Dieses Prinzip gilt auch für diejenigen, die kein ethisches oder moralisches Handeln für sich beanspruchen. Corporate Compliance zielt darauf ab, rechtliche Regeln und unternehmerische Vorgaben zu beachten. Daher: Ohne Verantwortung keine Compliance, ohne Compliance kein verantwortliches unternehmerisches Handeln.

Frage: Sie haben schon vor über zehn Jahren auf Compliance gesetzt. Was war ausschlaggebend für diese Entscheidung?

Hauschka: Es war überall zu beobachten, dass die Gefahren für die Unternehmen damals größer wurden: Die Bußgelder der Behörden erreichten hohe zweistellige Millionenbeträge, die Existenz ganzer Betriebe und die Arbeit der Beschäftigten waren bedroht. Manager wurden in Untersuchungshaft genommen, die bürgerliche Existenz von Managern und Mitarbeitern geriet in Gefahr. Es musste etwas geschehen. Compliance befasst sich mit der Organisation der Einhaltung von Normen in Unternehmen: Ich bin Jurist und habe den Großteil meines Berufslebens in der Industrie zugebracht. Ich weiß, wie Unternehmen ticken. Aber: Jeder Mitarbeiter eines Unternehmens, jede Führungskraft konnte damals sehen, was da auf uns zukam.

Frage: Schaut man sich die von diversen Vorständen verursachten Affären und Skandale an, könnte man sich schon fragen: Spielen Moral und Ethik im Unternehmenskontext überhaupt eine Rolle?

Hauschka: Menschen sind als Mitarbeiter eines Unternehmens grundsätzlich nicht mehr oder weniger "ethisch" oder "moralisch" als in ihrem übrigen Leben. Bei ihrer Arbeit stehen sie unter ständig zunehmendem wirtschaftlichen Druck, die Angst um den Arbeitsplatz verfolgt sie, die Existenz des Unternehmens mag bedroht sein. Dann sind da das Streben, bestimmte Bonusziele zu erreichen, und die Angst vor dem vermeintlichen eigenen Versagen, wenn es um die Nichterfüllung bestimmter Vorgaben geht - auch das spielt eine Rolle. Da gerät so mancher in Versuchung.

"Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst"

Frage: Der Compliance Officer ist für die Umsetzung der Compliance-Regeln eines Unternehmens verantwortlich - aber sicher nicht für die "Moral" von Führungskräften, Vorständen, Aufsichtsräten. Oder?

Hauschka: Für Moral und Ethik ist in einem Betrieb von der Putzfrau bis zum Aufsichtsratsvorsitzenden jeder Einzelne selbst verantwortlich. Die Rolle des Compliance Officer entspricht der eines Schiedsrichters am Rande des Spielfeldes. Er zeigt Foulspiel an, achtet auf die Einhaltung der Regeln, vielleicht muss er auch dazu beitragen, dass einer der Akteure gesperrt oder vom Platz gestellt wird. Die Verantwortung aber bleibt bei jedem Einzelnen.

Frage: Die sogenannten Ethikrichtlinien oder "Codes of Ethics" von Großunternehmen strotzen nur so vor normativen Begriffen wie Verantwortung, Fairness, Zuverlässigkeit oder Integrität. Wenn Mitarbeiter in komplexen ethischen Fragen jenseits von Verhaltenscodes, Regeln und Gesetzen Orientierung suchen, werden sie von der Compliance-Abteilung ihres Unternehmens gern auf ihren gesunden Menschenverstand oder Instinkt, das Richtige zu tun, verwiesen. Was ist genau damit gemeint, wo und wann erwirbt man so einen moralischen Instinkt?

Hauschka: "Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst", sagt in Goethes "Faust" Gott zu Mephisto. Compliance nennt dies den "New York Times Front Page Test": Würde der Betreffende so handeln, wie er im Begriff ist zu handeln, wenn eine große Zeitung morgen auf der Titelseite über sein Tun berichten würde? In bestimmten Grenzen funktioniert dieser Test tatsächlich, wenn es um einfache Regeln, etwa das Verbot von Preisabsprachen mit Wettbewerbern oder Einladungen von Staatsdienern geht.

Da kann dann nach entsprechender Schulung und mit klaren Vorgaben jeder selbst entscheiden. Anders sieht das etwa in schwierigen Ländern und fremden Kulturkreisen aus. Welche Geschenke ein Mitarbeiter in China oder Saudi-Arabien verteilen darf, welches Verhalten islamisches Recht in Pakistan oder im Iran erzwingt, da brauchen die Mitarbeiter Informationen und Hilfe. Das ist mit gesundem Menschenverstand oder "moralischem Instinkt" nicht zu bewältigen.

Frage: Aber was ist der Stellenwert proklamierter Tugenden wie Verantwortung, Vertrauen oder Integrität? Sind das womöglich nur Investitionen, die dem doppelten Zweck der Reputationssicherung und Gewinnsteigerung eines Unternehmens dienen?

Hauschka: Die bloße Proklamation von Tugenden bewirkt im Unternehmen ebenso wenig wie sonst im Leben. Mein ehemaliger Vorstandsvorsitzender, ein Urbayer, Prof. Dr., einst gelernter Maurer, der dann später mit Hochbegabtenstipendium Ingenieur wurde, stieg zum Beispiel ins Flugzeug und sagte: "Ich fliege Economy." Da ist ganz klar: Wenn vorn ein Niederlassungsleiter sitzt, und der Vorstands vorsitzende marschiert an ihm vorbei und sagt "Sie können gern da vorn sitzen, ich sitze hinten" - der fliegt nie wieder Business Class.

"Die Aktiengesellschaft als solche hat kein Gewissen"

Frage: Das leuchtet ein. Aber Unternehmen stehen ja auch in Konkurrenz zueinander. Und unter den Bedingungen des Wettbewerbs "kann das Motiv für Moral nur das individuelle Vorteilsstreben" sein, schreibt der Wirtschaftsethiker Karl Homann. Teilen Sie diese Ansicht?

Hauschka: Bei Compliance geht es nicht nur um Reputationsschäden und individuelle Vorteile. Einer der bekanntesten deutschen Manager, früherer Vorstandsvorsitzender eines Dax-30-Unternehmens, wurde im Gerichtssaal festgenommen und ist seither in Haft. Siemens hat über 1,5 Milliarden Euro für die Aufarbeitung seiner Korruptionsaffäre aufgewendet, ein in Compliance-Verstöße involvierter früherer Vorstand hat sich vor einigen Wochen das Leben genommen.

Hundertschaften der Polizei haben den Büroturm der Deutschen Bank in Frankfurt durchsucht und Mitarbeiter festgenommen, ein Polizeihubschrauber umkreiste gleichzeitig das Gebäude. Zahllose ehemalige Vorstände und Geschäftsführer deutscher Unternehmen sollen Schadenersatz in Millionenhöhe zahlen und sind in ihrer Existenz bedroht. Unzählige Geschäftsleiter und Mitarbeiter haben ihren Arbeitsplatz verloren. Wenn die Vermeidung existenzieller Nachteile zum individuellen Vorteilsstreben gehört, stimme ich Herrn Professor Homann zu.

Frage: Der Wirtschaftsethiker Josef Wieland schreibt, ein Unternehmen sei ein "kollektiver Akteur". Inwieweit trägt dieser kollektive Akteur Verantwortung, auch im strafrechtlichen Sinne?

Hauschka: Die Aktiengesellschaft als solche hat kein Gewissen und kann auch nicht ins Gefängnis gehen. Die Verantwortung für sie tragen seit je Geschäftsführer und Vorstände, Aufsichtsräte und Mitarbeiter. Die haften unbeschränkt mit ihrem gesamten Privatvermögen für eigenes Fehlverhalten, der Verlust der Freiheit und gegebenenfalls des Arbeitsplatzes stehen auf dem Spiel.

Daneben haftet das Unternehmen etwa für Bußgelder, Gewinnabschöpfung und Schadenersatz. Ich sehe nicht, wie sich daran etwas Wesentliches ändern sollte, wenn ein Gericht einem Unternehmen künftig eine "Strafbarkeit" bestätigen würde. Soweit es darum gehen soll, organisierte Kriminalität zu bekämpfen, sind dafür andere Instrumente sicherlich erfolgversprechender als die Einführung eines Unternehmensstrafrechts.

Frage: Für den Diplomaten und Widerstandskämpfer Stéphane Hessel beginnt jegliche Art von Widerstand und Engagement mit Empörung über Missstände. Ist es vielleicht das, was wir brauchen, damit der Einzelne Rechtsverstößen mehr Einhalt gebieten kann: eine Kultur der "präventiven" Empörung?

Hauschka: Diese Kultur von Widerstand und Engagement ist meiner Meinung nach eine Folge der 68er-Zeit. Die Gesellschaft wurde lockerer, und das hat auch die Unternehmen erreicht. Bis in die 1960er-Jahre stellte ein Rundschreiben eines Konzernvorstandes eine unverrückbare und von niemandem angezweifelte Vorgabe dar, die von allen Mitarbeitern beachtet wurde. Heute begreifen die Mitarbeiter die Vorstandsentscheidungen oft nur noch als Leitlinie, an die man sich halten kann oder eben auch nicht. Die Autorität der Autoritäten hat abgenommen.

Frage: Was ist die wichtigste Erkenntnis Ihrer bisherigen Laufbahn?

Hauschka: Wer danach strebt, dass Regeln beachtet werden, muss die Menschen erreichen und begeistern, von denen er ebendieses erwartet.

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