Die teure Angst vor den Flüchtlingen Wie Zuwanderer unseren Wohlstand sichern

Die Furcht vor Terror, Krieg und Gewalt könnte die Sinnkrise des Kapitalismus beschleunigen. Höchste Zeit, etwas Neues zu versuchen.
Auszubildender bei BMW. Damit Deutschland sein Beschäftigungsniveau halten kann, braucht es Zuwanderer.

Auszubildender bei BMW. Damit Deutschland sein Beschäftigungsniveau halten kann, braucht es Zuwanderer.

Foto: Andreas Gebert/ picture alliance / dpa

Es ist nur eine spröde Statistik, aber manchmal erzählen Zahlen Geschichten. Rund zwei Millionen Menschen mit ausländischem Pass sind voriges Jahr nach Deutschland gezogen. Zugleich haben 860 000 Personen das Land wieder verlassen. Dank Zuwanderung kann die Bundesrepublik unter dem Strich einen Bevölkerungsgewinn von 1,14 Millionen verbuchen. Das gab es noch nie.

Dienstag wird das Statistische Bundesamt weitere Details veröffentlichen, woher die Menschen kommen beispielweise.

Prognosen zeigen: Das Gros der Leute, die 2015 nach Deutschland kamen, sind Flüchtlinge. So rechnet das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) mit einem "flüchtlingsspezifischen Wanderungssaldo" von 820 000 Menschen. Zahlen, die auf getränkten Boden fallen: In Zeiten von Terroranschlägen - wie dem von Brüssel diese Woche - gilt Zuwanderung inzwischen als Sicherheitsproblem. Populistische Politiker nutzen die Stimmung und sind rasch mit markigen Grenzen-zu-Forderungen bei der Hand. Es wäre tragisch, wenn sie sich durchsetzen könnten.

Denn bei allen berechtigten Sicherheitsinteressen: Deutschland bleibt auf sehr lange Sicht auf Zuwanderung angewiesen. Und das Gros dieser Zuzügler wird nicht aus Europa kommen können, sondern aus Asien und Afrika stammen müssen - aus Regionen, wo die Bevölkerung nach wie vor dynamisch wächst.

Zugegeben: Das wird nicht einfach. Denn die kulturelle Distanz ist deutlich größer als zu den bisherigen Zuwanderergruppen.

In den Jahren bis 2014 hat die Bundesrepublik enorm davon profitiert, dass vor allem Menschen aus anderen EU-Ländern kamen. 2015 lag der deutsche EU-interne Immigrationssaldo nach IfW-Schätzungen immer noch bei 370 000 Personen. Eine weitgehend reibungslose Einwanderung direkt in den Arbeitsmarkt. Aber so wird es nicht bleiben: Weil die Arbeitsmärkte in Krisenländern wie Spanien wieder besser laufen, nimmt der Emigrationsdruck dort ab. Dazu kommt die Demographie: Insbesondere Osteuropa altert und schrumpft noch deutlich schneller als die deutsche Bevölkerung. Es gibt dort schlicht und einfach immer weniger Menschen, die überhaupt zu uns kommen könnten. Auf längere Sicht wird die Zuwanderung aus anderen EU-Ländern auf nur noch ein Drittel des heutigen Niveaus absacken, rechnet eine Studie der Bertelsmann-Stiftung und des bundeseigenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vor.

Deutschland braucht aber heute viel mehr Zuwanderung als in den 90er und 2000er Jahren. Damit uns die Arbeitskräfte nicht ausgehen, müssen Jahr für Jahr etwa eine halbe Million Menschen mehr ein- als auswandern. Und diese Zuwanderer werden überwiegend keine Europäer sein können. Nur wenn es gelingt, so viele Menschen herzulocken und zu integrieren, nur dann bleibt das Erwerbspersonenpotenzial in den nächsten Jahrzehnten konstant, so die IAB-Bertelsmann-Studie. Nur dann wird Deutschland nicht zur Schrumpfnation.

Es stimmt schon: 2015 war die Zuwanderung mehr als doppelt so hoch wie langfristig notwendig. Aber die Entwicklung ist durch die prekäre Lage in Syrien und in den Flüchtlingslagern an den Grenzen überzeichnet. Viele der Kriegsflüchtlinge werden in ihre Heimat zurückkehren, wenn es die Sicherheitslage zulässt. (Fortsetzung unterhalb des Videos)

manager-magazin.de / Wochit

Bislang wächst die deutsche Wirtschaft vor allem, weil immer mehr Ausländer in Deutschland arbeiten wollen. 2016 dürften die Beschäftigung abermals neue Rekordmarken erreichen. Obwohl die heimische Bevölkerung altert, steigt das Erwerbspersonenpotenzial weiter. Ohne die Immigrationswelle wäre das vermeintliche zweite deutsche Wirtschaftswunder längst vorbei - einfach weil uns die Arbeitenden ausgegangen wären.

Qualifizierung und Integration sind entscheidend. Und da ist noch eine Menge zu tun: Obwohl es so viele offene Stellen gibt wie selten zuvor in Deutschland, dürfte im Laufe dieses Jahres die Arbeitslosenquote wieder zu steigen beginnen, wie das IAB vorhersagt, weil Flüchtlinge die bisher in bürokratischen Warteschleifen ausharrten, vermehrt auf den Arbeitsmarkt drängen. Donnerstag gibt's neue Zahlen zur Beschäftigungsentwicklung.

Damit Deutschland langfristig auch nur halbwegs auf dem heutigen Beschäftigungsniveau verharren kann, müssen rund 350 000 Menschen aus Asien und Afrika in den Arbeitsmarkt integriert werden. Jahr für Jahr. Über Jahrzehnte. Eine gigantische Aufgabe, die alles in den Schatten stellt, was die Bundesrepublik bislang an Zuwanderungs- und Integrationspolitik zustande gebracht hat.

Sicher, wir könnten uns dagegen entscheiden. So wie Japan: Abschottung, Schrumpfung, Sklerose. Die ökonomischen Kosten wären allerdings gravierend: weniger Wohlstand, angespannte Staatsfinanzen, weniger Innovationsdynamik.

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Pyramide, Tannenbaum, Pilz: Wie sich das Demografieproblem entspannt

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Die Bundesregierung müht sich seit einiger Zeit, Signale auszusenden, um potenzielle Migranten von einer Einreise nach Deutschland abzuhalten. Eine Strategie mit gravierendem Rückschlagspotenzial. Sollte die Terrorwelle dazu führen, dass die Zuwanderung von Nichteuropäern dauerhaft erschwert wird - oder, noch schlimmer, Menschen zwar ins Land kommen, aber ihre Integration noch schwieriger wird -, dann drohen massive wirtschaftliche Probleme und soziale Konflikte.

So oder so: Die ruhigen alten Zeiten werden so schnell nicht zurückkommen. Und bei Lichte betrachtet sollten wir es uns nicht mal wünschen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

Montag

Ostern - Heute geschlossen - Viele westliche Börsen machen wegen des Osterfestes dicht.

Dienstag

WIESBADEN - Nicht mehr allein - Das Statistische Bundesamt veröffentlicht detaillierte Zahlen zur Rekord-Zuwanderung von Ausländern 2015.

FRANKFURT - Jede Menge Kohle - Die EZB veröffentlicht die Geldmenge M3 für die Euro-Zone im Februar. Seit Monaten wächst sie schneller als eigentlich vorgesehen - Blasen-Gefahr.

ROM - Klimafragen - Neue Zahlen zum Geschäftsklima und dem Verbrauchervertrauen aus dem größten potenziellen Problemland der Eurozone: Italien.

Mittwoch

BRÜSSEL - Allianz der Demokraten - Die EU und Indien loten gemeinsame Interessen aus: Gipfeltreffen europäischer Spitzen mit Ministerpräsident Modi.

GENF - Hilfe! (Für Merkel?) - Internationale Konferenz des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR zum verstärkten Ausbau der Aufnahmeplätze für syrische Flüchtlinge.

WIESBADEN - Nach dem Alarm - In der Eurozone geht die Angst vor Deflation um. Nun veröfftentlicht das statistische Amt des größten Euro-Staates die erste Schätzung zur Steigerung der Verbraucherpreise. Gestiegene Spritpreise dürften ihre Wirkung nicht verfehlen.

DONNERSTAG

BRÜSSEL - Nach den Bomben - Treffen von Flugsicherheitsexperten aus den 28 EU-Staaten trefen sich zu Beratungen über die Sicherheit an europäischen Flughäfen.

WIEN - Balkan-Route - Treffen von Verteidigungsministern aus Mitteleuropa und dem Balkan zu Beratungen über die Flüchtlingskrise.

NÜRNBERG - Immer mehr Jobs - Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht die Arbeitsmarktdaten für März.

BRÜSSEL - Neu-Alarm? - Zuletzt war der Verbraucherpreisindex für die Euro-Zone leicht gesunken - Deflationsgefahr. Nun veröffentlichen die Statistiker erste März-Schätzungen für die Eurozone.

FREITAG

TOKIO - The World according to Tankan - Neuer Bericht zur Lage der japanischen Wirtschaft.

PEKING - Weltkonjunkturlokomotive - Offizielle Einkaufsmanagerindizes für die Industrie und den Dienstleistungssektor in China.