Chancengleichheit? Ein Erfahrungsbericht "Dass man nicht dazugehört, gibt einem die Elite schon zu verstehen"

Von Mirijam Günter
Mirijam Günter: Die Schriftstellerin und Literaturvermittlerin bietet im deutschsprachigen Raum Literaturwerkstätten für benachteiligte junge Menschen an.

Mirijam Günter: Die Schriftstellerin und Literaturvermittlerin bietet im deutschsprachigen Raum Literaturwerkstätten für benachteiligte junge Menschen an.

Foto: Dirk Fischer

Die Ergebnisse der Bundestagswahl zeigen auch, wie gespalten das Land ist. Etliche Teile der Gesellschaft fühlen sich abgekoppelt; Chancengleichheit und "Gerechtigkeit" waren für etliche Parteien im Wahlkampf wichtige Begriffe - oder eine Floskel. Unsere Gastautorin Mirijam Günter  weiß aus eigener Erfahrung, wie hoch die Hürden in Gesellschaft und Wirtschaft sind, wenn man nicht dazugehört. Für manager-magazin.de berichtet die Schriftstellerin aus ihren Erfahrungen mit benachteiligten Jugendlichen, für die sie Literaturwerkstätten anbietet.

Nach einem Treffen einiger Kulturschaffender steht man abends in geselliger Runde zusammen und kommt auf alte Schultage zu sprechen. Irgendwann trifft es mich. "Und auf welcher Schule warst Du?" fragt mich einer aus der Runde. Jetzt sollte ich schnell ein neues Leben erfinden, vielleicht ein zweiter oder siebter Bildungsweg, der mich doch das Germanistikstudium hat schaffen lassen, oder wenigstens einen König als Vater auf einer Koralleninsel.

"Hauptschule", gebe ich zur Antwort.

"Echt. Das ist ja krass, " fällt einem dazu in der Runde ein.

"Liest man denn in der Hauptschule überhaupt?", werde ich gefragt, nachdem sämtliche Klischees, von Gewalt über Rütli bis zu Hartz IV und was die Runde sonst mit Hauptschulen verbindet, durchgegangen worden sind. "Ich glaube, die lesen höchstens die Bildzeitung", gibt eine junge Frau zur Antwort. "Also, wir haben nicht die Bildzeitung gelesen", entgegne ich. "Du kommst aus Köln, da liest man ja den Express", versucht es einer auf die witzige Tour.

"Aber ich sehe dich immer mit so dicken überregionalen Tageszeitungen, Respekt, dass du als Hauptschüler das verstehst", bewundert mich einer aus der Runde. "Das ist alles schon ein paar Jahre her, jeder entwickelt sich weiter", sage ich. "Es gibt unter Gymnasiasten weniger gebildete Menschen und unter Hauptschülern sehr pfiffige Jugendliche. Schließlich muss der Hauptschüler viel mehr kämpfen, um bei all den Ressentiments einen Platz in der Gesellschaft zu finden." Diesen Aspekt hatte die Gruppe noch nie in ihrem Leben bedacht.

"Liest du eigentlich noch etwas anderes?" möchte dann jemand wissen.

"Konkret und die Kirchenzeitung." Sie schauen mich skeptisch an, aber niemand sagt etwas. Jemanden mit ihrem eigenen bildungsbürgerlichen Background hätten sie wahrscheinlich gefragt, ob er sie gerade verschaukeln wolle. Aber da steht tatsächlich eine ehemalige Hauptschülerin - wer weiß, was die dann macht, wenn jemand da mal kritisch hinterfragt? Man liest ja so einiges.

So, wie sie da stehen, tun sie mir fast schon leid. "Also den Sportteil im Express lese ich meistens schon in der Kneipe."

Einer aus der Gruppe, der sich auffällig zurückgehalten hat, gibt mir später zu verstehen, dass er auch auf der Hauptschule war; er bittet mich, dies für mich zu behalten. Zu groß ist die Angst, seine berufliche Künstlerkarriere zu gefährden, keine Chance zu haben und nur auf die üblichen Vorstellungen reduziert zu werden.

Ich kann es verstehen. Wer es trotz der Klischees nach oben geschafft hat, weiß, wie sich Einsamkeit anfühlt. Bestenfalls wird einer als interessanter Exot wahrgenommen; wenn man Pech hat, schlägt einem regelrechter Hass entgegen. Ist es doch ein Unterschied, unter seinesgleichen von Chancengleichheit zu sprechen oder auf einmal wirklich neben einem ehemaligen Hauptschüler zu stehen. Dass man nicht dazugehört, geben einem die Elite und deren Nachwuchs dann schon zu verstehen, allein durch ihren Habitus. Da wird einem das Lesen von Büchern bekannter Philosophen nicht zugetraut, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge und Analysen, die man entwirft, werden nicht ernst genommen.

"Ich möchte aus dieser Scheiße abhauen"

Foto: A3430 Bernd Thissen/ dpa

In einer meiner Literaturwerkstätten, die ich seit 2006 für junge Menschen im deutschsprachigem Raum anbiete, schreibt ein zwölfjähriger Förderschüler: Ich bin die Krähe, die wo für seine Mutter Wasser holt, ich bin der einzige Stern der für seine Mama leuchtet. Ich lobe ihn für seine Phantasie und ermuntere ihn und die anderen Schüler weiter zu schreiben.

"Für was? Aus uns wird eh nix, dass interessiert keinen, was wir hier schreiben, für uns interessiert sich gar keiner," meldet sich ein Junge zu Wort.

"Wir sind für alle nur die dummen Asis, wir sind noch unter den Hauptschülern, deswegen ärgern die uns immer und wollen uns verprügeln", erzählt eine Elfjährige.

"Wir sind der Welt scheißegal", klagt der Junge, dessen Phantasie ich so lobte. Bei einem Spaziergang am nächsten Tag zeigen mir die Schüler Spritzen im Gebüsch und Leute, die ihnen Drogen anbieten wollen und es nur nicht tun, weil ich dabei bin.

Das Jugendzentrum ist beschmiert, ringsherum liegen Schnaps- und Bierflaschen, die Fenster und Türen sind vergittert. Von den Schülern traut sich in seiner Freizeit keiner dort hin, wie sie mir berichten: Zu gewalttätig und zu laut sei es dort. "Da sind gar keine Jugendliche, sondern alte Leute, aber die Betreuer da trauen sich nicht, die rausschmeißen, weil die Angst vor denen haben." Was denn alt sei, möchte ich dann doch von den Zwölfjährigen wissen. "Zwanzig, fünfundzwanzig und älter", bekomme ich als Antwort.

Wo sie unter anderem ihre Freizeit verbringen, erfahre ich, als ich am späten Nachmittag einen Spaziergang durch den Stadtteil mache. Der Direktor hatte mir das Versprechen abgenommen, dass ich nichts abends durch den Stadtteil laufe, weil das zu gefährlich sei. Auf einem heruntergekommenen Spielplatz entdecke ich den phantasiebegabten Jungen mit seiner kleinen Schwester. Der Sand, in dem sie spielen, ist verdreckt, Glasscherben liegen herum. Am Spielplatzrand sitzen ein paar Erwachsene auf der Bank und trinken Schnaps.

Ein paar testerongeladene Jugendliche schreien herum und spielen das Spiel: Wer es schafft, als erster dem anderen ins Gesicht zu boxen. Der Junge bekommt Vertrauen zu mir und erzählt, dass seine Mutter gerade eine Party in der Wohnung veranstalten würde und er deshalb mit seiner Schwester auf dem Spielplatz wäre.

"Ich geh jeden Tag mit ihr raus, einer muss doch auf sie aufpassen, verstehen Sie das, Frau Günter? Manchmal gehe ich mit meiner kleinen Schwester zur S-Bahnstation und dann erfinde ich Geschichten für sie, wohin die S-Bahn fährt. Sie haben doch gesagt, ich habe sehr viel Phantasie - ich möchte aber lieber viel Geld haben, dann könnte ich mit meiner Schwester in die S-Bahn steigen und aus dieser Scheiße abhauen."

"Das Schlimme ist ja", erklärt mir abseits eines Treffens ein Intellektueller, "dass die Unterschicht sich gar nicht bewusst ist, dass sie unten ist. Die haben sich so in ihrem Elend eingerichtet, dass sie es gar nicht als Elend wahrnehmen. Sie wissen gar nicht um ihre Chancenlosigkeit. Die verstehen ihr elendige Lage gar nicht als elendig, die sind dort unten glücklich."

Im Jugendknast gibt es kaum Akademikerkinder

Foto: Daniel Roland/ AP

Eine Woche später treffe ich den phantasiebegabten Jungen und gehe mit ihm spazieren.

"Stimmt das eigentlich," fragt er mich, "dass einer, der aus einer besseren Welt kommt, nicht so schnell in den Knast kommt, wie ich? Das hat mir jemand erzählt. Weil bei mir der Richter sagt, da sitzt der Vater schon im Knast und der geht nur auf die Sonderschule, der kann ruhig in den Knast gehen, und dem anderen Jungen gibt er eine Chance, obwohl er dasselbe gemacht hat wie ich."

Was soll ich auf diese Frage antworten? Das ich nicht finde, dass ein Junge sich mit zwölf Jahren mit so einem Thema beschäftigen soll? Oder dass ich, obwohl ich seit 2006 in Jugendgefängnisse gehe, die Zahl der Akademikerkinder, die mir dort begegnet sind, an einer Schreinerhand abzählen kann? Ich lade ihn auf eine S-Bahn-Fahrt ein, die uns nicht ins heile Lummerland führt, aber wenigstens für zwei Stunden in ein schickes Eiscafé.

Viele Geschichten werden mir von Heranwachsenden erzählt. Da Erwachsene in ihrer Freizeit meist nicht da sind, erziehen die Kinder und Jugendlichen sich gegenseitig und erzählen sich vermeintliche Wahrheiten, die sie irgendwo aufgeschnappt oder erfunden haben. So erzählten mir mehrere Förderschüler an verschiedenen Schulen, dass sie auf der Sonderschule seien, weil ihre Mütter schon auf der Sonderschule waren, und dann dürften Kinder in Deutschland keine andere Schule besuchen. Hauptschüler erklären mit absoluter Überzeugung, dass ein Kind in diesem Land nicht das Gymnasium besuchen darf, wenn ein Elternteil im Gefängnis sitzt. Ein Junge aus einer Hauptschule erklärte seine Welt so: Sehen Sie Frau Günter, wir sitzen hier, weil unsere Eltern arm sind. Reiche Kinder gehen aufs Gymnasium.

Immer wieder sind junge Menschen erstaunt, wenn ich erzähle, dass ich auch auf der Hauptschule war und früher viele Schwierigkeiten hatte und Schriftstellerin geworden bin. "Du bist ja eine von uns, Du weißt ja, wie es uns geht", stellen die jungen Menschen oft fest. Da steht eine von ihnen. Und sonst? In der Politik, bei den Medien oder in der Kultur?

"Ich möchte gerne Polizistin werden", erzählt mir eine Elfjährige als ich die Förderschüler in meiner Literaturwerkstatt frage, was sie später einmal werden wollen. "Da musst du aber sehr sportlich sein und mindestens fünf Runden um einen Fußballplatz laufen können. Schafft du das?" Sie schaut mich skeptisch an und so laufen wir in dieser Woche jeden Tag nach der Literaturwerkstatt um den Fußballplatz. Allerdings erst, nachdem ich ihr ein paar Turnschuhe besorgt hatte, sie wäre sonst mit ihren kaputten Ballerinas gelaufen. "Sorry, bei uns ist gerade das Geld knapp", teilt sie verlegen mit.

Zwei Wochen später fährt die Klasse ins Landschulheim. "Hauptsache preiswert" ist die Devise und trotzdem ist es für die Eltern nicht zu bezahlen. Die Benzinkosten hätten das Projekt fast zum Scheitern gebracht. Ein Engel aus Köln-Dellbrück rettet die Klassenfahrt mit einer Spende. "Wir sind voll die Armenschule", kommentieren die Jugendlichen den Zustand. Dass ich hier sein kann, ist keine Selbstverständlichkeit, ein Verlag hat die Kosten übernommen.

"Ich werde einfach wie meine Eltern - nichts."

Foto: DPA

Ein Jahr später treffe ich das Mädchen wieder. Sie hat sich rein zufällig in die Schule verirrt. Sie freut sich, mich zu sehen, und ich spreche sie noch mal auf ihren Berufswunsch an. "Ach das, " winkt sie ab, "das waren doch nur Träume, das habe ich mir abgewöhnt. Ich werde einfach wie meine Eltern - nichts." Ein Jahr später bringt die noch nicht Vierzehnjährige ihr erstes Kind zur Welt. Der Konrektor, ein duldsamer und nie resignierter Mensch, erzählt mir, dass er teilweise die dritte Generation an Schülern unterrichtet.

Ich weiß nicht was Liebe ist, denn Liebe kommt nicht in meinem Leben vor, aber ich denke Liebe ist wie die Sonne, sie erwärmt das Herz, schreibt eine Vierzehnjährige in einer Jugendpsychiatrie bei mir. Voller Stolz hatte sie mir am Tag zuvor erzählt, dass sie auch schon in der Zeitung gestanden habe: nach ihrer Geburt. Der Grund: sie hatte eine ganz junge Großmutter. Alter: 28.

Sie erzählt mir, dass sie tagelang abhauen würde, und ich bitte sie, das nicht zu tun, da ich mir sonst Sorgen machen würde. Sie schaut mich verständnislos an. "Warum?" "Weil du vierzehn bist und nicht nachts draußen sein solltest, das ist gefährlich." "Also, um mich hat sich noch nie einer Sorgen gemacht und ich habe immer draußen rumgehangen."

Warum so wenige Akademikerkinder im Jugendgefängnis sind, frage ich eine Woche später die Teilnehmer einer Literaturwerkstatt im Jugendgefängnis. Nachdem sie Akademikerkinder mit Bonzenkinder übersetzt haben, bekomme ich an nächsten Tag von einem Jungen einen Zettel mit einer Antwort:

Um Kinder mit reichen Eltern wird sich gekümmert. Da achten die Eltern drauf, dass die Kinder anständiges Essen, Kleidung und genug Bildung bekommen. Die können sich gar nicht vorstellen, dass es in Deutschland Kinder gibt, die hungern. Wir leben einfach in komplett verschiedenen Welten und begegnen uns nie, höchstens wenn wir mal bei denen einbrechen oder die bei uns Drogen kaufen.

Kinder die hungern? In Deutschland? In einer Schule erzählen mir ein paar Kinder ganz erstaunt, dass bei ihnen im Heim sogar am 26. des Monats der Kühlschrank gefüllt sei. Ein Junge erklärt, wie er mindestens fünfundzwanzig Mal den Kühlschrank aufgemacht hatte, weil er es nicht glauben konnte; bei ihm zu Hause sei der Kühlschrank ab dem zwanzigsten leer.

Morgens um elf hat keiner der Jugendlichen etwas gefrühstückt

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Ein paar Wochen später erklärt mir an einer anderen Förderschule eine junge Lehrerin die Sinnlosigkeit unseres Tuns.

"Früher hätte man diese Kinder hier nicht auf eine Schule geschickt, sondern direkt aufs Feld, da war von Anfang an klar, aus denen werden Knechte und Mägde, was bringt das denn, denen mühselig etwas beizubringen? Die werden unserem Sozialwesen zeitlebens auf der Tasche liegen." Zum Abschluss meiner Literaturwerkstatt haben die acht verhinderten vierzehnjährigen Knechte und Mägde ein Gedicht geschrieben, an dessen Ende steht: ich bin traurig, weil ich jemanden verloren habe aber ich weiß, dass ich am Ende wie eine Sonnenblume lachen werde.

Ob ich denn jetzt nicht langsam genug für meinen Roman recherchiert hätte, werde ich häufig gefragt. Einen Roman brauche ich nicht zu schreiben, es wäre eher ein Reisetagebuch über meine nicht nur literarischen Begegnungen mit jungen Menschen, die sehr oft das Gefühl haben, ein von der Bevölkerung nicht beachtetes Dasein zu fristen.

Im Herbst verschlägt es mich in eine Massenschule; hier tummeln sich Auszubildende verschiedener Berufsgruppen, Schüler, die auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur machen möchten, und Teenager, die schulpflichtig sind, bei denen aber niemand weiß, wohin mit ihnen, und die für eine Woche meine Gäste sind.

Bis sie achtzehn sind, werden sie hier bespaßt, dann kommt der Ernst, der eh schon da ist, wie mir ein Junge erklärt. Die Jugendlichen aus meiner Literaturgruppe tragen teilweise die gesamte alleinige Verantwortung für ihre zerrütteten Familien. Probleme wie Gewalt, Drogen und Gefängnisaufenthalte kennen alle aus ihren Familien; gemeinsam ist ihnen der Mangel an Geld.

Morgens um elf hat keiner der Jugendlichen etwas gefrühstückt, bis halb zwei haben sie eine Tüte Gummibärchen gegessen, die ich in meinem Rucksack hatte. Der biologische Vollwertkiosk bietet Speisen an, die sich die Schüler nicht leisten können. Mittags werde ich in den Hauswirtschaftsunterricht gerufen, dort wartet ein Essen auf mich. In letzter Sekunde kann ich verhindern, dass eine Schüssel mit Pudding und eine Lasagne entsorgt werden. Ich hole meine Literaturteilnehmer und wir essen, nicht nur an diesem Tag, zusammen.

Während dieser Woche verkleben postpubertierende Schüler mit anarchistischen Anwandlungen Aufkleber, auf denen die Abschaffung von Armut gefordert wird und die sofortige soziale Revolution, in was für einer Welt auch immer. In dieser Welt und in dieser Schule sind sich meine Gruppe und die der Revolutionäre nie begegnet, wie sie auf Nachfrage bestätigen. Aber sie bestaunen sich.

"Können Sie den Menschen, für die Sie da schreiben, bitte sagen, dass ich versuchen werde, einen Abschluss zu bekommen und einen vernünftigen Job", bittet mich der Junge mit Phantasie zum Schluss. "Dann nehme ich meine Schwester mit und wir suchen uns eine schöne Wohnung. Vielleicht werde ich ja doch noch eine gute Geschichte."

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