Mittwoch, 20. November 2019

Wie der Handelskrieg eskaliert USA versus China: Zwei angeschlagene Riesen

Containerschiffe: Die 20.000-Kästen-Kasten
DPA

3. Teil: Drei Herausforderungen: Armut, Schulden, Klima

Neben persönlichen machttaktischen Erwägungen des Führungspersonals spielen tiefgreifende strukturelle Probleme eine Rolle, die sich in einigen Punkten frappierend ähneln. Sie bilden den Hintergrund, vor dem sich der Handelskonflikt entfaltet.

Ungleichheit: Der Wohlstand in den USA und in China ist deutlich ungleicher verteilt als etwa in Westeuropa. In den USA leben mehr als ein Sechstel der Bevölkerung unterhalb der Armutsschwellen, in China mehr als ein Viertel. Die Einkommensunterschiede sind viel größer als in europäischen OECD-Ländern.

Auch die regionalen Divergenzen sind in den beiden Riesenstaaten gravierend. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf liegt im reichen Nordosten der USA (Massachusetts) rund doppelt so hoch wie im armen Süden (Mississippi). Ähnlich groß sind die Unterschiede zwischen Chinas Südosten und seinem rückständigen Westen. Derart große Unwuchten zerren am gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Schulden: Die USA und Chinas sind in fast gleichem Ausmaß verschuldet, wie aus OECD-Zahlen hervorgeht. Staat, Unternehmen und Privatbürger schieben zusammen Verbindlichkeiten von rund 250 Prozent der jeweiligen Wirtschaftsleistung vor sich her. In den USA ist es der Staat, der am höchsten verschuldet ist; in China sind es die (häufig staatlichen) Unternehmen.

Ein Teil der US-Schulden wird vom Ausland finanziert. Dank der Größe seiner Kapitalmärkte und des Weltwährungsstatus des US-Dollars sind Anleger aus aller Welt bereit, Amerikas Überkonsum zu extrem günstigen Bedingungen zu finanzieren. Bislang jedenfalls.

Je mehr Trump die internationale Wirtschaftsordnung und die nationalen Institutionen beschädigt, desto mehr müssen die USA eine Neubewertung ihrer Solvenz als größte Schuldnernation der Welt fürchten. Die kürzlich bekannt gewordenen Pläne, chinesische Konzerne von den US-Börsen zu verbannen, dürften bei manchem Investor grundsätzlichere Fragen aufgeworfen haben.

China wiederum ist das mit Abstand am höchsten verschuldete Schwellenland. Um das Wachstum am Laufen zu halten, hat die Führung in Peking seit der großen westlichen Rezession von 2008 die Banken von der Kette gelassen - und damit das Wachstum schuldenfinanziert auf Kurs gehalten. Die Staatsführung scheint eine herbe Rezession um jeden Preis vermeiden zu wollen; der Preis sind steigende Risiken im Finanzsystem.

Chinas Gläubiger sitzen überwiegend im Lande selbst. Dass viele von ihnen die Situation kritisch einschätzen, zeigt sich an der latenten Kapitalflucht, die die Behörden mit aller Macht versuchen zu verhindern. Kapitalverkehrskontrollen sollen Chinas Ersparnisse im Land halten. Zudem hat Peking seit 2014 fast 800 Milliarden Dollar an Währungsreserven zur Stabilisierung des Wechselkurses auf die Märkte geworfen. Die hohen Schulden werden zum Problem, sollte das Wachstum irgendwann ausbleiben. Auch deshalb setzt China auf rasches technologisches Upgrading. Pekings ambitionierte Made-in-China-Strategie könne nur aufgehen, wenn man weiterhin Zugriff auf ausländisches Wissen habe. Die Wirtschaft ähnele einem "Kartenhaus", so der Thinktank Merics: "Chinas Ambitionen stehen auf wackligem Grund. Die Abhängigkeit von ausländischem Technologie-Knowhow bleibt groß." Die rote Wirtschaftsgroßmacht bleibt auf den Austausch mit dem Rest der Welt dringend angewiesen.

Klimawandel: China und die USA sind die größten Emittenten von Kohlendioxid und anderen klimaschädlichen Gasen weltweit. In den kommenden zwei bis drei Jahrzehnt müssen sie ihr Wirtschaftsmodell drastisch anpassen. Andernfalls wird sich der Klimawandel nicht bremsen lassen. Zwar stoßen beide Länder weniger Emissionen in Relation zur Wirtschaftsleistung aus als früher. Aber im Vergleich zu Westeuropa ist der Rückstand enorm. Umso größer sind die Herausforderungen für die Zukunft. Zwar kann der Strukturwandel hin zu einer klimaneutralen Wirtschaftsweise einen neuen Wachstumsschub auslösen. Zunächst aber entwertet er große Teile der existierenden Infrastruktur und kostet Millionen von Jobs - sozialer Sprengstoff.

Die Lage in beiden Ländern ist nicht so stabil, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Der Handelskrieg jedoch, soviel ist klar, wird keines der anstehenden Probleme lösen, sondern sie, im Gegenteil, verschärfen. Umgekehrt: Offene Grenzen und geordneter Austausch von Gütern und Ideen wären enorm nützlich. Den Konflikt beizulegen wäre zweifellos die beste Lösung.

Das Kalkül der Regierenden aber sieht anders aus. Ihnen geht es zuallererst um die Sicherung der Macht: sehr kurzfristig für Donald Trump angesichts des drohenden Impeachments und des beginnenden Wahlkampfs - mittelfristig auch für Xi Jinping, der befürchten muss, dass seine Bürger gegen die Partei aufbegehren und bürgerliche Freiheits- und politische Mitwirkungsrechte einfordern, wie derzeit schon die Einwohner Hongkongs.

Der Konflikt mit dem jeweiligen Gegner - samt üblicher Beschwörungsformeln von nationaler Einheit und Stärke - nützt Trump und Xi für den Moment mehr als eine vernünftige kooperative Politik. Tragisch eigentlich.

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