Gesundheitstourismus Deutschland Reiche Araber und Russen kommen seltener nach Deutschland

Reiche ausländische Patienten schätzen deutsche Kliniken und zahlen für die Behandlung viel Geld. Doch Russen und Araber kommen seltener. Jetzt gehen die Kliniken in die Offensive und werben um Auslandspatienten - zum Beispiel in Dubai.
Deutsche Spitzenmedizin: Reiche Ausländer wissen sie zu schätzen. Doch die reichen Russen und Araber kommen seltener

Deutsche Spitzenmedizin: Reiche Ausländer wissen sie zu schätzen. Doch die reichen Russen und Araber kommen seltener

Foto: Jochen Lübke/ dpa

Prominenter geht es kaum: Ägyptens damaliger Präsident Husni Mubarak wählte die Uni-Klinik Heidelberg, als er sich 2010 die Gallenblase entfernen ließ. Kasachstans Machthaber Nursultan Nasarbajew folgte nur ein Jahr später mit einer Prostata-Operation in Hamburg. Und die frühere ukrainische Regierungschefin Julia Timoschenko unterzog sich in Berlin einem Eingriff am Rücken.

Reiche Russen und Araber lassen sich immer noch gern in Deutschland behandeln und operieren. "Deutsche Kliniken sind weltweit beliebt", sagt Juszczak, Wissenschaftler der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem "Gesundheitstourismus".

Selbiger wird nach Einschätzung des Experten vorerst aber zurückgehen - und damit auch lukrative Einnahmen für Spitzenmediziner. Denn "es gibt bei zwei wichtigen Gruppen rückläufige Zahlen: bei Patienten aus Russland und aus den arabischen Staaten", sagt der Forscher. Bei Russen führe die wirtschaftliche und politische Krise zu einem Rückgang von etwa 30 Prozent. "Zudem orientieren sich viele Russen neuerdings nach Israel, wo sie kein Visum benötigen."

In den arabischen Staaten wiederum führe unter anderem der niedrige Ölpreis zu einem Sparkurs. "Es werden zwar weiter etwa onkologische Eingriffe durchgeführt, aber andere Behandlungen wie Augenlasern werden aufgeschoben", sagt Juszczak. "Ich erwarte für 2016 ein Nullwachstum. Für 2017 deutet sich ein Rückgang an."

Neue Konkurrenz erwächst

Neue Konkurrenz erwächst. Für Patienten aus arabischsprachigen Ländern werde auch die Türkei zunehmend interessant , erklärt Martin Schmidt von der Freiburger Erich-Lexer-Klinik. "Die Ärzte dort wurden sehr oft in Deutschland oder den USA ausgebildet und arbeiten auf einem ähnlichen Niveau wie zumindest Deutsche - und gehören dem Islam an."

Dabei kommen nicht nur hoch lukrative Kunden nach Deutschland zur Behandlung, die in gesonderten Gebäuden der Kliniken dann gleich ganze Suiten anmieten. 2015 ließen sich rund 255.000 Patienten aus 177 Ländern in Deutschland behandeln. Oft fragen Patienten mit ernsten Erkrankungen an, die kein Vertrauen in das Gesundheitssystem ihres eigenen Landes haben. Es geht etwa um Geburtsschäden, Unfallverletzungen oder Kriegswunden. Dabei kratzten viele dieser Kunden ihr letztes Geld zusammen.

Sie brachten dem deutschen Gesundheitssystem Einnahmen von mehr als 1,2 Milliarden Euro. "Der Zuwachs gegenüber 2014 betrug jedoch nur 1,4 Prozent - die geringste Rate seit mehr als zehn Jahren." Um den Trend zu stoppen, sollten Kliniken mehr Geld in Werbung stecken, neue Märkte erschließen und auf die Patienten zugehen.

Wenn das Krankenhaus zum Patienten kommt ...

Baden-Württemberg scheint den Rat zu beherzigen. Das Bundesland warb zuletzt auf Fachmessen wie der etwa der "Arab Health" in Dubai.  Anfang Februar präsentierten sich dort die Region Freiburg, der Landkreis Konstanz, die Region Schwarzwald und die Metropolregion Rhein-Neckar. Sie werben nicht nur mit Medizin, sondern auch mit schöner Landschaft. Gesundheitstouristen sollen nach einem Eingriff noch Urlaub machen, lautet der Wunsch.

Dass die Behandlung von Kunden aus dem Ausland zu Nachteilen bei einheimischen Patienten führt, hält Juszczak für unwahrscheinlich. "Bei sehr speziellen Therapien kann es einmal zu Wartezeiten kommen, aber insgesamt ist die Zahl ausländischer Patienten vergleichsweise sehr gering", sagt der Experte.

rei/dpa
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