Stefan Randak

Umbruch in der Autoindustrie Megafusion gegen den Trend - warum VW FiatChrysler und Renault nicht fürchten muss

Stefan Randak
Von Stefan Randak
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FiatChrysler und Renault: Kooperationen, nicht Mega-Bündnisse sind der Weg in die Zukunft

FiatChrysler und Renault: Kooperationen, nicht Mega-Bündnisse sind der Weg in die Zukunft

Foto: MARCO BERTORELLO and LOIC VENANCE / AFP

Der Umbruch in der Automobilwelt ist in vollem Gang. Ein neuer Wettlauf unter den Herstellern sowie Newcomern hat längst begonnen. In der sich anbahnenden digitalen und gleichzeitig umweltbewussteren Welt benötigt eine erfolgreiche Marke aber nicht mehr den stärksten Motor oder das sportlichste Design. In der Zukunft wird es vielmehr auf umweltbewussteren Antrieb, autonomes Fahren, nützliche Fahrassistenzsysteme, Car Connectivity, Infotainment und mobile Verfügbarkeiten ohne Kaufzwang ankommen.

Stefan Randak
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Atreus

Stefan Randak ist Direktor und Leiter der Praxisgruppe Automotive beim Interim-Management-Anbieter Atreus in München.

Diese komplette Neuausrichtung verlangt sowohl von den Herstellern als auch auf Zuliefererseite extreme Kraftanstrengungen in Form von Kapital (Investitionen in neue Technologien), Personal (andere Fachkräfte werden benötigt) und Organisation (flachere Hierarchien und agile Arbeitsmethodik). Die Elektromobilität ist dabei nur ein Aspekt. Wer die "5 Stufen des autonomen Fahrens" vollumfänglich erreichen will, wer das Fahrzeug zum fahrenden Mobiltelefon entwickeln und gleichzeitig nicht in den Fallstricken einer mangelnden "Cyber Security" zu Fall kommen möchte, muss noch deutlich mehr investieren. Der Blick nach helfenden Händen am Beckenrand liegt daher auf der Hand.

Zeit der Megafusionen ist vorbei

Klassische Megafusionen als Antwort darauf sind jedoch der falsche Weg. Ihre Unwägbarkeiten sind kaum zu beherrschen und ein möglicher Koloss wie Fiat Chrysler  und Renault (Kurswerte anzeigen) wird daran scheitern. Beispiele von geringerer Tragweite endeten bereits im Misserfolg: Die "Hochzeit im Himmel" zwischen Daimler und Chrysler brachte Daimler fast zu Fall. Auch die Fusion zwischen BMW und Rover war von Anfang an nicht von Erfolg gekrönt und endete in einer Zerschlagung.

Kooperationen unter Gleichen sind der Weg in die Zukunft. Hierbei stehen gemeinsame Investitionen (z.B. in der Navigation), die Bündelung von Wissen (z.B. in der Elektromobilität), die Schaffung von gemeinsamen Fertigungskapazitäten (z.B. in der Batteriezellenproduktion), die Nutzung gemeinsamer Produktionsstätten (z.B. beim Bau von gemeinsamen Produkten), die Zusammenarbeit im Vertrieb (z.B. in der Erschließung neuer Märkte) und die Bündelung von Marktmacht (z.B. bei der Zusammenarbeit im Einkauf) im Vordergrund. Ein gutes Beispiel hierfür ist die gemeinsame Übernahme des Kartendienstes "Here" im Jahr 2015 durch Daimler, BMW und Audi oder die zu Beginn des Jahres bekannt gewordene Kooperation von Volkswagen und Ford bei der Pick-up-Fertigung. Die Vorteile liegen auf der Hand:

1. Die Fokussierung auf aktuell wichtige Einzelthemen

2. Die Bündelung von überschaubarem Kapital sowie Personal und Wissen auf Zeit

3. Das Erreichen von Skaleneffekten in überschaubaren Zeiträumen

4. Der Strukturierungs-/Restrukturierungsaufwand ist überschaubar und händelbar.

Fiat Chrysler unter Zugzwang

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Auto-Kooperationen: Die Transporter-Zwillinge aus Konzernallianzen

Foto: Volkswagen

Blicken wir auf Fiat Chrysler, fällt auf, dass es sich dabei schon längst nicht mehr um einen italienischen Konzern handelt. Das Unternehmen entstand 2014 durch die Übernahme von Chrysler, hat seinen rechtlichen Sitz in Amsterdam und die operative Zentrale in London. Die Geschäfte laufen seit Jahren unbefriedigend. Zudem ist bekannt, dass der Konzern insbesondere die Elektromobilität verschlafen hat. Investoren an der Börse halten sich seit Jahren zurück. Der Aktienkurs schlingert seit 5 Jahren zwischen mindestens 5 und maximal 20 Euro. Im Frühjahr 2019 sackte das Ergebnis auf Konzernebene erneut um ein Drittel gegenüber dem Vorjahr ein.

Fiat Chrysler muss also handeln und zwar jetzt. "Der Konzern ist offen für Partnerschaften" teilte Mike Manley kürzlich bei der Präsentation der Zahlen 2018 öffentlich mit. Seine Initiative liegt nun auf dem Tisch: Durch eine Fusion von Fiat Chrysler mit Renault entstünde hinter Volkswagen und Toyota der drittgrößte Autohersteller der Welt mit einem Absatzvolumen von 8,7 Millionen Fahrzeugen. Sollten Nissan und Mitsubishi ebenfalls einsteigen, entstünde mit über 15 Millionen Fahrzeugen sogar der größte Autohersteller überhaupt.

Fusion mit Renault erscheint sinnvoll

Fusion mit Renault erscheint sinnvoll

Die Franzosen um Renault sind gut in der Massenproduktion bei Klein- und Kompaktwagen und die Elektromobilität ist bereits Teil der Produktpalette. Das Kerngeschäft läuft in Europa sowie den Schwellenländern. In der Mittel- und Oberklasse tut man sich jedoch schwer. Im zweitgrößten Absatzmarkt Amerika ist man so gut wie nicht vertreten.

Fiat Chrysler hingegen ist stark in Nordamerika. 50 Prozent der 4,8 Millionen Neuwagen werden dort abgesetzt. 90 Prozent des Gewinns entstammen aus diesem Markt. Auch Lateinamerika gehört für den Konzern zu den wachsenden Märkten. Das Segment der Mittel- und Oberklasse (Alfa Romeo und Maserati) sowie Geländewägen (Jeep) sind bereits erfolgreicher Teil des Unternehmens.

In Europa aber schwächelt der Konzern, nur der Kleinwagen Fiat 500 und seine Abwandlungen behaupten sich am Markt. In China, dem Absatzmarkt Nummer 1, ist man so gut wie nicht präsent. Bei der Elektromobilität hat der Konzern nichts zu bieten. Es gibt nicht einmal ein ausschließlich batteriegetriebenes Modell der ersten Generation.

Schwierige Situation in beiden Unternehmen

An Renault ist der Staat Frankreich mit 15 Prozent beteiligt und hat damit ein Mitspracherecht. Ob und wie die Partner Nissan und Mitsubishi einsteigen, wäre noch zu klären. Renault verkauft beispielsweise weniger Autos als Nissan, hat aber im Dreier-Bündnis mehr Stimmrechte. Jean-Dominique Senard leitet den Konzern erst seit kurzer Zeit, da sein Vorgänger, Carlos Ghosn, wegen einem angeblichen Verstoß gegen Börsenauflagen im Gefängnis sitzt.

Italien ist am Fiat Chrysler Konzern nicht beteiligt. Erste Stimmen, dies im Fusionsfall den Franzosen gleich zu tun, sind bereits zu hören. Das Markengleichgewicht zwischen Fiat und Chrysler hinkt. Chrysler ist der überwiegende Ergebnisbringer und bezuschusst den maroden Zustand von Fiat. Auch Mike Manley ist neu an der Spitze. Sein Vorgänger, Sergio Marchionne, starb kürzlich.

Soll die Fusion Erfolg haben, müssen tiefgreifende Effekte in überschaubarer Zeit realisiert werden:

1. Einsparungen: Hier rechnet man mit ca. 5 - 8,7 Milliarden Euro pro Jahr, je nach Einstieg der Partner.

2. Technologischer Fortschritt: Hier haben die Franzosen mehr zu bieten als die Italiener. Daher drängen die Franzosen bereits darauf, die Leitung des fusionierten Konzerns zu übernehmen. Die Italiener sehen das nicht gerne und wollen mindestens eine aufwendige Doppelspitze.

Die Gewerkschaften, welche berechtigterweise den massiven Verlust von Arbeitsplätzen befürchten, sind zum äußersten bereit. Auch die maßgebenden Politiker beider Länder, Macron und Salvini, können sich keine Stimmenverluste erlauben. Die zu vereinenden Befindlichkeiten dreier Kulturen (Franzosen, Italiener und Japaner) wären dann noch eine weitere Herausforderung. Die Führung eines solchen Riesen dürfte sich ebenfalls als extrem schwierig erweisen.

Keine Konkurrenz für Volkswagen

Die anfängliche Euphorie an der Börse ist bereits verflogen. Der alleinige Zusammenschluss von Fiat Chrysler und Renault ändert nichts an der klaffenden Absatzlücke in China. Auch Nissan, sofern Teil des Ganzen, hat dort seine Ziele bis 2023 gesenkt. Hier ist Volkswagen jedoch längst platziert.

Im Zukunftsfeld Elektromobilität verfügt Volkswagen  über zusätzliche Kompetenzen, wie etwa bei Hybridantrieb oder der Brennstoffzelle. Die eigenständigen Marken Audi, Porsche, Skoda und Seat sind schon längst mit einer deutlichen Aufgabenverteilung in den Konzern integriert. Eine baldige Bewältigung der Dieselaffäre sowie eine überlegte Umsetzung des verabschiedeten und milliardenschweren Investitionspakets für neue Zukunftstechnologien könnte den Konzern vielmehr an die Spitze spülen als ihn durch eine Megafusion unter Zweitligisten in Gefahr bringen.

Stefan Randak ist Direktor und Leiter der Praxisgruppe Automotive beim Interim-Management-Anbieter Atreus in München und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.