Mittwoch, 20. November 2019

Forschungsreport Was Smartphones mit unserem Gehirn machen

5. Teil: Hirnforscher Martin Korte im Interview: "Informationen haben und Denken können ist ein Unterschied"

Martin Korte (54) ist Professor in der Abteilung Zelluläre Neurobiologie an der TU im niedersächsischen Braunschweig. Er untersucht die zellulären Grundlagen von Lernen, Gedächtnis und Vergessen. Der Hirnforscher berät Schulbehörden zu Fragen digitaler Medien.
Johannes Felsch/TU Braunschweig/dpa
Martin Korte (54) ist Professor in der Abteilung Zelluläre Neurobiologie an der TU im niedersächsischen Braunschweig. Er untersucht die zellulären Grundlagen von Lernen, Gedächtnis und Vergessen. Der Hirnforscher berät Schulbehörden zu Fragen digitaler Medien.

Machen Handys und digitales Dauersurfen dumm? Hirnforscher Martin Korte neigt nicht zur Panik. Aber bei manchen Formen des Umgangs mit dem Internet gehen bei ihm rote Warnlichter an. Ein Interview.

Herr Professor Korte, erleben wir gerade eine Revolution des Gehirns, weil viele Menschen massiv Smartphones und digitale Medien nutzen?

Korte: Ich sehe keine Revolution unseres Gehirns. Das Gehirn ist zwar hoch anpassungsfähig im Laufe unseres Lebens. Menschen können sehr viel lernen. Aber die genetische Grundkonstitution unseres Gehirns verändert sich in Zeiträumen von Zehntausenden von Jahren. Insofern erleben wir hier keine Revolution. Was ich eher glaube ist, dass wir einen Übergangszustand erleben, in dem wir lernen müssen, mit einer neuen Technologie umzugehen. Im Moment sehe ich jedoch Belege dafür, dass wir die digitalen Medien so einsetzen, dass wir unserem Gehirn keinen Gefallen tun.

Was läuft schief?

Eine Sache ist, dass wir zu viel Wissen auslagern und nicht mehr selbst versuchen, Wissen abzuspeichern. Das ist wichtig, um über komplexe Probleme nachdenken zu können und selber auf neue Lösungen zu kommen.

Was meinen Sie genau?

Es gibt Untersuchungen mit Leuten, die mit dem Internet groß geworden sind, mit sogenannten Digital Natives. Wenn man denen eine einfache Frage stellt, denken sie gar nicht darüber nach, ob sie die Antwort selbst wüssten, sondern nur über eine Internetsuche dazu. Wir können aber nur eine vernünftige Suchanfrage starten, wenn wir schon viel wissen. Sonst kriegt man 80 000 Antwort-Treffer in 0,4 Sekunden. Da braucht man anderthalb Lebenszeiten, um sie zu lesen. Die meisten Nutzer lesen nur die ersten drei Treffer. Sie glauben dann, die richtige Antwort zu haben. Doch um die Antwort als gut oder schlecht einschätzen zu können, muss man schon eine Masse Vorwissen besitzen. Dieses Wissen sammelt man aber nicht mehr, wenn man sich aufs Netz verlagert. Auch Wissen ist eine Kompetenz, die man erwerben muss.

Im Internet lassen sich doch viele Informationen finden...

Ja. Aber Informationen haben und Denken können ist ein Unterschied. Um ein Thema wirklich zu durchdringen, muss man selber im Kopf Dinge abgespeichert haben und damit arbeiten. Denn es ist eine immer wieder zu lesende Fehleinschätzung, dass unser Gehirn eine Festplatte habe. Und die bräuchten wir jetzt nicht mehr, weil wir übers Internet ein viel höheres Speichervolumen haben. Das Gehirn hat keine Festplatte. Sondern wann immer wir auf einem Gebiet viel lernen, ein Experte oder eine Expertin werden, verändern sich im Gehirn sehr viele Prozesse. Unsere Wahrnehmung auf das Thema funktioniert anders, unser Denken, unser Handeln.

Und was wandelt sich in der digitalen Welt noch in den Köpfen?

Das Zweite, was sich im Gehirn verändert, ist dass das Arbeitsgedächtnis kleiner wird: Unser Konzentrationsvermögen, die Zeit, wie lange wir uns konzentrieren können, ohne uns abzulenken, wird kleiner. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass eine Reihe von Nutzern am Computer etwa 40 Sekunden einer Sache nachgehen, bevor sie sich ablenken lassen. Man kann erwarten, dass das nicht zu einer sinnvollen Arbeitsproduktivität führt.

Um wie viel kleiner wird das Arbeitsgedächtnis?

Es gibt eine große Studie, dass wir hier von 15 auf 11 Sekunden abgefallen sind. Wenn man Probanden bittet, ohne dass sie wissen, worauf es ankommt, sich einen Begriff eine bestimmte Zeit zu merken, dann sieht man: Früher haben sie es 15 Sekunden geschafft. Jetzt schaffen die meisten nur noch elf Sekunden. Da sind wir deutlich abgefallen.

Sie sagen: Es gibt Berge von Informationen im Internet, die Menschen schwer bewerten können. Zugleich sind Menschen oft unkonzentriert und machen viele Sachen gleichzeitig. Diese Dinge spiegeln sich im Kopf?

Das Gehirn ändert seine Verarbeitungswege als Reaktion auf das, was von außen reinkommt. Wenn das Gehirn sich überfordert fühlt von der Informationsmenge, die es verarbeiten soll, dann passiert nicht, dass man sich hinsetzt und versucht, differenzierter zu denken. Stattdessen schaltet das Gehirn in einen Modus, undifferenziert zu denken und die Informationen eher abzuwehren. Das heißt zum Beispiel für aktuelle Debatten: Man wird es bei jemandem, der sich überfordert fühlt, nicht schaffen, differenziert etwa über einen US-Präsidenten Donald Trump nachzudenken. Gerade wenn man 100 Fakten vorlegt, wo dieser Politiker gelogen hat, wird das Gehirn mit Vorliebe die riesige Datenmenge so stark reduzieren, dass es nur noch schwarz-weiß gibt. Zu hohe Komplexität führt oft zum Ausweichen ins Vereinfachen.

Und wie sicher ist, dass das mit digitaler Technik zu tun hat?

Ganz genaue Messungen dazu gibt es nicht, also keine 100-prozentige Sicherheit über Ursache und Wirkung, weil man nur Korrelationen, also Beziehungen, herstellt. Man kann zum Beispiel sagen, dass es seit 2007/08 deutlich zugenommen hat, dass sich mehr Menschen überfordert fühlen von Informationen. Wir haben auch seitdem verstärkt Diskussionen über Schwierigkeiten mit sehr vereinfachten Darstellungen im Internet bis hin zu Falschdarstellungen, also Fake News. Dieses Datum ist nicht zufällig, weil 2007 das iPhone eingeführt wurde. Kurz danach hatten in den westlichen Gesellschaften mehr als 50 Prozent der Leute ein Smartphone. Seitdem wir das Internet im Telefon bei uns tragen können, ist die Informationsmenge, mit der wir uns ständig umgeben, gewachsen.

Aber bewiesen ist die Verbindung nicht?

Man muss bei Korrelationen immer aufpassen. Es gab auch eine große Wirtschaftskrise und den Bankenzusammenbruch 2008. Für mich ist das mit dem Smartphone jedoch eine sehr überzeugende Korrelation.

Geht es also mit unseren Gehirnen abwärts?

Ich bin da nicht so pessimistisch. Es ist ja nicht die Schuld digitaler Medien, dass wir uns von Informationen überlastet fühlen, sondern es geht um unsere Art der Nutzung. Bei jeder Technologie braucht es eine Zeit, um sich an die technischen Gegebenheiten zu gewöhnen.

Petra Kaminsky, dpa/mh

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