Mittwoch, 20. November 2019

Forschungsreport Was Smartphones mit unserem Gehirn machen

4. Teil: Digitales Lesen könnte unser Denken "flach und ungeduldig" machen

Digital oder analog lesen: Bei der Verarbeitung im Gehirn gibt es offenbar grundlegende Unterschiede
Yui Mok/PA Wire/DPA
Digital oder analog lesen: Bei der Verarbeitung im Gehirn gibt es offenbar grundlegende Unterschiede

Passend dazu können Forscher zeigen, dass lange Informationstexte aus Büchern und von Papier im Gehirn besser erinnert werden, als wenn sie aus dem Netz gefischt wurden. Wolf warnt, dass sich das Gehirn durch die neuen digitalen Lesegewohnheiten insgesamt daran gewöhnen könnte, flach und ungeduldig zu denken. Sie sieht die Gefahr, dass Menschen so einen Teil ihrer Fähigkeit zur Analyse komplexer Fragen verlieren. Ein Risiko auch fürs Mitdenken in der Politik, für Wahlen und Demokratie. Aber bewiesen, räumt Wolf ein, ist das noch nicht.

In eine ähnlich mahnende Richtung zielt die "Stavanger-Erklärung" von Anfang 2019. Maryanne Wolf hat sie unterzeichnet, genau wie Yvonne Kammerer vom Tübinger IWM. Darin fordern mehr als 130 Experten, das analoge Lesen weiterhin zu fördern. Parallel sollten Schüler und Studenten lernen, auch am Bildschirm verständnisorientiert zu lesen. Und sie appellieren: Forscht weiter zu diesen Themen!

"Es gibt Hinweise, dass bei Zeitdruck das digitale Lesen von Sachtexten im Vergleich zum analogen nachteilig ist - ohne Zeitdruck nicht so", sagt die 37-jährige Kammerer.

"Ich glaube, wir sind an einem kritischen Punkt", mahnt US-Autorin Wolf. Blindes Vertrauen in Technik sei ein Fehler. "Wir sollten beim Umschwenken zum digitalen Lesen nicht so schnell vorwärts gehen wie bisher. Wir sollten uns Zeit nehmen, die Vorteile digitaler Medien zu erkunden, und gucken, wie wir die Nachteile umgehen."

Der Braunschweiger Neurobiologe Martin Korte (lesen Sie dazu das Interview auf der nächsten Seite) spricht ebenfalls von einem "Übergangszustand". Handys und Tablets machten junge Menschen nicht per se dümmer als ihre Eltern. Das Gehirn besitze eine alte Grundstruktur. "Wir haben kein Twitter-Gehirn, und wir haben auch kein Facebook-Gehirn. Wir haben die Gehirne von einer Horde von Steinzeitmenschen, die gewohnt sind, um eine Höhle herum zu leben", sagt er. "Das wird sich sicher nicht so schnell ändern. Wir werden sicher bestimmte neue Techniken und Kompetenzen erlernen und dafür andere verlieren."

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung