Freitag, 20. September 2019

DFB-Mittelfeldspieler Schweinsteiger Comebacker von Beruf

Schweinsteiger: Er ist ein anderer als vor vier Jahren, aber er hat auch eine andere Rolle

Bastian Schweinsteiger kann selbst nicht mehr mitzählen, wie oft er schon abgeschrieben wurde. Doch auch bei der WM scheint der Münchner Form und Fitness rechtzeitig wiedergefunden zu haben. Vor dem Halbfinale überwiegt aber der Respekt vor dem Gegner.

Porto Seguro - Vor vier Jahren bei der WM in Südafrika hatte Bastian Schweinsteiger einen denkwürdigen Auftritt vor der Presse. Der Mittelfeldspieler hatte vor dem damaligen Viertelfinale den nächsten Gegner Argentinien heftig attackiert und provoziert. Und die Journalisten hatten sich gefragt: Was soll das? Deutschland gewann die Partie anschließend 4:0. Es war ein Triumph. Auch für den Führungsspieler Bastian Schweinsteiger.

Diesmal hat der Münchner bis zum bevorstehenden Halbfinale gewartet, um das allererste Mal seit Beginn der Turniervorbereitung im Mai überhaupt zu einer Pressekonferenz zu kommen. Und diesmal schwärmt Schweinsteiger vom nächsten Gegner, von "diesem fußballverrückten Land Brasilien", von dem "erfahrenen und intelligenten Trainerstab der Brasilianer", von der Vorfreude, "dieses Spiel richtig in sich aufzusaugen".

Es ist ein anderer Bastian Schweinsteiger als vor vier Jahren, aber er hat auch eine andere Rolle. 2010 war er der Leader des Teams, niemand hätte das angezweifelt, Schweinsteiger ging voran, war in den Partien gegen England und Argentinien die zentrale Figur auf dem Feld. In Brasilien gab es bis vor dem Viertelfinale gegen die Franzosen heftige öffentliche Diskussionen, ob er überhaupt von Anfang an spielen solle und könne.

Schweinsteiger immer wieder zurückgeworfen

Der Münchner hat ein schwieriges halbes Jahr hinter sich, man kann fast sagen, er hat seit der WM 2010 vier schwierige Jahre gehabt. Immer wieder angeschlagen, immer wieder Zwangspausen, immer wieder aus dem Rhythmus. Den Schweinsteiger, der einmal monatelang ohne gesundheitliche Probleme durchgespielt hat, hat es lange nicht gegeben.

Auch vor diesem Turnier ist er fast selbstverständlich mit einer Verletzung angereist, er hat die Vorbereitung nur eingeschränkt mitgemacht, bei den ersten WM-Spielen war er lediglich der Backup für Sami Khedira, wenn dessen Kräfte nicht mehr reichten. Ein Teilzeit-Star. Und er sagt: "Da war ideal für mich."

Er habe Fitness und Form dadurch langsam hochfahren können, gegen Algerien im Achtelfinale stand er dann sogar 110 Minuten durch. Danach jedoch musste er von Krämpfen geschüttelt vom Platz geführt werden, und man hatte Sorge, ob er es noch in die Kabine schaffen würde. "Khedira und Schweinsteiger hatten am Anfang beide nicht den Rhythmus", sagt Assistenztrainer Hans-Dieter Flick, das habe sich mittlerweile geändert. Schweinsteiger sagt: "Ich fühle mich gut, ich bin auch bereit für mehr als 90 Minuten."

Im Viertelfinale gegen die Franzosen standen beide, Khedira und Schweinsteiger, über die volle Distanz auf dem Platz. Zum Ende hin jedoch hatten beide große konditionelle Probleme, eine Verlängerung wäre ihnen nicht mehr gut bekommen. Gegen Brasilien am Dienstag um 22 Uhr wird es noch viel intensiver werden. Flick prognostizierte, dass der Gastgeber "über sich hinaus wachsen wird", gerade durch den Ausfall von Superstar Neymar "werden bei ihnen Kräfte frei werden".

"Eine Ehre und Herausforderung"

Schweinsteiger hält das Duell mit dem Rekordweltmeister für "eine große Ehre, aber auch eine große Herausforderung". Gegen Frankreich ist Joachim Löw das Risiko eingegangen, Schweinsteiger und Khedira vom Start weg aufzustellen, wohl wissend, dass es nach hinten heraus knapp werden wird. Gegen die Brasilianer ist das Risiko noch größer, Schweinsteiger hat ein weiteres anstrengendes Spiel mehr in den Knochen, aber all das lässt er nicht gelten. Er sei ja auch in Sachen Formaufbau jetzt wieder ein paar Tage weiter als noch vor dem Viertelfinale.

Und wo er schon so zufrieden mit seiner eigenen Fitness ist, gönnt er sich übermütig sogar schon einen Blick weit über das Halbfinale hinaus. "Ich bin jetzt 29 Jahre alt, wenn alle Dinge so funktionieren, wie sie sollen, dann kann ich auch in vier Jahren noch eine WM spielen."

Es wäre dann sein achtes großes Turnier für den Spieler, der jetzt schon mit nicht einmal 30 Jahren 106 Länderspiele absolviert hat. Hätte er in der Vergangenheit nicht so viele DFB-Einsätze wegen Verletzungen verpasst, er stünde schon bei mehr als 120 Partien. Miroslav Klose mag alle Torrekorde jagen, Schweinsteiger ist ein Kandidat dafür, in ein paar Jahren der deutsche Rekordnationalspieler zu werden.

Abgeschrieben worden ist er oft, selbst beim FC Bayern, bei dem er zum lebenden Inventar gehört, gab es zuletzt Diskussionen, ob die Mannschaft wirklich noch so einen wie ihn braucht. Er ist wieder einmal zurückgekommen.

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