Mittwoch, 13. November 2019

Erholung im Dax Die besten Aktienanleger sind Langweiler

Börsengang von Uber an der NYSE: Der hoch gehandelte Mobilitäts-Dienst geriet zum Börsenflop. Die breiten Börsenindizes wie Dow Jones oder MSCI World haben dagegen ihre Klettertour fortgesetzt.

Der Dax notiert auf dem höchsten Niveau seit zwölf Monaten. Ein Vergleich zeigt, warum Index-Investments langfristig zum Erfolg führen - und Aktionäre, die mit Einzel-Investments das Abenteuer suchen, häufig scheitern.

Entspannung im Handelsstreit zwischen USA und China, Hoffnung auf ein Ende des Brexit-Dramas: Der Dax Börsen-Chart zeigen hat in den vergangenen zwei Wochen mehr als 6 Prozent zugelegt und ist auf das höchste Niveau seit 12 Monaten gestiegen. Dax-Anleger müssen in diesem Jahr jedoch starke Kurs- und Stimmungsschwankungen aushalten: Ende 2018 war der deutsche Leitindex noch auf 10.400 Punkte gestürzt, die Schwankungsbreite des Dax-30-Index liegt seitdem bei rund 20 Prozent. Für Investoren stellt sich die Frage: Wenn ein Index so stark schwankt - ist man mit der gezielten Auswahl einzelner Aktien, dem so genannten "Stock Picking", möglicherweise besser an der Börse unterwegs?

Bei der Antwort hilft ein Blick auf die Zahlen: Der Dax hat in den vergangenen 12 Monaten rund 8 Prozent zugelegt - die Dividendenzahlungen der 30 Dax-Unternehmen eingerechnet. Die Drei-Jahres-Performance des Dax weist sogar ein Plus von rund 20 Prozent aus, allen Warnungen vor einer aufziehenden globalen Rezession zum Trotz. Anleger, die in einen "langweiligen" Dax-ETF investiert und damit alle 30 Dax-Werte in einen Indexfonds gebündelt haben, können sich auf 12-Monats-Sicht also über eine ordentliche Rendite freuen.

Dieser Durchschnitts-Performance von 8 Prozent stehen die Ausreißer im Dax gegenüber - im positiven wie negativen Sinn. Zu den Überfliegern im Dax zählen in diesem Jahr die Aktien von RWE und Adidas: Der Energieversorger RWE Börsen-Chart zeigen hat es nach mehreren Krisenjahren und dem Verkauf von Unternehmensteilen geschafft, sein Image als Kohlestrom-Dino loszuwerden und sich als einer der wichtigsten Anbieter regenerativer Energien in Deutschland neu zu präsentieren. In den vergangenen zwölf Monaten hat die RWE-Aktie mehr als 50 Prozent zugelegt. Seit ihrem Kurssturz, der die Aktie Anfang 2017 auf rund 10 Euro einbrechen ließ, hat sich der Börsenfast fast wieder verdreifacht. Mit dieser Comeback-Story stellt RWE derzeit sogar die Erfolgsgeschichte von Adidas Börsen-Chart zeigen in den Schatten: Der Dax-Liebling Adidas hebt seit mehr als drei Jahren seine Umsatz- und Gewinnprognosen regelmäßig an, der Börsenwert hat sich seit 2015 fast versechsfacht. Auf Sicht von 12 Monaten weist die Adidas-Aktie ein Plus von rund 40 Prozent aus.

50 Prozent Plus mit RWE - aber 40 Prozent Verlust mit Wirecard

40 Prozent Plus mit Adidas, mehr als 50 Prozent Plus mit RWE - demgegenüber nimmt sich die Dax-Performance von 8 Prozent fast bescheiden aus. Diese simple Rechnung funktioniert aber nur für Investoren, die für sich in Anspruch nehmen, auf Grund einer (aus welchen Gründen auch immer) überlegenen Intelligenz schlauer zu sein als der Gesamtmarkt. Sprich: Aus einem Korb mit 30 Aktien zielsicher die wenigen Aktien herauszupicken, die den Marktdurchschnitt klar schlagen werden.

Im Fall von RWE und Adidas hätte das in diesem Jahr wohl funktioniert. Man hätte als "Stock Picker" aber auch andere Aktien herauspicken können. Lufthansa zum Beispiel. Oder Wirecard. Empfehlungen zum Kauf dieser Aktien gab es genug: Die Lufthansa Börsen-Chart zeigen zum Beispiel hatte bis Frühjahr 2018 einen noch steileren Höhenflug hingelegt als derzeit Adidas. Der Börsenwert der Airline hatte sich binnen 13 Monaten fast verdreifacht, Analysten schraubten ihre Kursziele immer weiter nach oben. Dann folgte der Absturz: Seit Januar 2018 hat die hochgelobte Airline ihren Börsenwert fast wieder halbiert, das Minus auf Sicht der vergangenen zwölf Monate beträgt rund 20 Prozent.

Aufstieg und Fall: Auch Lufthansa und Wirecard waren Erfolgsgeschichten

Oder Wirecard. Der elektronische Zahlungsdienstleister versetzte zwischen Frühjahr 2017 und Sommer 2018 Investoren in Euphorie, der Börsenwert hat sich in dieser Zeit mehr als vervierfacht. Der Dax-Aufsteiger versprach eine sichere Erfolgswette auf die digitale Zukunft zu sein - bis Vorwürfe der "Financial Times" über eine angeblich unsaubere Bilanzierung den Börsenwert von Wirecard wieder einbrechen ließen. Seit Herbst 2018 hat das Unternehmen rund 40 Prozent eingebüßt - und seine Investoren auch in dieser Woche mit extremen Kursschwankungen in Atem gehalten.

Gewinne von 40 und 50 Prozent bei Adidas und RWE, Verluste von 20 und 40 Prozent bei Lufthansa und Wirecard: Diese Zahlenspielereien machen deutlich, dass Anleger mit einem Glücksgriff die Dax-Performance von 8 Prozent klar schlagen können - aber auch meilenweit unterlaufen können, wenn sie mit ihrem "Stock Picking" danebenliegen. Zwar ist es ein schönes Gefühl, wenn man durch einen zufälligen Glücksgriff noch besser abschneidet als der Gesamtmarkt. Doch noch viel schmerzhafter ist es, mit einem Fehlgriff bei verschiedenen Einzeltiteln herbe Verluste einzufahren, wenn der Gesamtmarkt sich insgesamt positiv entwickelt.

Und wer konnte schon ernsthaft den genauen Zeitpunkt vorhersagen, wann die Erfolgsstory von Lufthansa und Wirecard enden würden - und wann das Comeback der über Jahre tief gestürzten RWE-Aktie beginnen würde? Apropos Comeback: Wer vor 12 Monaten auf eine Erholung der tief gestürzten Deutsche-Bank-Aktie gesetzt hat, sitzt aktuell auf Verlusten von knapp 30 Prozent.

Lieber langweilig und liquide als aufregend und pleite

Wer sich diese Aufstiegs-, Absturz- und Comeback-Stories vor Augen führt, sollte als langfristig orientierter Aktiensparer zu dem Schluss kommen: Als "langweiliger" Investor, der mit Hilfe eines passiven Indexfonds mit dem breiten Markt mitschwimmt, ist man besser unterwegs als ein Anleger, der mit "Stock Picking" die Aufregung sucht. Natürlich sorgen 50 Prozent Kursplus binnen zwölf Monaten für einen Adrenalinkick. Doch 33 Prozent Minus sorgen auch für große Schmerzen. Mit 8 Prozent Rendite, wie sie der Dax in den vergangenen zwölf Monaten erreicht hat (die historische jährliche Durchschnittsrendite der vergangenen 30 Jahre liegt nur knapp darunter), lässt sich gut leben - und vor allem ruhig schlafen.

Global anlegen: MSCI World schlägt Dax um Längen

Schlauer sein als der Gesamtmarkt - diesem Wunsch, von dem Banken und Broker seit vielen Jahren sehr gut leben, hat der US-Ökonom Burton Malkiel bereits in seinem Börsen-Klassiker "A random walk down Wall Street" eine Absage erteilt. Der Versuch, an einem Strand ein einzelnes Sandkorn herauszupicken, das viel großartiger ist als alle anderen, sei nur mit geringen Erfolgsaussichten gesegnet. Sinnvoller sei, ein Tuch auszubreiten und damit den gesamten Strand/Markt abzudecken: Auch dieser Vergleich führt für langfristige Anleger wieder zum Indexfonds oder ETF.

Im Vergleich zum weltweiten Aktienmarkt ist übrigens auch ein Dax-ETF ein viel zu kleines Segment. Wer sich bei seinen Investments ausschließlich auf Deutschland konzentriert, geht auch damit viel zu hohe Risiken ein. Ein weltweiter Aktienindex wie der MSCI World hat unter Einbeziehung der gezahlten Dividenden (TR, "Total Return") auf Sicht der vergangenen drei Jahre rund 40 Prozent zugelegt und damit den Dax weit hinter sich gelassen. Im MSCI World Index sind rund 1600 Unternehmen aus 23 Ländern enthalten: Dieses "Tuch" ist noch viel breiter als der Dax. Und langweiliger. Und auf lange Sicht auch viel erfolgreicher.

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