Donnerstag, 22. August 2019

Weltgrößter Flugzeugbauer unter Druck Sollten Investoren jetzt Boeing-Aktien kaufen?

Boeing 737 Max in Diensten von American Airlines: Das Flugzeugmodell bereitet dem Hersteller Probleme und hat den Aktienkurs einknicken lassen.

Die Boeing-Aktie ist wegen der Probleme mit der Boeing 737 Max eingebrochen. Die Orderbücher des Konzerns sind dagegen voll. Eine Chance zum Einstieg?

Die Spekulanten an der New Yorker Börse fackeln nicht lange - Pietät hin oder her: Ein Flugzeugabsturz bietet für sie vor allem eine Chance auf schnelles Geld. Seit Anfang der Woche blüht an der Wall Street der Handel mit Optionsscheinen auf Boeing-Aktien Börsen-Chart zeigen. Zu den beliebtesten Kontrakten, so berichtet das "Wall Street Journal", zählen dabei sogenannte Calls, die einen Gewinn bringen, wenn die Aktie des Flugzeugherstellers auf 400 Dollar oder mehr klettert.

Davon ist das Papier zurzeit allerdings weit entfernt. Seit Wochenbeginn hat die Boeing-Aktie rund 12 Prozent an Wert verloren. Zuletzt notierte sie an der Wall Street bei 373 Dollar. Am Freitag der Vorwoche lautete der Schlusskurs noch 422 Dollar. Der Grund für den Kursrutsch geht seit Tagen durch die Medien: Am vergangenen Wochenende stürzte über Äthiopien eine Maschine des Typs Boeing 737 Max ab, 157 Menschen kamen dabei ums Leben. Es war bereits der zweite schwere Unfall mit einem Flieger dieses Typs binnen kurzer Zeit. Im Oktober vergangenen Jahres waren in einem Jet der indonesischen Lion Air 189 Menschen gestorben. Weil sich die Crashs offenbar ähneln, liegt die Vermutung nahe, dass es einen Zusammenhang gibt und dass dieser direkt mit dem Flugzeugmodell und der darin eingesetzten Technik zu tun hat. Die Folge: Sämtliche Boeing-737-Max-Jets sollen vorerst auf dem Boden bleiben ("Grounding"), bis die Ursachen der Abstürze geklärt sind und möglichst sichergestellt ist, dass künftig kein weiteres Unglück aus dem gleichen Grund passieren kann.

Ein heftiger Kursverlust also aufgrund eines Ereignisses, das ein Unternehmen erschüttert - das ist ein gefundenes Fressen für Spekulanten, die schon beinahe aus Prinzip auf eine zumindest teilweise Kurserholung setzen. Doch nicht nur solche Glückspieler können sich zurzeit mit dem Papier von Boeing beschäftigen. Auch seriösen Investoren stellt sich die Frage: Ist es nach dem Kursverlust von mehr als 10 Prozent binnen weniger Tage womöglich ein guter Zeitpunkt, beim weltgrößten Flugzeughersteller einzusteigen?

Keine Frage, die Argumente dagegen wiegen augenscheinlich schwer: Das weltweite "Grounding" der 737-Max-Flieger trifft den Konzern an einem empfindlichen Punkt. Das Modell gilt als großer Hoffnungsträger des Unternehmens für das Massengeschäft (wenn davon in dieser Branche mit den im Vergleich etwa zur Autoindustrie deutlich geringeren Stückzahlen überhaupt die Rede sein kann). Beinahe 400 Flugzeuge dieses Typs hat Boeing bereits ausgeliefert, mehrere Tausend weitere befinden sich in den Orderbüchern des Konzerns. Die 737 Max, so viel steht fest, war bisher der Bestseller des Hauses Boeing.

Die Stilllegung des Flugzeugs, doe nach Angaben der US-Luftfahrtbehörde FAA mehrere Monate andauern kann, bedeutet für das Unternehmen also nicht nur einen immensen Imageschaden, sondern auch einen handfesten wirtschaftlichen. Mit dem skandinavischen Billiganbieter Norwegian hat die erste Airline bereits Schadensersatzforderungen angekündigt, weitere dürften folgen.

Hinzu kommt das Risiko, dass Fluglinien sich aufgrund der Probleme von Boeing abwenden könnten, in der Regel zu Gunsten des großen Konkurrenten Airbus. Ankündigungen und Andeutungen in diese Richtung gibt es unter anderem bereits von der vom ersten Absturz im vergangenen Oktober betroffenen indonesischen Lion Air, von VietJet Aviation oder von Kenya Airways. Allein damit steht Schätzungen zufolge bereits ein Ordervolumen im mittleren zweistelligen Milliarden-Dollar-Bereich im Feuer.

Ordervolumen von 600 Milliarden Dollar - und dahinter ein Fragezeichen

Insgesamt, so hat Bloomberg ermittelt, haben die Bestellungen der rund 5000 Maschinen des Typs 737 Max - inklusive der bereits ausgelieferten - bei Boeing ein Volumen von 600 Milliarden Dollar oder mehr. Einen Großteil dieser Umsätze hat das Unternehmen also für die Zukunft eingeplant - doch seit dieser Woche muss das Management wohl ein Fragezeichen dahinter setzen.

Zur Orientierung: Der Gesamtumsatz Boeings betrug im vergangenen Jahr 101,1 Milliarden Dollar. Das waren 8 Prozent mehr als im Jahr zuvor und der höchste Wert, den der Konzern bisher erreicht hat. Der Gewinn stieg sogar um beinahe ein Viertel auf 10,5 Milliarden Dollar, ebenfalls ein Rekordwert.

Für 2019 gab Konzernchef Dennis Muilenburg Anfang des Jahres eine optimistische Prognose ab, mit einer geplanten Umsatzsteigerung auf bis zu 111,5 Milliarden Dollar. Da konnte der Boeing-CEO von der aktuellen Entwicklung allerdings noch nichts ahnen.

Das Volumen der 737-Aufträge zeigt: Gründe, in Bezug auf Boeing zurzeit eher vorsichtig zu sein und sich von der Aktie besser fernzuhalten, gibt es offenbar genug. Jedenfalls in einer kurz- bis mittelfristigen Betrachtung. Investoren dagegen, die wirklich langfristig orientiert sind, kommen bei der Beurteilung der Lage womöglich zu einem anderen Schluss. Ihnen stellt sich vor allem die Frage, ob die jüngste Entwicklung den Boeing-Konzern tatsächlich in seiner Existenz bedroht. Wer das nicht glaubt und stattdessen davon ausgeht, dass das Unternehmen die aktuelle Krise auf irgendeine Weise überstehen wird, für den ist auch die Aktie zum gegenwärtigen Kurs möglicherweise eine reizvolle Anlagechance.

Der Grund dafür ergibt sich bei einem Blick aus der Vogelperspektive: Boeing ist der weltgrößte Flugzeughersteller. De facto gibt es überhaupt nur einen echten Konkurrenten, der US-Konzern und Airbus aus Europa teilen sich das weltweite Geschäft mit Großraumflugzeugen weitgehend untereinander auf.

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