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Bob/Rodeln: Gigant unter Winzlingen

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Wenig Aktive, massive Reichweite Bob und Rodeln - die erfolgreichste deutsche Nischen-Sportart

Weniger aktive Sportler als im Gewichtheben, kaum Interesse in der Bevölkerung: Bob und Rodeln sind Nischensportarten. Trotz dieser Rahmenbedingungen generieren die beiden Sportarten massive TV-Reichweiten und in der Folge relevante Sponsoringerlöse. Eine Suche nach der Erfolgsformel für einen der erstaunlichsten Aufstiege im deutschen Sport.
Von Holger Rehm

Curling, Eisschnelllauf und Wellenreiten - mehr olympische Sportarten und -verbände konnte der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) in diesem Jahr nicht hinter sich lassen. Bei der alljährlichen Bestandserhebung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zählte der BSD nicht einmal 7.000 Mitglieder. Damit liegt der Verband hierzulande auf dem viertletzten Platz der olympischen Sportverbände. Zum Vergleich: Im Bundesverband Deutscher Gewichtheber (BVDG) waren in diesem Jahr 20.220 Mitglieder organsiert, also knapp dreimal so viele wie im BSD.

Doch nicht nur die Anzahl der aktiven Sportler ist überschaubar. Das IfD Allensbach hat 2017 erhoben, dass sich 3,31 Millionen Deutsche ab 14 Jahren für Bobfahren interessieren, 51,3 Millionen der Befragten gaben hingegen an, dass sie sich "kaum" oder "gar nicht" für die Sportart interessieren. Noch niedriger sind die Zahlen beim Rodeln (2,63 Millionen).

Die niedrigen Werte kommen nicht von ungefähr. Bob und Rodeln sind absolute Nischensportarten und werden nur von wenigen Menschen betrieben. Offenbar erschließt sich dem Normalbürger nicht der Reiz, sich in einem hautengen, fragwürdig aussehenden Rennanzug auf einem winzigen Schlitten oder in einem 200 Kilogramm schweren Bob mit Geschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometer pro Stunde eine mehr als 1.500 Meter lange Eisbahn hinunterzustürzen.

Außerdem gewinnen gefühlt immer die gleichen drei Nationen. Die Sportarten sind hochkomplex, die Geschwindigkeit ist extrem hoch und der Faktor Technik nimmt eine wichtige Komponente ein, sodass Fahrfehler für Laien mit bloßem Auge selten zu erkennen sind. Und am Ende entscheidet bei der Zeitmessung die dritte Nachkommaziffer über Sieg oder Podestplatz.

Die Situation scheint klar: Eigentlich dürfte sich beim Fernsehen, aber auch aufseiten der werbetreibenden Industrie niemand für Bob und Rodeln interessieren. Doch weit gefehlt, die Situation ist eine andere.

Auf TV-Seite zeigen ARD und ZDF von November bis Ende Februar seit Jahren alle Rennen im Rodel- und Bob-Weltcup. Nicht nur die deutschen Weltcups, sondern nahezu alle Durchgänge aller Rennen - davon die meisten live oder zumindest re-live. Auch, weil das Zuschauerinteresse und die Marktanteile konstant hoch sind: Im Schnitt schalteten im vergangenen Jahr rund zwei Millionen Zuschauer ein, wenn bei den Öffentlich-Rechtlichen Bob oder Rodeln live gesendet wurde. Der durchschnittliche Marktanteil lag bei ARD und ZDF bei durchschnittlich 14 Prozent.

Im Vergleich aller Wintersportarten werden hierzulande nur Biathlon und Skispringen von mehr Menschen im Fernsehen verfolgt. Dabei sind regelmäßige Berichte in Formaten wie dem "Morgenmagazin", aber auch in Nachrichtensendungen wie der "Tagesschau" und dem "heute-journal" nicht mal eingerechnet, wo regelmäßig Highlights der beiden Sportarten gezeigt werden und bei denen die Reichweiten am Wochenende schnell auf über vier Millionen klettern können.

Von TV-Reichweiten, wie sie Bob und Rodeln haben, können andere Sportarten nur träumen. Die DTM zum Beispiel kratzte bei der ARD über Jahre an der Millionen- Grenze, nun hat der Sender den auslaufenden Rechtevertrag nicht verlängert. Und die diesjährige Weltmeisterschaft der olympischen Kern- und Schulsportart Schwimmen in Budapest wurde von ARD und ZDF lediglich in den Spartensendern und via Internetstream übertragen.

Die konstanten Reichweiten im Millionenbereich haben auch die werbende Industrie angelockt, wobei die Sponsoringpreise verhältnismäßig niedrig sind. Marken wie Deutsche Post, Viessmann, Gazprom, Bauhaus und Liqui Moly bezahlen für umfassende Engagements im Weltcup oder als Sponsor der deutschen Nationalmannschaft über den gesamten Winter nicht mehr als 500.000 Euro und erhalten im Gegenzug Werbepräsenz bei allen Weltcup- Rennen. Das Titelsponsorship von BMW im IBSF Bob-Weltcup dürfte mittlerweile bei rund 700.000 bis 800.000 Euro liegen.

Das TV- und Sponsoreninteresse an Bob und Rodeln ist ein Phänomen, das sich auf den ersten Blick nicht sofort erschließt und für das es auch nicht die eine Erklärung gibt. Sicherlich, das fällt vielen als Erstes ein, spielen die sportlichen Erfolge der deutschen Athleten eine wichtige Rolle. Und in der Tat kam es in den vergangenen Jahren kaum einmal vor, dass bei Olympischen Winterspielen, Weltmeisterschaften oder Weltcuprennen kein deutscher Athlet auf dem Podium stand.

Punkt. Frage beantwortet, Geschichte zu Ende. Doch so einfach ist es nicht.

Die sportlichen Erfolge der deutschen Athleten kommen nämlich nicht von ungefähr. Und es ist auch kein Zufall, dass die Sportarten in der Vermarktung immer besser funktionieren - speziell in Deutschland. Es gibt eine Vielzahl an Gründen, warum der Bob- und Rodelsport als Nischensportart, gemessen an der Größe seiner Weltverbände und der deutschen Mitgliederzahlen, dennoch ein Gigant ist.

Mut zu Veränderungen

Um die Mechanik der Sportarten Bob, Rodeln und Skeleton zu verstehen, lohnt sich eine Reise in den äußersten Südosten Oberbayerns. In der Grenzregion zu Österreich, in Berchtesgaden und in der Nähe von Salzburg, liegt das Zentrum des weltweiten Bobund Rodelsports. Hier haben sich der Rodelweltverband FIL und der Internationale Bob- und Skeleton-Verband (IBSF) niedergelassen. Und hier hat auch der BSD im Spätsommer dieses Jahres seinen neuen Verbandssitz eröffnet, der zusammen mit neuen Trainingsräumen und Werkstätten für 6,3 Millionen Euro gebaut wurde.

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Macht und Einfluss: Die wichtigsten Entscheider im Bob, Rodeln und Skeleton

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Es ist Ende September, an die "Deutsche Post Eisarena Königssee" haben sich nur wenige Touristen verlaufen. Sie stapfen bei Nieselregen den steilen Anstieg zum Start hinauf. In den Bergen hängt der Nebel und die Sportstätte wirkt verlassen, lediglich in der Postgelb-gebrandeten, rund 700 Quadratmeter großen Event Lounge, die einen beeindruckenden Blick auf den Königssee bietet, wird gearbeitet. Am Wochenende fand hier eine große Firmenfeier statt.

Der Hospitality-Bereich am Königssee ist einzigartig im Bob- und Rodel-Weltcup. So etwas gibt es nicht mal in St. Moritz, an der letzten großen Natureisbahn der Welt, dem "Monaco des Bobsports". Seit der Fertigstellung des VIP-Bereichs Ende 2014 finden jährlich rund 20 Events statt. Über diese Drittvermarktung, die Vermietung der Bahn und die Vermarktung von sogenannten Bob- Taxi-Fahrten nimmt der BSD jährlich kumuliert rund 500 000 Euro zur Finanzierung der Kunsteisbahn ein, die der Verband selbst betreibt. Außerdem bezahlt die Deutsche Post als Namensgeber der Eisarena Königssee einen niedrigen sechsstelligen Euro-Betrag per annum. Damit hat sich der 1,2 Millionen Euro teure Neubau in wenigen Jahren amortisiert.

Alexander Resch ist stolz auf dieses Alleinstellungsmerkmal und auf das, was beim BSD in den vergangenen Jahren sonst noch passiert ist. Der heute 38-Jährige fuhr am Königssee selbst mit seinem Schlitten schon um Weltcupsiege. 2002 gewann der gebürtige Berchtesgadener im Doppelsitzer in Salt Lake City die olympische Goldmedaille. Mittlerweile leitet der vierfache Rodel- Weltmeister als einer von drei Vorständen das operative Geschäft des BSD und kümmert sich hauptamtlich um den Bereich Leistungssport-Management, wozu auch die Vermarktung und der Bereich Kommunikation zählen.

Ein Grund für den Erfolg der deutschen Rodler und Bobfahrer ist die Professionalität des deutschen Verbands, der - anders als bei den Weltverbänden - sowohl die Sportart Rodeln als auch Bob und Skeleton unter einem Dach führt. Zwar gibt es auch beim BSD noch ein ehrenamtliches Präsidium, das seit der Umstrukturierung im November 2016 mittlerweile aber eher als Aufsichtsrat fungiert. Für Thomas Schwab, den Vorstandsvorsitzenden des BSD, hat die Neuausrichtung des Verbands nur Vorteile: "Wir können viel schneller entscheiden und freier agieren, während andere Verbände erst noch einen Umlaufbeschluss oder eine Präsidiumssitzung brauchen."

Dabei ist ein hauptamtlicher Vorstand, der sich allein um das operative Geschäft kümmert, für einen deutschen Sportverband alles andere als üblich. Beim Deutschen Handballbund (DHB) und beim Deutschen Skiverband (DSV) wurden erst 2017 neue Strukturen installiert. Viele Verbände können bis heute nichts ohne ihr Präsidium entscheiden - so wie bis zuletzt auch beim BSD. Schwab erinnert sich: "Früher hat es an Kleinigkeiten gehakt, zum Beispiel an der Unterschriftenkompetenz, wenn wir Autos leasen wollten. Einem ehrenamtlichen Vorstand kurzfristig die Unterschriftenmappe zukommen zu lassen, hat eine knappe Woche den Prozess lahmgelegt."

Heute bekommen Schwab, Resch und der dritte Vorstand André Sander zu Beginn eines Geschäftsjahres einen klar abgesteckten Finanzrahmen für das operative Geschäft, der gut vorbereitet ist. Und das Präsidium mischt sich nicht mehr in die operativen Belange ein - auch das kommt bei anderen Verbänden durchaus vor. Laut Schwab gibt es Verbände, die neben einem hauptamtlichen Vorstand wichtige Ressorts wie den Leistungssport oder das Marketing nochmals im ehrenamtlichen Präsidium führen. Dazu Schwab: "Das bringt nichts, da sie nicht nahe genug am Tagesgeschäft und am Sport sind."

Konsolidierter IBSF

Mit seinem hauptamtlichen Vorstand ist der BSD nicht nur im deutschen Verbandswesen eine Ausnahme, sondern auch im Rodel- und Bobsport. Bei den beiden Weltverbänden FIL und IBSF sind die beiden ehrenamtlichen Präsidenten Ivo Ferriani (Bob und Skeleton) und Joseph Fendt (Rodeln) die unangefochtenen Oberhäupter (siehe Grafik "Macht und Einfluss: Die wichtigsten Entscheider im Bob/Rodeln"). Doch auch bei den beiden Weltverbänden hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan - vor allem bei der IBSF. Auch das trug dazu bei, dass sich die Sportart professionalisiert hat.

Verbände

Generalsekretärin Heike Größwang hat die Entwicklung des IBSF in den vergangenen Jahren direkt miterlebt (siehe BiGa) . Die 47-jährige Berchtesgadenerin arbeitet im weltweiten Bob- und Rodelsport seit ihrem 25. Lebensjahr, bis 2010 in der Agentur RGS Sportmarketing ihres Vaters, die sie als Geschäftsführerin selbst leitete. Danach wechselte sie zum Bobund Skeleton-Weltverband. Im Rückblick sagt sie: "Am meisten hat mich gereizt, einen neuen Verband mit einer neuen Struktur aufzubauen." Und das war damals auch notwendig.

Als Größwang 2010 zum damals noch als FIBT firmierenden internationalen Verband stieß, glich dieser einem Scherbenhaufen, hatte massive finanzielle Probleme und stand kurz vor der Insolvenz. "Es war damals nur noch wenig finanzielle Substanz vorhanden", erinnert sie sich. Schuld seien "drastische Managementfehler" gewesen, so Größwang. Der kleine Verband FIBT hatte beispielsweise unzählige Freelancer beschäftigt und unterhielt weltweit einen "Wildwuchs" von vier bis fünf verschiedenen Büros. Dies verschlang nicht nur viel Geld, sondern machte zudem eine transparente Kommunikation schier unmöglich. Außerdem war die Einbindung der Nationalverbände sowie der Organisationskomitees in der direkten Kommunikation vernachlässigt worden. Größwang sagt zusammenfassend: "Über die vergangenen 20 Jahre war versäumt worden, die Zeichen der Zeit zu erkennen."

Mit dem damaligen FIBT-Präsidenten Robert H. Storey war der Hauptschuldige von den Nationalverbänden schnell gefunden. BSD-Vorstand Schwab erinnert sich: "Er hatte völlig unterschiedliche Auffassungen von einem Wirtschaftsplan und von Abrechnungen. Es waren finanzielle Dinge, die überhaupt nicht mehr gingen. Es war wirklich schlimm."

Also gründeten die Nationalverbände aus Deutschland, der Schweiz, Italien und Österreich 2009 eine Vereinigung mit dem Namen "Euro-Bob" und entwickelten eine Strategie, um den kanadischen Präsidenten bis zum nächsten FIBT-Kongress loszuwerden. Einer von Storeys Gegnern war der Italiener Ivo Ferriani, den die "Euro-Bob" als Gegenkandidat für das Amt des neuen FIBTPräsidenten ins Rennen schickte. Ferriani gewann die Wahl beim Kongress mit 22 zu 20 Stimmen und folgte auf Storey, der den Verband mit nahezu dem gesamten Präsidium verließ. Die Reform des Verbands konnte damit eingeleitet werden.

Ferriani wollte einen modernen, zentralisierten und transparenten Verband, der effektiv arbeiten und bei dem die Athleten und der Sport im Mittelpunkt stehen sollten - und nicht deren Funktionäre. Priorität hatte außerdem eine stärkere Kommunikation und Kooperation mit den Mitgliedern, aber auch mit den Partnern aus der Wirtschaft sowie den Medien. Also strukturierte er den Verband neu, definierte lang wie kurzfristige Ziele und machte einen Kostenschnitt, indem er bis auf zwei Standorte (in Salzburg und in Lausanne) alle weiteren Büros schloss und die operativen Kosten senkte, vor allem beim Personal. "Aufgrund der finanziellen Lage mussten in allen Bereichen Kostensenkungen vorgenommen werden", erinnert sich Größwang. Die Herausforderung bestand darin, die Qualität nicht leiden und im besten Fall sogar steigen zu lassen. Dies funktionierte nur, weil Ferriani und Co. mit allen Verantwortlichen direkt sprachen, sie bei den geplanten Kostensenkungen miteinbezogen und deren Vorschläge diskutierten. Größwang sagt: "Von Anfang an war klar, dass dies nur gemeinsam gehen wird."

Eine wichtige Maßnahme war zudem, den 92 Jahre alten Verbandsnamen Fédération Internationale de Bobsleigh et de Tobogganing (FIBT) abzulegen. Das war im Jahr 2015. Nach der ursprünglichen französischen Firmierung, in der die Sportart Skeleton nicht vorkam, wurde der neue englische Name IBSF geschaffen. "Die Anpassung war nicht einfach", sagt Größwang, "weil es viele Traditionalisten gab - mich eingeschlossen". Laut Größwang war die Umfirmierung im Nachhinein "die richtige Entscheidung". Weil parallel dazu neue Prozesse wie ein neues Logo eine modernere Außendarstellung sowie eine neue Website angeschoben wurden - Maßnahmen, die auch die Sponsoren begrüßten.

Sieben Jahre nach dem Präsidenten-Putsch ist beim IBSF laut Größwang zwar "immer noch viel zu tun im internationalen Vergleich" und es ist "in allen Bereichen noch viel Kreativität gefragt, um Budget sowie alle Wünsche und Ziele unter einen Hut zu bekommen". Mit einem Jahresumsatz von 5,5 Millionen Euro und einem ausgeglichenen Ergebnis kann der Verband aber solide arbeiten.

Rodeln "gehört reformiert"

Die Beispiele zeigen: Der Wille zur Veränderung und zur Professionalisierung der Strukturen innerhalb des Bob- und Rodelsports war und ist nach wie vor groß - und die Reformen waren erfolgreich, trotz aller Widerstände. Auch das ist ein Unterschied zu anderen Verbänden und Sportarten.

Im internationalen Handball beispielsweise beschwert sich die DKB Handball- Bundesliga (HBL) seit Jahren über ihren vollen Terminkalender - verändert hat sich bislang wenig. Im Basketball schwelt seit Jahren ein Streit zwischen Euroleague und dem Weltverband FIBA, der immer mehr zu eskalieren droht. Und im Fußball lassen sich Clubs, Ligen und Nationalverbände von ihren Welt- und Kontinentalföderationen und deren Oberen seit Jahren auf der Nase herumtanzen: Sie nehmen zum Teil aberwitzige Reformen wie eine aufgeblähte Weltmeisterschaft oder Verfehlungen ihrer Funktionäre hin, ohne sich groß dagegen zu wehren.

Sicherlich ist auch im Bob- und Rodelsport nicht alles Gold, was glänzt. Bei Weitem nicht. Der Rodel-Weltverband FIL beispielsweise hat zwar mehr Kapital und mehr finanzielle Rücklagen geschaffen als sein Pendant IBSF. Vor allem, weil der Verband von seinem Präsidenten Joseph Fendt, einem ehemaligen Geschäftsführer der Marktgemeinde Berchtesgaden, "extrem sauber und sehr korrekt verwaltet wird", wie es seitens des BSD heißt. Genau darin liegt aber laut BSD-Vorstand Resch auch das Problem. Die FIL habe "in der Gestaltung großen Nachholbedarf". Resch sagt: "Der Rodelsport besteht seit 30 Jahren so, wie er jetzt ist. Er gehört reformiert!"

Markige Worte für einen ehemaligen Rodler, der mittlerweile im Vorstand eines der größten Nationalverbände sitzt. Resch hat, und das ist ebenfalls typisch für den BSD, aber auch konkrete Vorstellungen und Verbesserungsideen. Zum Beispiel für den Sportbereich, konkret beim Gewichtsausgleich, der im Rodeln vorgeschrieben ist, um sportliche Fairness zu garantieren. Resch sagt: "Es ist nicht mehr zeitgemäß, einem Athleten Blei an den Hintern zu heften. Wie sieht das denn aus?"

Stattdessen schlägt er vor, das Zusatzgewicht im Schlitten unterzubringen. Zudem müssten beim Rodeln neben den Helmen auch die Schuhe, "mit denen die Athleten kaum gehen können", ein moderneres Design erhalten. Außerdem denkt er laut über einen Ampelstart nach, wie beispielsweise bei der Formel 1. "Der Zuschauer schaut dem Fahrer in die Augen und gleichzeitig auf die Ampel. Das macht im Fernsehen viel mehr her."

Ähnlich wie Resch argumentiert auch sein Vorstandskollege Schwab: "Wir wünschen uns im Rodeln mehr Mut, Reformwillen und mehr Innovationen", sagt er. Mut, den der IBSF hatte.

Zur Saison 2016/17 entwickelte die Schweizer Agentur Infront, die sowohl die Medien- als auch die Marketingrechte des IBSF hält, ein neues Marketingkonzept für den Bob- und Skeleton-Weltcup. Ähnlich wie bereits in anderen Wintersportarten und -Eventserien wie beim Biathlon oder bei der Vierschanzentournee wurden sowohl die Werbeflächen als auch die Zahl der Sponsoren an den Strecken stark reduziert. Kleineren Bestandspartnern wurden alternative, vor allem nicht-fernsehrelevante Pakete angeboten.

Auch das gehört zur neuen Außendarstellung des Verbands. Weg von der "hässlichen Holzverkleidung" und hin zu "Venue- Dressing" sowie einheitlichen neuen Werbemitteln wie leuchtenden Startrückwänden und Untereiswerbung. Außerdem entwickelte Infront eine neue Corporate Identity für den Bob-Weltcup, die für alle Druckvorlagen gilt. Damit können die Nationalverbände laut Resch bei Grafik und Gestaltung "gewaltige Kosten sparen".

Auch das neue Marketingkonzept kostete viel Überzeugungsarbeit. "Es war sehr viel Arbeit, das Konzept umzusetzen und die Veranstalter und Sponsoren zu überzeugen, dass sie davon profitieren, obwohl sie weniger Fläche bekommen - und das bei laufenden Verträgen", sagt Größwang im Rückblick. Mittlerweile würden die IBSF-Partner jedoch merken, dass der Verband fortschrittlich denkt und offen für neue Ideen ist. Und dies erhöhe die Chance, dass die Bestandspartner ihre Verträge auch verlängern.

Gemeinsame Vermarktung

Ähnlich wie dem IBSF erging es auch dem BSD. Auch der deutsche Verband begann 2010 damit, seine Sponsorenkonzepte zu überarbeiten. Eine der ersten Maßnahmen war, die Sponsoringpakete des BSD mit einem Großteil der Werbeflächen der Athleten zu bündeln und sie gemeinsam zu vermarkten.

Im Wintersport ist eine solche gemeinsame Vermarktung nicht üblich - bis dahin auch nicht beim BSD. Bislang hatten sowohl Verband als auch Sportler ihre Werberechte individuell verkauft. Heute bekommen die Athleten im Gegenzug für ihre zur Verfügung gestellte Werbefläche eine Grund- und Leistungsprämie. Mit dem Resultat, "dass alle Athleten finanziell bessergestellt sind als zuvor und sich zudem noch mehr auf den Sport konzentrieren können", sagt Schwab.

Neben der Bündelung von Athleten- und Verbandsflächen wurden beim BSD auch die Sponsoringpakete reduziert. Allein der BSD musste früher acht Partner auf seinen Flächen unterbringen. Schwab erinnert sich: "Auch die kleinen Partner waren immer abgebildet, obwohl man sie ohnehin nicht sehen konnte. Dies führte zu einem extrem unruhigen Bild."

Zudem fasste der Verband die Werberechte einzelner Disziplinen zusammen. Ein Partner, der beispielsweise im Bob einbuchte, muss heute auch als Sponsor im Skeleton werben. Dies hat den Vorteil, dass die Zahl der Partner weiter reduziert wurde. Und außerdem wird sichergestellt, dass nicht nur die attraktivsten Flächen vermarktet werden, sondern dass auch die Sponsorships in einer weniger nachgefragten Sportart wie Skeleton durch Sponsoren wie BMW oder Deutsche Post aufgewertet wird.

Und zu guter Letzt präsentieren sich die deutschen Athleten und Bobs seit 2014 in einem stimmigen Auftritt. So sind alle deutschen Bobs einheitlich in Gelb-Schwarz lackiert und nicht wie früher oder bei anderen Verbänden in den unterschiedlichsten Farben.

Ein gemeinsames Produkt

IBSF und BSD sind nicht die ersten Wintersportverbände, die ihre Marketingkonzepte in den vergangenen Jahren angepasst haben. Widerstände gab es eigentlich immer - meistens kommen sie von einzelnen Nationalverbänden oder aus den Fachkommissionen, die oftmals eben sehr national gesteuert und auf ihre eigenen Vorteile bedacht sind. Diese langjährigen Strukturen aufzubrechen, ist schwierig.

Was die meisten Wintersportverbände - anders als viele Sommersportverbände - aber schon lange verstanden haben, ist, dass sie nur gemeinsam stark sind und nur gemeinsam ein attraktives Produkt vermarkten können. Und das kommt den beiden Sportarten Bob und Rodeln seit Jahren im TV-Bereich zugute.

Das Konzept der langen Wintersportwochenenden bei ARD und ZDF ist bekannt: In der kalten Jahreszeit, wenn es draußen ungemütlich ist, sitzen viele Menschen im warmen Wohnzimmer auf der Couch. Der Fernseher läuft und es kommt den ganzen Tag Wintersport. Das ist deshalb möglich, weil es die kleine Wintersportfamilie geschafft hat, sich untereinander zu einigen (beim Kalender), sich aber auch mit den übertragenden Sendern (bei den Startzeiten) so abzustimmen, dass alle Sportarten ausreichend (Live-)Sendefläche bekommen.

Die kalte, oft fußballfreie Jahreszeit ist sicherlich ein großer Vorteil, von dem die Wintersportarten profitieren. Das gilt auch für Bob und Rodeln. Doch warum funktionieren Rodeln und Bob im TV dann besser als beispielsweise Langlauf, Nordische Kombination oder Eisschnelllauf - und über den gesamten Winter sogar besser als Ski Alpin? Schließlich sind dies Sportarten, die hierzulande von deutlich mehr Breitensportlern ausgeführt werden und die man einem TV-Zuschauer viel leichter erklären kann als Nischensportarten wie Bob oder Rodeln.

Am Ende ist es - neben den eingangs erwähnten Erfolgen der deutschen Sportler - eine Mischung aus Zuverlässigkeit und Kontinuität, Flexibilität und Kompromissbereitschaft, aber auch Mut und Beharrlichkeit der verantwortlichen Verbände.

Zunächst gibt es im Wintersport wohl kaum eine Sportart, die wetterunabhängiger ist als Weltcup-Events beim Bob oder Rodeln. Während Abfahrtsrennen oder Skispringen bei zu starkem Wind, Nebel oder Schneefall verschoben oder sogar abgesagt werden, "müssen bei uns schon außerordentlich schlechte Wetterbedingungen sein, dass wir nicht starten", sagt IBSF-Generalsekretärin Größwang. "Wenn wir sagen, es ist um zehn Uhr Start, dann gilt dies auch." Die Zahl der abgesagten Weltcup- Rennen in den vergangenen zehn Jahren beziffert sie auf "maximal drei bis fünf".

Für Sender wie ARD und ZDF und deren Produktionsfirmen ist dies ein nicht zu unterschätzendes Argument. Hinter den Wintersportproduktionen stehen über den gesamten Winter millionenschwere Investitionen in der TV-Produktion. Wenn an anderer Stelle etwas ausfällt, dann wissen die Sender, dass sie immer zum Bob oder Rodeln schalten können.

Ein weiterer Vorteil ist die Flexibilität und die Bereitschaft der Verbände, Kompromisse zu finden. Auch das unterscheidet IBSF und FIL beispielsweise von vielen Sommersportverbänden. "Klar wollen wir auch irgendwann eine fixe Startzeit haben wie beispielsweise Biathlon, um anders planen zu können", sagt Größwang. Und sicher müsse der Verband auch Rücksicht auf seine Veranstalter nehmen. Es helfe den Weltcup- Veranstaltern nichts, sagt die IBSF-Generalsekretärin, wenn ARD und ZDF um 8.30 Uhr morgens übertragen wollen, an der Bahn aber kein Zuschauer steht. "Nur damit der Programmplatz gefüllt ist, machen wir das nicht. Wollen ARD und ZDF aber, dass wir um 11.30 Uhr statt um 10.30 Uhr starten, dann machen wir das", sagt Größwang.

Die beiden Sportarten haben im Laufe der Jahre verstanden, dass sie auf eine regelmäßige TV-Berichterstattung angewiesen sind - um ihren Sport zu präsentieren und ihren Sponsoren Sichtbarkeit zu garantieren. Senderwünsche werden stets mit den Sport-Koordinatoren, den Organisationskomitees und dem TV-Koordinator abgesprochen und diskutiert, um am Ende eine gemeinsame Lösung zu finden.

Im Gegenzug wissen IBSF, FIL, BSD und Co. aber auch um ihre Funktion als zuverlässiger Content- Lieferant. Und das hilft, um den eigenen Standpunkt zu vertreten und Kompromisse zu finden, mit denen beide Seiten gut leben können - die Medien und der Sport. Dazu sagt Größwang: "Dadurch, dass wir ein zuverlässiger Partner sind, wissen große Medien wie ARD und ZDF, dass es für uns triftige Gründe gibt, wenn wir einen Vorschlag eines Senders ablehnen."

Mehr Inszenierung

Zwischen ARD und ZDF und den handelnden Personen im Bob und Rodeln ist im Laufe der Jahre ein Verhältnis auf Augenhöhe entstanden. Und wie es bei einer solchen Partnerschaft üblich ist, sind sich die beiden Partner nicht in allen Punkten einig. IBSF-Generalsekretärin Größwang hat zum Beispiel bei der Inszenierung der Sportart in den Medien noch "Optimierungspotenzial" festgestellt und nimmt dabei die beiden TV-Partner ARD und ZDF in die Pflicht. "Beim Biathlon erklären TV-Experten zum wiederholten Mal, wie richtig geschossen wird", sagt sie. "Diese Form der Präsentation würde Bob und Rodeln auch guttun, um die Sportarten besser zu erklären."

Um mehr Hintergründe der Sportarten wie zur Schienengeometrie oder zu den Einstellungen an den Bobs oder Schlitten von einem Experten wie Georg Hackl zu erfahren, bräuchten die Sportarten aber mehr Sendezeit. Zeit, die sie bislang noch nicht bekommen. "Denn vielleicht wären die Quoten dann", so Größwang, "noch höher und das Sponsoreninteresse noch größer".

Auch Axel Watter, der dem BSD in den vergangenen Jahren Sponsoren wie BMW, Deutsche Post und Buchbinder vermittelte, ist überzeugt davon, dass die beiden Sportarten ihr Potenzial noch bei Weitem nicht ausgespielt haben. "Bob ist die schnellste Wintersportart, die 'Formel 1 des Winters'", sagt er. "Viele Zuschauer sehen die Geschwindigkeit nicht und glauben, der fährt einfach runter." In den TV-Übertragungen müsste jedoch noch deutlich mehr auf die Verbindung von "physischer Muskelkraft und Dynamik der Athleten", "Technik in den Sportgeräten" und dem "fahrerischen Können der Piloten" eingegangen werden.

Auch Watter sieht dabei vor allem die übertragenden Medien in der Pflicht und sagt: "Viele Sender spulen einfach nur ihr Programm ab." Er fordert daher, dass nicht nur die bestplatzierten neun bis zehn Starter, sondern alle deutschen Athleten gezeigt werden. Außerdem sollten die Sportarten nach dem Vorbild von RTL beim Skispringen aus seiner Sicht noch deutlich besser erklärt werden: Worauf kommt es beim Anschieben und Start an? Wie viele Kräfte wirken? Welchen Einfluss hat der Start bei welcher Bahn? Womit beschäftigen sich die Piloten vor dem Start? Wie leben die Piloten und Bremser zusammen und wie organisieren sie sich?

Ein vielversprechendes Pilotprojekt wird beispielsweise in dieser Saison in Zusammenarbeit mit Sponsor BMW erstmals bei den deutschen Rodlern umgesetzt. Mithilfe eines Geschwindigkeitserfassungssystems aus der DTM, das in einen Schlitten eingebaut wird, werden Fliehkräfte, Querkräfte und Beschleunigung erfasst und sichtbar gemacht. Auch das ZDF fand Gefallen daran und wird das Feature im Rahmen seiner Übertragung in dieser Saison einsetzen.

Neben konkreten Maßnahmen zur besseren Medialisierung der Sportart gibt es laut Watter zudem verschiedene Stellschrauben, um das Erlebnis für VIP-Gäste und die Zuschauer an der Bahn zu verbessern. Der Stuttgarter Agenturinhaber denkt an ein internationales Mix-Rennen am Ende einer Saison, bei dem zum Beispiel ein deutscher Pilot mit jamaikanischen Anschiebern antritt. Oder an Nachtrennen, die sich vor Ort und im Fernsehen deutlich besser inszenieren lassen als ein Rennen am Tag, beispielsweise mit einem zusätzlichen Feuerwerk. Er hat Vermarktungsideen wie einen exklusiven Zugang im Startbereich, dort, wo die Konzentration und die Emotionen der Piloten und Anschieber am größten sind, wo sie sich abklatschen und vollgepumpt sind mit Adrenalin. Und er bringt neue Hospitality-Konzepte wie ein Dinner am Ende der Bahn ein, mit einem beheizten Zelt, durch das die Bobs beim Zieleinlauf fahren.

Die skizzierten Ideen zeigen, was in der Vermarktung des Eiskanals alles noch möglich ist. Im ersten Schritt wären viele Vorschläge wohl aber nur am Königsee oder an maximal ein bis zwei weiteren Weltcup- Bahnen umsetzbar. Trotz breiter TV-Abdeckung und attraktiv klingender Sponsoren haben Bob, Rodeln und Skeleton erst noch andere Hausaufgaben zu erledigen.

• Im Bob-Weltcup wird derzeit lediglich in der DACH-Region und in Nordamerika gefahren - schlicht weil hier mehr als die Hälfte der weltweit gut 20 Rennrodel und Bobbahnen liegen. Wollen die Weltverbände auf Sicht weitere Zielgruppen und Märkte ansprechen und dem Namen Weltcup gerecht werden, braucht es auch Weltcuprennen in Russland, Skandinavien, Frankreich, Italien oder Osteuropa.

• Um über den gesamten Weltcup noch mehr Zuschauer an die Strecke zu locken, müssen die Veranstalter in ihr Rahmen- und Unterhaltungsprogramm investieren, damit die Zuschauer neben dem Sport einen weiteren Benefit mit nach Hause nehmen.

• Zahlungsfreudigen VIPs müssen Networking- Möglichkeiten geschaffen werden, die dem Profisport gerecht werden. Dafür braucht es aber klare Qualitätsstandards im Hospitality-Bereich. Noch sind die Unterschiede von Rennen zu Rennen zu groß.

Die beiden Sportarten und ihre führenden Verbände sind gut beraten, den Weg der kleinen Schritte mutig weiterzugehen. Auf keinen Fall sollten die vielen neuen Ideen verworfen werden, weil sie im ersten Schritt vielleicht unrealistisch klingen. Mut gibt auch hier ein Beispiel aus der Vergangenheit.

Bereits in den 90er-Jahren ging der BSD ins Risiko und begann als einziger Verband, das Fernsehsignal seiner Heim- Weltcup rennen im Rodeln selbst zu produzieren. Die Medienrechte wurden an die öffentlich-rechtliche Sportrechteagentur SportA verkauft. Dass ein kleiner Wintersportverband damals Geld mit seinen TVRechten verdienen würde, hätte zuvor keiner gedacht.

Für den Weltverband FIL war der BSD damals eine "Lokomotive", in der Folge tat er es dem deutschen Verband gleich und verkaufte die Medienrechte aller anderen Weltcuprennen im Rennrodeln ebenfalls an die SportA. Bis heute gibt es im FIL Weltcup daher zwei Medienverträge - einen für die deutschen Rennen und einen für den Rest des Weltcups.

Die Ausschreibung wird mittlerweile gemeinsam von BSD und FIL umgesetzt, "weil sich dadurch bessere Preise erzielen lassen", erklärt Schwab. Die Öffentlich- Rechtlichen sind dabei als TV-Partner über die Jahre treu geblieben. Und vielleicht ist auch das ein Geheimnis von Bob und Rodeln: Tradition verbindet.

Diesen Text veröffentlichten wir mit freundlicher Genehmigung von SPONSORs , dem Fachmagazin für Sport-Business.

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