Freitag, 19. Juli 2019

Wenig Aktive, massive Reichweite Bob und Rodeln - die erfolgreichste deutsche Nischen-Sportart

Bob/Rodeln: Gigant unter Winzlingen
Getty Images for IBSF

Weniger aktive Sportler als im Gewichtheben, kaum Interesse in der Bevölkerung: Bob und Rodeln sind Nischensportarten. Trotz dieser Rahmenbedingungen generieren die beiden Sportarten massive TV-Reichweiten und in der Folge relevante Sponsoringerlöse. Eine Suche nach der Erfolgsformel für einen der erstaunlichsten Aufstiege im deutschen Sport.

Curling, Eisschnelllauf und Wellenreiten - mehr olympische Sportarten und -verbände konnte der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) in diesem Jahr nicht hinter sich lassen. Bei der alljährlichen Bestandserhebung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zählte der BSD nicht einmal 7.000 Mitglieder. Damit liegt der Verband hierzulande auf dem viertletzten Platz der olympischen Sportverbände. Zum Vergleich: Im Bundesverband Deutscher Gewichtheber (BVDG) waren in diesem Jahr 20.220 Mitglieder organsiert, also knapp dreimal so viele wie im BSD.

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Heft März 2019

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Doch nicht nur die Anzahl der aktiven Sportler ist überschaubar. Das IfD Allensbach hat 2017 erhoben, dass sich 3,31 Millionen Deutsche ab 14 Jahren für Bobfahren interessieren, 51,3 Millionen der Befragten gaben hingegen an, dass sie sich "kaum" oder "gar nicht" für die Sportart interessieren. Noch niedriger sind die Zahlen beim Rodeln (2,63 Millionen).

Die niedrigen Werte kommen nicht von ungefähr. Bob und Rodeln sind absolute Nischensportarten und werden nur von wenigen Menschen betrieben. Offenbar erschließt sich dem Normalbürger nicht der Reiz, sich in einem hautengen, fragwürdig aussehenden Rennanzug auf einem winzigen Schlitten oder in einem 200 Kilogramm schweren Bob mit Geschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometer pro Stunde eine mehr als 1.500 Meter lange Eisbahn hinunterzustürzen.

Außerdem gewinnen gefühlt immer die gleichen drei Nationen. Die Sportarten sind hochkomplex, die Geschwindigkeit ist extrem hoch und der Faktor Technik nimmt eine wichtige Komponente ein, sodass Fahrfehler für Laien mit bloßem Auge selten zu erkennen sind. Und am Ende entscheidet bei der Zeitmessung die dritte Nachkommaziffer über Sieg oder Podestplatz.

Die Situation scheint klar: Eigentlich dürfte sich beim Fernsehen, aber auch aufseiten der werbetreibenden Industrie niemand für Bob und Rodeln interessieren. Doch weit gefehlt, die Situation ist eine andere.

Auf TV-Seite zeigen ARD und ZDF von November bis Ende Februar seit Jahren alle Rennen im Rodel- und Bob-Weltcup. Nicht nur die deutschen Weltcups, sondern nahezu alle Durchgänge aller Rennen - davon die meisten live oder zumindest re-live. Auch, weil das Zuschauerinteresse und die Marktanteile konstant hoch sind: Im Schnitt schalteten im vergangenen Jahr rund zwei Millionen Zuschauer ein, wenn bei den Öffentlich-Rechtlichen Bob oder Rodeln live gesendet wurde. Der durchschnittliche Marktanteil lag bei ARD und ZDF bei durchschnittlich 14 Prozent.

Im Vergleich aller Wintersportarten werden hierzulande nur Biathlon und Skispringen von mehr Menschen im Fernsehen verfolgt. Dabei sind regelmäßige Berichte in Formaten wie dem "Morgenmagazin", aber auch in Nachrichtensendungen wie der "Tagesschau" und dem "heute-journal" nicht mal eingerechnet, wo regelmäßig Highlights der beiden Sportarten gezeigt werden und bei denen die Reichweiten am Wochenende schnell auf über vier Millionen klettern können.

Von TV-Reichweiten, wie sie Bob und Rodeln haben, können andere Sportarten nur träumen. Die DTM zum Beispiel kratzte bei der ARD über Jahre an der Millionen- Grenze, nun hat der Sender den auslaufenden Rechtevertrag nicht verlängert. Und die diesjährige Weltmeisterschaft der olympischen Kern- und Schulsportart Schwimmen in Budapest wurde von ARD und ZDF lediglich in den Spartensendern und via Internetstream übertragen.

Die konstanten Reichweiten im Millionenbereich haben auch die werbende Industrie angelockt, wobei die Sponsoringpreise verhältnismäßig niedrig sind. Marken wie Deutsche Post, Viessmann, Gazprom, Bauhaus und Liqui Moly bezahlen für umfassende Engagements im Weltcup oder als Sponsor der deutschen Nationalmannschaft über den gesamten Winter nicht mehr als 500.000 Euro und erhalten im Gegenzug Werbepräsenz bei allen Weltcup- Rennen. Das Titelsponsorship von BMW im IBSF Bob-Weltcup dürfte mittlerweile bei rund 700.000 bis 800.000 Euro liegen.

Das TV- und Sponsoreninteresse an Bob und Rodeln ist ein Phänomen, das sich auf den ersten Blick nicht sofort erschließt und für das es auch nicht die eine Erklärung gibt. Sicherlich, das fällt vielen als Erstes ein, spielen die sportlichen Erfolge der deutschen Athleten eine wichtige Rolle. Und in der Tat kam es in den vergangenen Jahren kaum einmal vor, dass bei Olympischen Winterspielen, Weltmeisterschaften oder Weltcuprennen kein deutscher Athlet auf dem Podium stand.

Punkt. Frage beantwortet, Geschichte zu Ende. Doch so einfach ist es nicht.

Die sportlichen Erfolge der deutschen Athleten kommen nämlich nicht von ungefähr. Und es ist auch kein Zufall, dass die Sportarten in der Vermarktung immer besser funktionieren - speziell in Deutschland. Es gibt eine Vielzahl an Gründen, warum der Bob- und Rodelsport als Nischensportart, gemessen an der Größe seiner Weltverbände und der deutschen Mitgliederzahlen, dennoch ein Gigant ist.

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