Riesiges Pyramidenspiel treibt Bitcoin-Kurs in die Höhe Diesem Crash-Propheten folgen hundert Millionen in den Ruin

Was kann schiefgehen? Alles - daran lässt Sergei Mavrodi keinen Zweifel. Verantwortung trägt er nicht, sein MMM-System liegt ja formell nur in der Hand der Teilnehmer

Was kann schiefgehen? Alles - daran lässt Sergei Mavrodi keinen Zweifel. Verantwortung trägt er nicht, sein MMM-System liegt ja formell nur in der Hand der Teilnehmer

Foto: Iliya Pitalev / picture alliance / DPA

"Was ist Geld?", fragt Sergei Mavrodi, und gibt selbst die Antwort: "Nichts! Ein Phantom. Leere!" Na, dann können diejenigen, die ihr Geld seinem MMM-Schema anvertrauen, ja auch nichts verlieren.

Mavrodi ist der Kopf hinter dem wohl größten Pyramidenspiel der Geschichte. Das Erstaunliche: Er macht kein Geheimnis daraus, auch wenn er die Bezeichnung "Selbsthilfefonds" oder "soziales finanzielles Netzwerk" bevorzugt - aber auf der Webseite sogar eine Grafik in Pyramidenform zeigt: "Wenn du Ronalds Anleiter bist, Ronald Maricel anleitet und Maricel Joseph, bekommst du 5 Prozent von Ronalds Spende, 3 Prozent von Maricels und 1 Prozent von Josephs."

100 Prozent Gewinn im Monat verheißt er den Teilnehmern. Aber er verspricht nichts, sondern warnt klar und deutlich , dass sie ebenso gut den Totalverlust erleiden können - nämlich für den Fall, dass sich keine weiteren Mitspieler finden und die Pyramide zusammenbricht.

Er hat schon zweimal Millionen Russen verführt

So läuft das eben. Man kann darauf spekulieren, sein Geld zu vervielfachen, solange man nicht als einer der letzten Dummen in das System einsteigt. Wenn das Vertrauen darin schwindet, dass noch mehr einzahlen, geht die Wette allerdings regelmäßig für die meisten schief.

Mavrodi ist darin geübt, und zumindest in seiner russischen Heimat kein Unbekannter. Schon vor dem Ende der Sowjetunion gründete der Informatiker mit Frau und Bruder die Firma MMM (das Kürzel steht für die Nachnamen der drei), die im Börsenwahn der frühen 90er als Aktiengesellschaft Furore machte, mit großen Werbekampagnen und einem landesweiten Netz eigener Aktienverkaufsstellen.

Bis zu 15 Millionen Russen, ein Zehntel der Bevölkerung, sollen sich bei MMM eingekauft haben, bis 1994 Zweifel laut wurden und die Behörden einschritten. Um der Strafverfolgung wegen Steuerbetrugs zu entgehen, ließ Mavrodi sich ins Parlament wählen - unterstützt von MMM-Opfern, die im Fall eines Urteils erst recht um ihr Geld fürchteten.

Doch die Immunität wurde aufgehoben, Mavrodi hielt sich jahrelang versteckt und saß dann doch seine Gefängnisstrafe ab - um sich anschließend mit "MMM 2011" zurückzumelden. Auch dieses System zog Millionen Russen an und kollabierte 2012. "Fool me twice, shame on me", befand der russische Auslandssender RT .

Chinas MMM-Manie treibt den Bitcoin Kurs

Für den Urheber hatte die Neuauflage des Debakels keine Konsequenzen. Mavrodi sorgte nach der Haft dafür, selbst keine formelle Verantwortung zu übernehmen. MMM ist nirgends als Firma registriert und führt auch kein zentrales Konto - alle Transaktionen laufen zwischen den Mitgliedern ab, Mavrodi koordiniert nur.

Jetzt hat Mavrodi sein System globalisiert. Nach seinen Angaben haben sich mehr als 138 Millionen Teilnehmer in 107 Ländern angeschlossen. In Indonesien, Südafrika oder auf den Philippinen - überall sind es vor allem die Armen und Hoffnungslosen, die das Versprechen auf leicht verdientes Geld lockt.

Richtig viral ist das "soziale finanzielle Netzwerk" neuerdings in China. Zu Zehntausenden sammeln sich die Dankesvideos der MMM-Teilnehmer, die bereits Geld ausgezahlt bekamen, auf Youtube, wo auch Mavrodi auf eigenem Kanal  sein Heil verkündet.

Das offizielle Ziel: Der Kollaps des Geldsystems

Die "Financial Times" (€) sieht in Mavrodis Popularität den Hauptgrund  für den gewaltigen Kursanstieg der Kryptowährung Bitcoin in den vergangenen Tagen. Das digitale Geld, nach dem Kollaps der Hauptbörse Mt. Gox im Vorjahr im Kurskeller um 200 Euro, ist in dieser Woche plötzlich wieder so gefragt, dass ihr Wert auf 400 Euro stieg.

Die "FT" verweist darauf, dass die MMM-Teilnehmer sich gegenseitig in Bitcoin bezahlen (intern abgerechnet wird in der eigenen Kunstwährung Mavro).

Gemeinsam haben das von libertären Techies dominierte Bitcoin-Projekt und MMM nicht nur die Basis im fragilen Vertrauen der Teilnehmer (Mt. Gox ging wegen Betrugs zugrunde - viele Bitcoins verschwanden einfach). Sie teilen auch den Anspruch, das herkömmliche Geldsystem anzugreifen.

Mavrodi verkündet sogar eine eigene "Ideologie" . Darin heißt es, wir lebten doch ohnehin nur in einem Pyramidenspiel, mit der US-Notenbank Federal Reserve an der Spitze. Mavrodi spricht die Ungerechtigkeit an, dass harte Arbeit nur in die Schuldenfalle führe, während sich andere ohne Leistung bereicherten.

Als Antwort darauf setzt er dann eben sein eigenes Pyramidenspiel dagegen. "Finanzielle Apokalypse ist das einzige, was unsere finanziellen Ketten brechen und uns alle retten kann", erklärt Mavrodi. Das soll wohl erreicht werden, indem immer mehr Menschen ihr Erspartes zu MMM tragen. Vielleicht ist das für manche ein Trost, die sich mit MMM ruinieren.


Alle relevanten News des Tages gratis auf Ihr Smartphone. Sichern Sie sich jetzt die neue kostenlose App von manager-magazin.de. Für Apple-Geräte hier  und für Android-Geräte hier . Viel Vergnügen bei der Lektüre!