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Der Hirschflüsterer: Wie ein Hotelier in Österreich Wild rettet

Foto: Elias Hassos

Entschleunigen in der Natur Der Hirschflüsterer von Bad Gastein

Dies ist die Geschichte des Hoteliers Thomas Tscherne aus Bad Gastein, der auf einen Berg stieg, um Hirsche zu schützen. Fünf Jahre dauerte es, bis sich der erste von ihm füttern ließ. Vom Luxus, die Welt zu retten.

Die glänzenden Nasen, wie mit Schuhcreme poliert. Die langen Wimpern, die gerupften Fellstellen, wo Raufereien mit den anderen Löcher hinterlassen haben, die samtigen Ohreninnenseiten: So klar ist jedes Hirschdetail zu erkennen, als habe man eine stechend scharfe Aufnahme großgezogen. Aber die Hirsche sind echt, kein Bild, nur eben so nah wie noch nie. Eine Geweihspitze pikst leicht ins Bein, als das größte Tier den Kopf senkt, um knurpselnd etwas Futter vom Boden zu fressen.

Mitten zwischen den Hirschen steht Thomas Tscherne und ruft die Zögerlichen, die lieber noch aus 50 Metern herüberschielen: "Geh Hirscherl! Jo! Jo, wos is denn?" Er schüttet Futterspuren in den Schnee, die die Hirsche wie ein Notausgangsleuchtsystem im Flugzeug beim Abfressen automatisch zu den menschlichen Besuchern lotsen.

150 Hirschleiber - gekleckste, schieferbraune Flecken auf der weißen Landschaftsleinwand. Es ist nicht leicht, ihre Wirkung in Worte zu fassen, diese unglaubliche Präsenz der gewaltigen Tiermasse, ohne wildbach-röhrerisch verklärt zu klingen. Teil eins des Hirsch-Effekts: Bäm, NATUR! Jawohl, Natur in Großbuchstaben, so mächtig und einschüchternd schön, wie man sie beim Whale Watching vor Kanadas Westküste oder auf einer Afrika-Safari empfindet (ein 16-Ender, der einem mit der Geweihspitze ins Bein pikst, kann es locker mit einem Löwen aufnehmen, der zehn Meter entfernt und desinteressiert im Schatten schlummert).

Teil zwei: das bisher unerlebte Gefühl, für eine kleine, besondere Weile Teil zu sein von einer Welt, die einem normalerweise verborgen ist, weil ihre Wesen sonst weggeduckt im Dickicht leben. Und dann, Teil drei: die meditative Energie, die von den Tieren ausgeht. Es ist eine stille Würde, die sich nur schwer beschreiben lässt. Man muss sie fühlen.

Seit 20 Jahren füttert der Hotelier die Hirsche

Beobachtet wird das Schauspiel von einer Holzbank aus, vorsichtig atmend, bloß nicht mit dem Anorak knistern. Man schaut den Hirschen, Hirschkühen und -kälbern zu, wie sie langsam aus dem Wald auf die verschneite Lichtung treten, ungerührt von dem Dutzend Fremder, die sie anstarren - das Futter lockt. Trotz der vielen Lagen Kleidung bahnt sich die Kälte ihren Weg in die Knochen.

Nur Thomas Tscherne, in Jägerjoppe und Walkstoffhose, mützenlos und mit bloßen Händen, fröstelt nicht mal. Mit beinahe Tai-Chi-haften Gesten bewegt er sich zwischen den Hirschen. Er genießt ihr Vertrauen, doch sie sind keine zahmen Zeichentricktiere. Geduldig ruft er -"Hirscherl! Hirscherl, wos is?" - nach dem Rest des Rudels. Eile hat er keine, schließlich wartet er seit 20 Jahren auf sie. So lange schon kommt der Hotelier im Winter täglich, um die Hirsche zu füttern.

Ihnen zumindest eine kleine Entschädigung anzubieten für die vielen Waldstücke und Lichtungen, von denen sie die Menschen im Angertal vertrieben haben, als sie Platz machen mussten für Skilifte und Pisten. Damit sie der Hunger nicht ins Tal treibt, wo sie zum Ärgernis werden könnten, füttert er die Tiere hier oben. So geht die Kurzform der Geschichte.

In ihren weniger sachlichen Schlenkern erzählt sie den Weg eines Besessenen. Eines Besessenen im besten Sinn, den eine Idee packt und nicht wieder loslässt. Heute fährt Tscherne auf dem Quad oder in seinem Hummer auf den Berg bei Bad Gastein - jahrelang ging er zu Fuß, weil es noch keine Zufahrt gab, drei oder vier Stunden durch manchmal brusthohen Schnee, jeden Tag, bei Fieber, mit Zahnschmerzen, kein Urlaub, keine Ausnahmen.

20 Jahre, jeden Wintertag, ohne Pause

Nur seine Frau übernahm manchmal, um die Hirsche nicht mit fremdem Menschengeruch zu irritieren. 20 Jahre, jeden Wintertag. Obwohl er die Tiere am Futterplatz jahrelang nicht einmal zu Gesicht bekam: Die scheuen Tiere fraßen das Futter erst, als er wieder abgestiegen war.

200 Tonnen verspeisen die 150 Stück Rotwild pro Winter, eine Mischung aus feinstem Luzernenheu, Maissilage und getrocknetem Apfeltrester. Die Preis schwanken, zwischen 50.000 und 70.000 Euro kostet Tscherne ein Futterwinter. In den ersten Jahren heuerte er für den Transport eine Helikoptercrew an. Etwa 800 Euro wurden pro Flug auf den Berg geschafft. Wie das Futter bezahlte Tscherne die 250 Flüge aus eigener Tasche. Dazu 30 Helfer, die im Tal die Netze beluden und auf dem Berg ausräumten. Nach ein paar Jahren ließ er für 250.000 Euro eine schmale Straße zum Futterplatz bauen. Wie viel er in all der Zeit für die Hirsche ausgegeben hat, habe er nie ausgerechnet, sagt Tscherne: "Schon aus Selbstschutz will ich das gar nicht wissen."

Die Hände sind trotz Handschuhen starr gefroren, man spürt es kaum, so gebannt lauscht man dem Geknuspere und leisen Schnaufen der gigantischen Tiere. Die Zeit friert hier oben ein, wie die Atemwolken vor den Mündern. "Ja, Klassensprecher, hallo!", grüßt Thomas Tscherne einen bedächtig herantretenden Hirsch und erklärt, wie das Tier zu seinem Namen kam: "Als Kalb ist er einmal ausdauernd vor mir auf und ab marschiert, als ich das Futter vorbereitet habe, als wolle er mich antreiben: Hopp, hopp, bring a Futter aussa!" Als spreche er für die Hirschgemeinde, die noch abwartend am Hang und im Dickicht stand. "Und weil die Hirsche ihr Leben lang immer so ein bisschen kindlich bleiben, dachte ich mir, dann ist er halt jetzt der Klassensprecher."

Die absolute Hingabe an einen Traum

Seine Hirsche! Wenn Thomas Tscherne von ihnen erzählt, sieht man in seinem Gesicht den Stolz und die Freude eines Mannes, der nie aufgegeben hat. Grün schillernd neidisch kann man werden auf den unbeirrbaren Glauben, dass sich all die Mühen irgendwann lohnen würden. Die absolute Hingabe an einen Traum, zähe Leidenschaft. Er strahlt etwas aus, das man nicht oft erlebt: echte Erfüllung. "Im ersten Jahr dachte ich, das halte ich nicht noch einen Winter durch. Heute ist das Ergebnis für mich reine Selbstverwirklichung", sagt Tscherne. "Obwohl ich fast verzweifelt wäre. Oder gerade deshalb."

Ihre Nähe, die zurückhaltende Vertrautheit, die Zeit mit ihnen - für Tscherne ist das reiner Luxus. Wenn er vom Durchhalten spricht, misst er es in Jahresschritten. Nach drei Jahren Versteckspiel durfte er die Hirsche aus der Ferne beim Fressen beobachten. Im fünften Jahr blieb er einfach sitzen, bis es finster wurde. Die Tiere betrachteten ihn von Weitem, wagten sich im Dunkeln vor. Schritt für Schritt gewöhnte er die Hirsche an sich. Zuerst siegte bei einem Kalb die Fressgier. "Als es 15 Meter entfernt war, stellten sich seine Haare auf. Es war angeekelt von meinem Geruch, wollte umdrehen - aber dann kamen die anderen schon nach, das Eis war gebrochen."

Stundenlang auf einem Heuballen sitzen und ausharren, ohne Smartphone, ohne Ablenkung. Was hat er all die Stunden getan auf dem Berg? "Das war meine Kraftkammer", sagt Tscherne. Im Tal wartete sein Hotel, das er gerade mit seiner Frau gekauft hatte, als er mit den Fütterungen begann, die Geschäfte liefen nicht gut, in 17-Stunden-Arbeitstagen versuchten sie, den Bankrott abzuwehren.

Hochgestiegen wie ein Wolf, heruntergekommen wie ein Lamm

Dabei war das Hotel Weismayr, 1831 gebaut, früher eines der gehobenen Häuser in Bad Gastein und gut ausgelastet, als er es 1995 übernahm. Das Problem: Nach einer Krankenkassenreform 1997 blieben die vielen Kurgäste aus. Keine Einzelgeschichte im einst so mondänen Bad Gastein, das heute einen eher morbiden Charme versprüht, was nun wiederum eine ganz neue Klientel anlockt: Künstler und Kreative.

"Ich bin damals mit vollgepacktem Kopf aus dem Hotel raus auf den Berg. Ich brauchte den Leerlauf, um die Dinge zu ordnen. Die Hirsche waren mein Ausgleich: Hochgestiegen bin ich wie ein Wolf, runtergekommen wie ein Lamm." Sein Haus überstand die Kurverluste und die Krise. "Unser Hotel versetzt einen in eine Welt vor 100 Jahren", sagt er. "Das hat mehr Charme als ein Hilton, das überall gleich aussieht."

Eine vergangene Zeit, eine Gegenwelt, die er mit seiner täglichen Hirsch-Auszeit pflegt. Die ihm so kostbar ist, dass er mit den Tieren - abgesehen von den 35 Euro, die ein Fütterungsbesuch kostet - kein Geld verdient. Etwa 1000 Menschen bringt er nun im dritten Winter zu den Tieren: Urlauberfamilien, gestresste Manager, mal einen Berliner Modeblogger, der mit den Tieren für ein Selfie posiert. Keine Gastjäger. "Wir haben aufgehört, Abschüsse zu verkaufen." Jagd ist für ihn kein Geschäft mehr, sondern "Verantwortung". Er mag keine 10.000 Euro mehr von Kunden nehmen, die es nicht zu würdigen wissen, "dass ein Tier 15 harte Winter hier oben überlebt hat". Dafür ist ihm seine Zeit zu schade.

Er sieht sich als Anwalt der Hirsche, der sie füttert, um sie auf dem Fleckchen Berg zu halten, das der Mensch ihnen gelassen hat - mit 2,5 Millionen Gästenächten im Jahr kann es eng werden im Gasteiner Tal. Bernstein (die Augen), Giraffe (der Hals) oder Luigi (das dunkle Fell) sollen ihre Zuflucht nicht verlieren. Jedem Tier hat er einen Namen gegeben, jedes erkennt Tscherne von Weitem. "Sie haben alle eine Persönlichkeit", sagt er. Fällt es schwer, die Tiere irgendwann zu schießen? "Wenn wir uns während der Jagdzeit im Revier begegnen, ist unser Verhältnis ein anderes", sagt Tscherne. "Das Vertrauen der Hirsche gilt nur hier am Futterplatz."

Irgendwann haben die Tiere alles aufgefressen, es geht zurück ins Tal. Das Quad und der Hummer halten an einer Après-Ski-Hütte, aus der laut Schlager dröhnen: von einer Welt in die andere. Die Füße sind Eisklumpen, das Herz glüht. "Das liegt am Puls der Natur", sagt Tscherne. Und schaut in ein Dutzent glücklicher Gesichter.

Info und Termine über www.gastein.com .

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