Montag, 24. Juni 2019

Entschleunigen in der Natur Der Hirschflüsterer von Bad Gastein

Der Hirschflüsterer: Wie ein Hotelier in Österreich Wild rettet
Elias Hassos

3. Teil: Hochgestiegen wie ein Wolf, heruntergekommen wie ein Lamm

Dabei war das Hotel Weismayr, 1831 gebaut, früher eines der gehobenen Häuser in Bad Gastein und gut ausgelastet, als er es 1995 übernahm. Das Problem: Nach einer Krankenkassenreform 1997 blieben die vielen Kurgäste aus. Keine Einzelgeschichte im einst so mondänen Bad Gastein, das heute einen eher morbiden Charme versprüht, was nun wiederum eine ganz neue Klientel anlockt: Künstler und Kreative.

Gefunden in
Splendid
November 2015

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"Ich bin damals mit vollgepacktem Kopf aus dem Hotel raus auf den Berg. Ich brauchte den Leerlauf, um die Dinge zu ordnen. Die Hirsche waren mein Ausgleich: Hochgestiegen bin ich wie ein Wolf, runtergekommen wie ein Lamm." Sein Haus überstand die Kurverluste und die Krise. "Unser Hotel versetzt einen in eine Welt vor 100 Jahren", sagt er. "Das hat mehr Charme als ein Hilton, das überall gleich aussieht."

Eine vergangene Zeit, eine Gegenwelt, die er mit seiner täglichen Hirsch-Auszeit pflegt. Die ihm so kostbar ist, dass er mit den Tieren - abgesehen von den 35 Euro, die ein Fütterungsbesuch kostet - kein Geld verdient. Etwa 1000 Menschen bringt er nun im dritten Winter zu den Tieren: Urlauberfamilien, gestresste Manager, mal einen Berliner Modeblogger, der mit den Tieren für ein Selfie posiert. Keine Gastjäger. "Wir haben aufgehört, Abschüsse zu verkaufen." Jagd ist für ihn kein Geschäft mehr, sondern "Verantwortung". Er mag keine 10.000 Euro mehr von Kunden nehmen, die es nicht zu würdigen wissen, "dass ein Tier 15 harte Winter hier oben überlebt hat". Dafür ist ihm seine Zeit zu schade.

Er sieht sich als Anwalt der Hirsche, der sie füttert, um sie auf dem Fleckchen Berg zu halten, das der Mensch ihnen gelassen hat - mit 2,5 Millionen Gästenächten im Jahr kann es eng werden im Gasteiner Tal. Bernstein (die Augen), Giraffe (der Hals) oder Luigi (das dunkle Fell) sollen ihre Zuflucht nicht verlieren. Jedem Tier hat er einen Namen gegeben, jedes erkennt Tscherne von Weitem. "Sie haben alle eine Persönlichkeit", sagt er. Fällt es schwer, die Tiere irgendwann zu schießen? "Wenn wir uns während der Jagdzeit im Revier begegnen, ist unser Verhältnis ein anderes", sagt Tscherne. "Das Vertrauen der Hirsche gilt nur hier am Futterplatz."

Irgendwann haben die Tiere alles aufgefressen, es geht zurück ins Tal. Das Quad und der Hummer halten an einer Après-Ski-Hütte, aus der laut Schlager dröhnen: von einer Welt in die andere. Die Füße sind Eisklumpen, das Herz glüht. "Das liegt am Puls der Natur", sagt Tscherne. Und schaut in ein Dutzent glücklicher Gesichter.

Info und Termine über www.gastein.com.

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