Mittwoch, 21. August 2019

Entschleunigen in der Natur Der Hirschflüsterer von Bad Gastein

Der Hirschflüsterer: Wie ein Hotelier in Österreich Wild rettet
Elias Hassos

2. Teil: 20 Jahre, jeden Wintertag, ohne Pause

Nur seine Frau übernahm manchmal, um die Hirsche nicht mit fremdem Menschengeruch zu irritieren. 20 Jahre, jeden Wintertag. Obwohl er die Tiere am Futterplatz jahrelang nicht einmal zu Gesicht bekam: Die scheuen Tiere fraßen das Futter erst, als er wieder abgestiegen war.

200 Tonnen verspeisen die 150 Stück Rotwild pro Winter, eine Mischung aus feinstem Luzernenheu, Maissilage und getrocknetem Apfeltrester. Die Preis schwanken, zwischen 50.000 und 70.000 Euro kostet Tscherne ein Futterwinter. In den ersten Jahren heuerte er für den Transport eine Helikoptercrew an. Etwa 800 Euro wurden pro Flug auf den Berg geschafft. Wie das Futter bezahlte Tscherne die 250 Flüge aus eigener Tasche. Dazu 30 Helfer, die im Tal die Netze beluden und auf dem Berg ausräumten. Nach ein paar Jahren ließ er für 250.000 Euro eine schmale Straße zum Futterplatz bauen. Wie viel er in all der Zeit für die Hirsche ausgegeben hat, habe er nie ausgerechnet, sagt Tscherne: "Schon aus Selbstschutz will ich das gar nicht wissen."

Die Hände sind trotz Handschuhen starr gefroren, man spürt es kaum, so gebannt lauscht man dem Geknuspere und leisen Schnaufen der gigantischen Tiere. Die Zeit friert hier oben ein, wie die Atemwolken vor den Mündern. "Ja, Klassensprecher, hallo!", grüßt Thomas Tscherne einen bedächtig herantretenden Hirsch und erklärt, wie das Tier zu seinem Namen kam: "Als Kalb ist er einmal ausdauernd vor mir auf und ab marschiert, als ich das Futter vorbereitet habe, als wolle er mich antreiben: Hopp, hopp, bring a Futter aussa!" Als spreche er für die Hirschgemeinde, die noch abwartend am Hang und im Dickicht stand. "Und weil die Hirsche ihr Leben lang immer so ein bisschen kindlich bleiben, dachte ich mir, dann ist er halt jetzt der Klassensprecher."

Die absolute Hingabe an einen Traum

Seine Hirsche! Wenn Thomas Tscherne von ihnen erzählt, sieht man in seinem Gesicht den Stolz und die Freude eines Mannes, der nie aufgegeben hat. Grün schillernd neidisch kann man werden auf den unbeirrbaren Glauben, dass sich all die Mühen irgendwann lohnen würden. Die absolute Hingabe an einen Traum, zähe Leidenschaft. Er strahlt etwas aus, das man nicht oft erlebt: echte Erfüllung. "Im ersten Jahr dachte ich, das halte ich nicht noch einen Winter durch. Heute ist das Ergebnis für mich reine Selbstverwirklichung", sagt Tscherne. "Obwohl ich fast verzweifelt wäre. Oder gerade deshalb."

Ihre Nähe, die zurückhaltende Vertrautheit, die Zeit mit ihnen - für Tscherne ist das reiner Luxus. Wenn er vom Durchhalten spricht, misst er es in Jahresschritten. Nach drei Jahren Versteckspiel durfte er die Hirsche aus der Ferne beim Fressen beobachten. Im fünften Jahr blieb er einfach sitzen, bis es finster wurde. Die Tiere betrachteten ihn von Weitem, wagten sich im Dunkeln vor. Schritt für Schritt gewöhnte er die Hirsche an sich. Zuerst siegte bei einem Kalb die Fressgier. "Als es 15 Meter entfernt war, stellten sich seine Haare auf. Es war angeekelt von meinem Geruch, wollte umdrehen - aber dann kamen die anderen schon nach, das Eis war gebrochen."

Stundenlang auf einem Heuballen sitzen und ausharren, ohne Smartphone, ohne Ablenkung. Was hat er all die Stunden getan auf dem Berg? "Das war meine Kraftkammer", sagt Tscherne. Im Tal wartete sein Hotel, das er gerade mit seiner Frau gekauft hatte, als er mit den Fütterungen begann, die Geschäfte liefen nicht gut, in 17-Stunden-Arbeitstagen versuchten sie, den Bankrott abzuwehren.

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