Erholung am Aktienmarkt Wie Pessimisten jetzt die Aktienkurse stützen

Nach heftigen Verlusten im Oktober ziehen die Kurse derzeit deutlich an. Dennoch ist Vorsicht geboten: Die Kurse werden derzeit auch von Pessimisten gestützt, die aus ihren Leerverkauf- Wetten aussteigen. Jetzt im großen Stil Aktien zu kaufen, ist riskant.
Aktienhändlerin in Frankfurt: Die Stimmung am Aktienmarkt hat sich gebessert - doch der Markt bleibt angeschlagen

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Durchatmen an der Börse: Der Oktober ist überstanden, und damit so heftige Kursturbulenzen und Verluste wie lange nicht. Nach einem Minus von mehr als 8 Prozent im schwarzen Börsenmonat Oktober ging es mit dem Dax in der jüngsten Handelswoche immerhin wieder um 4 Prozent aufwärts. Auch am Freitag notiert der Index erneut komfortabel im Plus.

War's das also mit dem Kursrutsch? Ist die unruhige Phase am Aktienmarkt bereits vorüber, und können sich die Börsianer schon jetzt auf erneute Kursgewinne und die berühmt-berüchtigte "Jahresend-Kursrally" in Richtung neue Höchststände am Aktienmarkt freuen?

Vorsicht ist geboten, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zunächst: Die Turbulenzen der vergangenen Wochen kamen keineswegs aus dem Nichts. Es gab handfeste Gründe dafür, und die haben nach wie vor Bestand.

So hat sich die Konjunktur in vielen Ländern weltweit eingetrübt: Der Internationale Währungsfonds beispielsweise dämpfte kürzlich seine Erwartungen an die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft. Auch die Wachstumsprognose für Deutschland strich der IWF bei der Gelegenheit zusammen.

Ähnlich zurückhaltend äußern sich immer häufiger Unternehmen in den USA wie auch in Europa, wenn sie ihre Quartalsberichte veröffentlichen und einen Ausblick auf das aktuell laufende Quartal geben. Zuletzt enttäuschte am Donnerstag der weltweit wertvollste Konzern Apple: Nach Bekanntgabe der Geschäftsergebnisse nebst Prognose rutschte die Aktie um bis zu 7 Prozent in den Keller.

Wohl gemerkt: Die Rede ist dabei von Fundamentaldaten, jenen handfesten Informationen über Unternehmen und Wirtschaft also, die als wichtig für die langfristige Entwicklung von Aktienkursen gelten. Mit den satten Umsatz- und Gewinnsteigerungen der vergangenen Jahre, so der Tenor in vielen Konzernberichten, ist es erst einmal vorbei.

Hinzu kommt die Verunsicherung der Investoren. Der Dax notiert im laufenden Jahr nach wie vor um mehr als 10 Prozent im Minus - die Risikolust der Investoren ist also weiterhin spürbar gedämpft. Auch die wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten - die zähen Brexit-Verhandlungen, die enorme Verschuldung Italiens, das Thema Saudi-Arabien, der Handelskonflikt zwischen USA und China - dürfte Anlegern den Optimismus verleiden.

Kein erfreuliches Gesamtbild also nach wie vor. Doch woher kommen dann die jüngsten deutlichen Kursgewinne?

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Viel spricht dafür, dass es sich bei der aktuellen Erholung an der Börse kaum um eine grundlegende Trendumkehr handelt, sondern um eine kurzfristige Gegenreaktion. Nach langen Aufschwüngen an der Börse kommt es bekanntlich oft zu Korrekturen ins Minus, etwa weil Akteure erzielte Kursgewinne durch zwischenzeitige Verkäufe realisieren wollen - die berühmten "Gewinnmitnahmen".

Was Investoren bedenken müssen: Diese Gegenreaktionen gibt es auch in die entgegengesetzte Richtung. Wenn also Aktienkurse eine Zeit lang gefallen sind, folgen häufig zwischenzeitige Erholungsphasen, ohne dass es dafür fundamentale Gründe geben muss.

Im Börsenjargon wird dabei auch von "Gegenreaktionen" oder "Bullenfallen" gesprochen, weil allzu optimistische Anleger ("Bullen") geneigt sein können, diese kurzen Aufwärtskorrekturen für beginnende Aufschwünge zu halten und wieder in den Markt einzusteigen.

Entstehen können solche "Bullenfallen" beispielsweise auf eine einfache technische Art und Weise, bei der sogenannte Leerverkäufer ("Shortseller") eine entscheidende Rolle spielen.

Short Seller wetten auf sinkende Kurse - und schließen bei steigenden Kursen ihre Positionen

Dabei handelt es sich um Marktakteure, die eine pessimistische Sicht auf das Börsengeschehen haben und mit sinkenden Kursen rechnen. Um aus diesen erwarteten Kursverlusten Profit zu schlagen, veräußern die Leerverkäufer Aktien, die sie gar nicht besitzen. Sie leihen sich die Papiere vielmehr bei anderen Investoren aus, in der Hoffnung, die gleichen Aktien später - wenn die erhofften Kursverluste eingetreten sind - zu einem niedrigeren Preis kaufen und an die Verleiher zurückgeben zu können.

Derartige Shortseller sind in jedem Abschwung am Aktienmarkt am Werk. Was jedoch entscheidend ist: Irgendwann kommt bei jeder Transaktion, die diese Akteure vollziehen, der Zeitpunkt, an dem sie sich mit den fraglichen Papieren eindecken müssen. Das ist der Moment, in dem der Shortseller zum Aktienkäufer wird und - ob er es will oder nicht - die Kurse stützt.

Als aktuelles Beispiel bietet sich die Aktie von Lufthansa an, deren Kurs sich in diesem Jahr bereits mehr als halbiert hat, die jedoch in dieser Woche allein seit Dienstag um 15 Prozent teurer geworden ist. Sehr wahrscheinlich, dass dieses Auf und Ab auch unter dem Einfluss von Leerverkäufern zustande gekommen ist.

Ein Leerverkäufer verdient so lange an seiner Short-Wette, so lange die Kurse fallen. Verliert der Kursabschwung an Dynamik oder dreht sich der Trend - wie in dieser Woche - wieder in Richtung steigende Kurse, geraten Leerverkäufer unter Druck, da der Wert ihrer Short-Positionen wieder abnimmt und sie bei steigenden Kursen viel Geld zu verlieren drohen. Viele nehmen also rasch ihre durch Shortwetten erzielten Gewinne mit und werden auf diese Weise aus dem Markt geschüttelt.

Beim US-Autobauer Tesla zum Beispiel hat der Sinneswandel eines bekannten Shortsellers in der vergangenen Woche zu einer deutlichen Kurssteigerung geführt. Das Bekenntnis des Leerverkäufers, er sei nicht mehr "short" bei Tesla und wette nicht mehr auf fallende, sondern im Gegenteil auf steigende Kurse, katapultierte die Aktie zeitweise kräftig nach oben.

Trump macht gut Wetter im Streit mit China - pünktlich vor den Midterm-Wahlen

Und noch einen Grund gibt es, der befürchten lässt, dass es sich bei den aktuellen Kursgewinnen nur um ein flüchtiges Phänomen handeln könnte: Als Anlass für den aktuellen Kursaufschwung an der Börse werden vor allem Äußerungen von US-Präsident Donald Trump genannt, der über den Kurznachrichtendienst Twitter verkündete, die Verhandlungen mit China zum Zollkonflikt seien "gut im Fluss".

Zudem ließ Trump offenbar einen Entwurf für ein Handelsabkommen vorbereiten, das schon zum G20-Gipfel in Argentinien Ende des Monats in trockenen Tüchern sein soll.

Eine Lösung des Handelsstreits zwischen den USA und China wäre zweifellos eine große Erleichterung für die Börse, die von diesem Thema seit Monaten belastet wird. Allerdings sollten Investoren nicht vergessen, dass in den USA am kommenden Dienstag die wichtigen sogenannten Midterm-Wahlen anstehen. Möglich also, dass Trump lediglich versucht, vor diesem bedeutsamen Termin Schönwetter bei den amerikanischen Wählern zu machen, beispielsweise, indem er einen Erfolg im Handelskonflikt in Aussicht stellt, der womöglich noch gar nicht so greifbar ist, wie es der US-Präsident glauben machen will.

Hinzu kommt: Selbst wenn Trump den Disput mit China tatsächlich beenden sollte, so verschwände damit lediglich ein Belastungsfaktor von der Börse. Viele weitere jedoch blieben bestehen.

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