WM-Berichterstattung Die Markus Lanze des Fußballs

Von Falk Heunemann
Von Falk Heunemann
Warum ist es zum Massensport geworden, pauschal über die Kommentatoren bei der Fußball-WM herzuziehen? Weil über Politiker und Ausländer zu lästern langweilig und politisch unkorrekt ist?
Die ARD-Kommentatoren Gerd Gottlob (l-r), Tom Bartels und Steffen Simon

Die ARD-Kommentatoren Gerd Gottlob (l-r), Tom Bartels und Steffen Simon

Foto: DPA

Es ist noch gar nicht so lange her, da erregte sich Fernsehdeutschland über einen gewissen Markus Lanz. Es gefiel nicht, dass er die arme Sahra Wagenknecht ausreden lassen wollte. Es gefiel nicht, dass er sie unterbrach, und dennoch eine halbe Stunde zu Wort kommen ließ. Vermutlich gefiel auch seine Stimme nicht, sein Tonfall, seine Krawatte, und überhaupt. Also gab es sogar eine Petition gegen ihn. Das ZDF hat, zum Glück, sie ignoriert.

Nun ist Fußball-WM, und weil Markus Lanz derzeit nicht auf Sendung ist, müssen derzeit offenbar die Spielkommentatoren für die Kollektivkritik herhalten. Mal sind sie den Kritikern zu emotional, mal zu langweilig, mal sagen sie zu viel, mal zu wenig. Wer etwas auf sich hält, der jammert über Tom Bartels, Bela Rethy, Steffen Simon.

Nicht immer ist die Kritik unberechtigt. Ja, auch ein Bela Rethy interpretiert mal eine Szene falsch. Ja, ein Tom Bartels jubelt manchmal zu sehr über Robben. Und ja, ja, ja, Wolf-Dieter Poschmann gibt den Anschein des Ahnungslosen.

Aber gerade bei letzterem zeigt sich, wie überzogen die Kritik ist. Erstens, weil man schon spätnachts einen der Digitalkanäle einschalten muss, um ihn zu hören. Aber vor allem: Wenn man es tut, merkt man, sooo schlimm ist er gar nicht. Er ordnet ein, nennt schwache Spiele "schwach und enttäuschend", erklärt die Gründe dafür an Beispielen, und manchmal schweigt er sogar. Er lässt sich ertragen.

Und auch die anderen sind nicht so schlecht, wie ihre Kritiker gern tun. Sie interpretieren Spielszenen und Schiedsrichterentscheidungen, erwähnen Geschehen abseits des Platzes und räumen auch mal Unwissen ein. Das war schon mal schlimmer.

Es ist schick geworden, sich über Fernsehfiguren lustig zu machen

Dabei ist ein Live-Kommentar ganz schön schwer. Man möge es gern mal selbst probieren, zwei Mal 45 Minuten ein Spiel zu begleiten, ohne in Floskeln zu verfallen, sich zu verhaspeln, den Faden zu verlieren, ohne Szenen zu verpassen, ohne ständig nur das zu beschreiben, was man ohnehin sieht und ohne gestelzt und aufgesetzt zu klingen. Ohne zu klingen wie ein angetrunkener Stammtischnachbar. Oder auch, ohne ständig Irrelevantes von sich zu geben. Das merken etwa jene, die mal auf Marcel-ist-Reif.de  gehen. Dort kommentieren Laien aktuelle WM-Spiele. Und zeigen, wie wenig Fehler die Profis tatsächlich machen. Die Zuhörer merken das übrigens auch, kaum einer der Laien-Sprecher hat bei Spielen mehr als ein paar Dutzend Konsumenten.

Aber warum dann diese pauschale, scharfe Kritik an den echten WM-Kommentatoren? Es ist offenbar schick geworden, sich über Fernsehfiguren lustig zu machen. Das kann jeder, es ist lustig, folgenlos und verbindet. Gerade, wenn sie regelmäßig - wochentags als Talkshow-Gastgeber oder alle zwei Jahre bei internationalen Turnieren mit Millionenpublikum - im Fernsehen zu sehen sind und damit nahezu berechenbar neue Anlässe zur Schmähkritik liefern. Das Kommentatoren-Lästern gehört einfach dazu, ohne groß darüber nachzudenken, warum eigentlich. Oder es gar konkret zu begründen.

Früher machte man sich über Politiker lustig, noch früher über Schwarze, Polen und Franzosen. Aber das eine ist langweilig geworden und das andere nicht mehr opportun. Also müssen TV-Kommentatoren dran glauben.

Diesen Text veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des Debattier-Portals opinion club  .