Dienstag, 17. September 2019

Die neue Ökonomie des Teilens Deins, meins - egal

Sharing-Portale: Unsere Häuser, unsere Autos, unsere Boote
DPA

2. Teil: Immer mehr Güter haben eine digitale Hülle

Die diesjährige Computermesse Cebit hat sich "Shareconomy" als Leitmotto verpasst. Der Begriff umfasst mehr als nur den kollaborativen Konsum. Aber auch dieser Aspekt der Teile-Wirtschaft ist ohne elegante digitale Lösungen für die mobile Online-Welt kaum praktikabel.

Noch ist der Anteil des Gemeinschaftskonsums an der Gesamtwirtschaft relativ gering. Eine große Online-Umfrage des Cloud-Computing-Unternehmens Salesforce.com vor gut einem Jahr zeigte: Erst unter 5 Prozent der Befragten haben selber schon einmal Sharing-Plattformen ausprobiert. Je älter die Nutzer waren, desto skeptischer waren sie gegenüber dem Konzept, eigenen Besitz mit anderen zu teilen - aber mehr als 70 Prozent glauben, dass Sharing-Konzepte immer populärer werden.

Tatsächlich gehen fast wöchentlich neue Tausch- und Sharingportale an den Start. Und diesmal wollen die großen Unternehmen sich das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen. Matthias Schrader, CEO und Gründer von SinnerSchrader, einer der größten Digitalagenturen Europas, sagt: "Wir erleben einen fundamentalen Wandel: Aus Konsumenten werden Nutzer. Durch das allgegenwärtige Netz bekommen immer mehr Güter eine digitale Hülle. Sie werden geteilt und so effizienter genutzt. Bezahlt wird nur, wenn ein Gut im Moment etwas nützt."

Erfolg könne nur haben, meint Schrader, wer den "neuen Dreiklang" aus Netz, Nutzer und Nutzen am besten beherrscht - und da könnten, meint er, etablierte Player die besseren Karten haben: "Sie können durch entsprechende Dienste ihre heutige Produkt- und Kundenbasis auf eine neue Umlaufbahn bringen."

Ökonomische Unsicherheit fördert die Bereitschaft zum Teilen

Das meint auch Harald Heinrichs. Der Lüneburger Professor für Nachhaltigkeit und Politik ist Autor einer Studie zum Thema kollaborativer Konsum. Er sagt: "Jedes Unternehmen muss sich fragen, ob es ein Produkt hat, das sich für das Teilen und Tauschen eignet, und die entsprechenden Modelle untersuchen - sonst machen andere das Geschäft." Treibende Kräfte für den Konsumwandel seien das steigende Nachhaltigkeitsbewusstsein, die Selbstverständlichkeit sozialer Medien und ein Klima der ökonomischen Unsicherheit, das die Leute enger zusammenrücken lasse.

In seiner repräsentativen Umfrage kristallisierte sich heraus, dass sich ein knappes Viertel der Befragten dem Typus des sozial innovativen Kollaborativkonsumenten zuordnen ließ. "Weitere knapp 14 Prozent sind Konsumpragmatiker, für die das Thema aus Kostengründen interessant ist. Die mit gut 37 Prozent größte Gruppe shoppt konventionell und hat das Thema nicht im Blick - und ein gutes Viertel sind Basiskonsumenten mit beschränktem Budget, für die es erstaunlicherweise noch kaum zielgerichtete Angebote gibt."

Für den Nachhaltigkeitsexperten sind es allerdings nicht nur die Unternehmen, die den Trend im Blick haben sollten. "Unser gesamtes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist auf das Modell der Eigentumsökonomie zugeschnitten - mich wundert, dass noch keiner der großen Umweltverbände und keine der politischen Parteien den kollaborativen Konsum zum gesellschaftspolitischen Thema gemacht hat. Neben wirtschaftlichen ergeben sich rechtliche, versicherungstechnische und politische Fragestellungen, für die es Gestaltungsbedarf gibt."

Der Aspekt der Ressourcenschonung mag in manchen Fällen allerdings eher Wunsch als Wirklichkeit sein, vermutet der Essener Nachhaltigkeitsexperte Johannes Reidel: "Es ist ein Ansatz zur Transformation der Gesellschaft in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung - ein möglicher "Weg weg von der Wegwerfgesellschaft". Aber es ist empirisch noch nicht erwiesen, dass es tatsächlich Vorteile bringt. Was den Substitutionseffekt angeht, bin ich skeptisch. Eine Tauschökonomie muss nicht notwendig zu mehr Nachhaltigkeit führen. Denn einerseits muss man den logistischen Aufwand für den Transport der Güter bedenken, andererseits könnten sich einige Shared-Consumption-Modelle sogar konsumsteigernd auswirken."

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