Donnerstag, 22. August 2019

Haptik-Design Gefühlsecht

Haptik-Design: Tasten und streicheln
Volkswagen

Das Auge entscheidet? Nicht unbedingt. Ob wir zu einem Produkt greifen, darüber entscheidet auch unser Tastsinn. Hersteller hochwertiger Produkte setzen deshalb häufig auf Haptik-Design, das nicht nur den Fingerspitzen schmeichelt. Ganz vorne in der Forschung ist die Automobilindustrie.

Hamburg - Wenn der Wissenschaftler Martin Grunwald über seine Arbeit redet, erzählt er gerne die Geschichte von den ergonomisch geformten Schulfüllern. Ein französischer Schreibgeräte-Hersteller brachte das Produkt einst auf den Markt.

Die Füller hatten kleine Mulden, überzogen mit einer Softtouch-Oberfläche, in denen die Finger von Erstklässlern Halt fanden. Die Kinder kamen prima mit dem neuartigen Stift zurecht. Das Produkt war so erfolgreich, dass sich das Unternehmen entschloss, ähnlich geformte ergonomische Stifte für Erwachsene zu entwickeln.

Doch der Erfolg wiederholte sich nicht, sämtliche Erwartungen wurden enttäuscht: Die Stifte verkauften sich miserabel. Schlimmer noch: Es hagelte Beschwerden von unzufriedenen Käufern. Martin Grunwald und sein Team wurden um Rat gebeten. "Wir haben die Sache eingehend untersucht und festgestellt, dass die Stifte für Erwachsenenhände nicht geeignet waren. Wenn Erwachsene schreiben, dann rotiert der Stift in ihrer Hand.

Es sind nur winzige Bewegungen, aber sie entlasten die Handmuskulatur", erklärt der habilitierte Psychologe, der sich seit Jahrzehnten mit dem menschlichen Tastsinn beschäftigt. "Wenn unsere Finger unbeweglich in einer Mulde stecken und die Rotation wegfällt, fühlen wir uns sofort unwohl. Erstklässler dagegen haben noch keine Schreiberfahrungen gesammelt, sie empfinden es als angenehm, wenn sie einen Stift sicher in der Hand halten können." Design-Irrtümer wie dieser seien ihm schon häufig begegnet.

Für den Tastsinn entwickelt

Das Haptik-Labor der Universität Leipzig, das der Forscher 1996 gründete, ist das einzige seiner Art in Europa. Grunwald und seine Kollegen beraten Kunden aus der Industrie und helfen Produkte zu entwickeln, die unseren Tastsinn ansprechen: Griffe, die wir gerne in der Hand halten oder Verpackungen, bei denen bereits das Öffnen ein Vergnügen ist. "Es gibt reichlich Objekte, die visuell ansprechend gestaltet und auch funktional sind. Sie verkaufen sich trotzdem nicht, weil bei ihrer Entwicklung die Bedürfnisse des Tastsinnes vernachlässigt wurden", sagt Martin Grunwald.

"Ohne ein adäquates Haptik-Design kann man heute in der weltweiten Konkurrenz hochwertiger Produkte kaum noch bestehen. Der Kampf um die haptischen Marken hat im Stillen bereits begonnen, von der breiten Öffentlichkeit wird er bislang allerdings kaum wahrgenommen." Führend bei der Gestaltung von Produkten, die den Tastsinn ansprechen, ist seiner Erfahrung nach die Automobilindustrie. Und, tatsächlich, spricht man mit Tomasz Bachorski, Leiter Interieur Design bei Volkswagen, dann bekommt man einen Einblick in eine bis ins letzte Detail durchdachte Welt, in der Schalthebel nicht "rappeln" und Armaturen niemals "speckig" wirken dürfen.

Autotüren sollen geschmeidig aus der Hand gleiten und mit einem sanftem Wumm in Schloss fallen. "Oberflächen brauchen eine saubere, klare Struktur. Wichtig ist auch, dass sich Oberflächen selbst nach 10 oder 20 Jahren unter den ungünstigsten klimatischen Bedingungen nicht verändern dürfen", ergänzt Bachorski. "Der Schalthebel und das Lenkrad sollten die selbe Oberfläche haben und sich identisch anfühlen. Alle Interface-Tasten, beispielsweise von Navigationsgeräten, der Klimasteuerung oder die Lenkradtasten, müssen auf exakt den selben Druck reagieren."

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung