Unternehmenskultur Der unterschätzte Erfolgsfaktor

Jede Firma lobt ihre eigene Unternehmenskultur - zumindest in ihren Hochglanzprospekten. Doch wie sieht es in der Realität aus, wie füllen die Unternehmen den Begriff mit Leben? Ein Gespräch mit dem Unternehmensberater Gregor Schönborn.
Von Arne Gottschalck
Polieren geht über Studieren: Beim Thema Unternehmenskultur gilt vielfach "Hauptsache nach außen glänzen"

Polieren geht über Studieren: Beim Thema Unternehmenskultur gilt vielfach "Hauptsache nach außen glänzen"

Foto: Corbis

mm.de: Hand aufs Herz, Unternehmenskultur - was ist das abseits der Hochglanzprospekte?

Schönborn: Unternehmenskultur ist wie ein Spiegel der Realität von Gemeinsamkeiten im Unternehmen. Imagebroschüren oder Leitbilder zeigen uns eher Ideal-Bilder und das in Worten formulierte gewünschte Bild eines Unternehmens. Die Unternehmenskultur ist aber nicht materiell und bewusst, sie ist eher ideell und unbewusst. Das was das Management und die Mitarbeiter an gemeinsamen Vorstellungen, Erwartungen, Überzeugungen entwickelt haben, was in Gewohnheit übergegangen ist, das wird auch zur Orientierung "So ist das bei uns" und bestimmt dann auch zu einem großen Teil das Denken und Handeln für die kleinen und großen Dinge im Arbeitsalltag. Die Wirkung der Unternehmenskultur wird vom Management aber zu wenig beachtet. Die Kultur ist ein unterschätzter Erfolgsfaktor, dabei ist sie doch ein wichtiger Teil der kollektiven Identität des Unternehmens.

mm.de: Wie bewusst lässt sich so etwas steuern?

Schönborn: Weil das Wesentliche der Unternehmenskultur unbewusst ist, als schwer messbar gilt, entstehen bei der bewussten Steuerung in der Praxis erhebliche Schwierigkeiten. Die Gestaltung der Unternehmenskultur kann daher nur als ein Prozess verstanden werden, der vom Management initiiert werden kann, jedoch von allen Organisationsmitgliedern gelebt und getragen werden muss. Gestaltung setzt messbare Ziele voraus, also sollte eine Bestandsaufnahme gemacht werden: eine Kulturanalyse. Patentrezepte für die Steuerung gibt es nicht. Jedes Unternehmen muss seinen eigenen Weg zur Entwicklung und Veränderung seiner Kultur finden. Andererseits sind grundlegende Faktoren der Unternehmenskultur identifiziert worden, die in Zusammenhang mit dem Unternehmenserfolg stehen.

mm.de: Wie präsent ist das Thema in deutschen Vorständen und Geschäftsführungsebenen, ist man bereit, für so ein Thema zu investieren?

Schönborn: Die Diskussion um ethische Konzepte und Werteorientierte Führung hat sich als Auswirkung der Finanzkrise weiter verstärkt, ganz einfach, weil es eine Nachfrage gibt. Sieben von zehn Geldanlegern achten inzwischen verstärkt auf sog. Nachhaltigkeitskriterien. Reine Zahlen- und Profitorientierung werden aber nicht nur aus Sicht der Aktienanleger unchick, sondern erweisen sich auch in naher Zukunft auf dem Arbeitsmarkt als echten Nachteil bei der Suche nach Fachkräften. Der Blick auf die Unternehmenskultur bei der Jobsuche ist inzwischen genauso wichtig wie die Karrierechance.

mm.de: Was kostet fehlende Unternehmenskultur?

Schönborn: Eine Kultur gibt es immer, die Frage ist welche. In eigenen Untersuchungen haben wir bei Deep White nachgewiesen, dass über 30 Prozent des betriebswirtschaftlichen Erfolges, direkt oder indirekt mit der Unternehmenskultur erklärt werden können. Es kann also Erhebliches kosten, sich um die Unternehmenskultur nicht zu kümmern oder anders herum ausgedrückt gefällt es mir eigentlich besser: Es bringt messbaren Nutzen, Kultur als Erfolgsfaktor zu verstehen und so zu handeln.

mm.de: Welche Rolle spielt der Hintergrund des drohenden Arbeitskräftemangels?

Schönborn: Der Arbeitskräftemangel führt jetzt schon zur Verschiebung vom Arbeitgebermarkt zum Arbeitnehmermarkt. Gute Fachkräfte suchen sich ihren Arbeitgeber aus. Die Unternehmenskultur gilt nach Verdienst und Karriere als wichtigstes Entscheidungskriterium beim Job-Wechsel. Wer motivierte Arbeitnehmer gewinnen will und wer sie an das Unternehmen binden will, der muss sich als attraktiver Arbeitgeber positionieren. Das Stichwort heißt "Employer Branding" und die Werte eines Unternehmens sind wichtiger Bestandteil der Arbeitgebermarke, wenn nicht sogar der wichtigste.

mm.de: Gibt es ein vorbildhaftes Unternehmen?

Schönborn: Die so genannten Werteorientierten Unternehmen werden da immer wieder gerne genannt. Da gibt es eine Menge Vorzeigeunternehmen, die wir selbst untersucht haben, große wie zum Beispiel Hilti, Braun-Melsungen, mittelständische wie zum Beispiel Underberg oder kleinere wie die GLS Bank. Als wir die GLS Bank anfangs in 2004 untersucht hatten, bediente das Unternehmen alle Erfolgsfaktoren vorbildlich. Was Wachstum und Entwicklung angeht, gehört die damals eher kleine Bank heute zu den erfolgreichsten Banken für nachhaltige Investments.

mm.de: Und wie sehr muss so ein Thema nachhaltig gepflegt werden?

Schönborn: Unternehmenskultur ist kein Projekt, das mit einem fertigen Leitbild abgeschlossen werden kann. Die Kultur eines Unternehmens hat sich ja in der Regel über viele Jahre entwickelt und ist ein lebendes System, hat wechselseitige Einflüsse. Die Kultur hat den Erfolg beeinflusst und vielleicht hat der Erfolg auch die Kultur beeinflusst. Wichtig ist, ein Bewusstsein für die Bedeutung von Kultur als Teil des Lern- und Entwicklungsprozesses zu haben und für die Zusammenhänge von Werten und Arbeitsergebnissen. Erfolgreiche Unternehmen, die ein Verständnis für die Kulturbedeutung entwickelt haben, beziehen die Unternehmenskultur längst in die Steuerungssysteme der Organisations-Entwicklung mit ein.

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