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Börsengänge: Die größten IPOs seit 2006

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Dax-Geflüster Eiszeit in Deutschland - trotz Facebook

Facebook & Co dürften in den USA mit ihren Börsengängen Milliarden einsammeln. Deutschlands Unternehmen dagegen, darunter Dickschiffe wie Evonik und Osram, blasen ihre IPO-Pläne ab. Kann der Funke aus den USA noch überspringen? Ein Blick auf zwei Parallelwelten.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - War da was? Überschuldung, lähmender Kampf zwischen Republikanern und Demokraten, drohende Rezession? Das alles hält US-Anleger nicht von den rosigsten Börsenträumen ab: Sie fiebern dem "next big thing", dem Börsengang von Facebook entgegen, und Investmentbanker überbieten sich mit immer höheren Bewertungen des sozialen Netzwerks. Das junge Rabattportal Groupon hat mit seinem Initial Public Offering (IPO) bereits alle Erwartungen übertroffen. Sogar das Empire State Building in New York soll nun Teil eines börsengehandelten Immobilienfonds werden. Amerika bringt seine Wahrzeichen an den Finanzmarkt, als hätte es nie eine Krise gegeben.

Amerika zeigt sich einmal mehr als IPO-Meister, während Deutschland zaudert. Die Chancen, dass der Funke aus den USA überspringt und die eiskalte Börsengangslandschaft auftaut, stehen schlecht - obwohl die Euro-Krise bislang an den Deutschen abzuperlen scheint wie an einer gut imprägnierten Winterjacke.

14 Prozent der Börsengänge weltweit fanden im dritten Quartal in den USA statt, rechnet die Beratungsgesellschaft Ernst & Young vor. In Deutschland waren es küümerliche 0,7 Prozent. "Die Unterschiede zwischen der IPO-Aktivität in den USA und Europa, also auch Deutschland, sind mehr als deutlich", sagt Nils Ernst, der bei der DWS unter anderem für US-Aktien zuständig ist. "Neuemissionen in den USA werden nur dann ausgesetzt, wenn das Umfeld ganz schwach ist. Nur in solchen Ausnahmesituationen gerät die Pipeline ins Stocken."

Facebook scheffelt Geld, Evonik und Osram tauchen ab

Das zeigt auch das laufende Jahr deutlich. "Das IPO-Jahr begann stark, dann kamen die Börsenturbulenzen und das IPO-Fenster schloss sich, um sich später im Jahr wieder zu öffnen", erklärt Ernst. Dazu passt, dass Facebook trotz der Börsenturbulenzen seinen Kurs hält. Laut"Wall Street Journal" wird der Börsenwert des Unternehmens inzwischen auf 100 Milliarden Dollar geschätzt.

In Deutschland dagegen hat Evonik bei vergleichbarer Börsenlage seinen Börsengang kurzerhand absagt - übrigens zum zweiten Mal. Bereits 2008 hatte das Unternehmen angesichts eines schwachen Umfeldes von diesem Schritt abgesehen. Und der Industrie Siemens  verschob den Börsengang seiner Tochter Osram.

An einem fehlenden Unternehmenswert kann es nicht liegen. Sowohl der weltweit tätige Lichtspezialist Osram als auch der Energiekonzern Evonik bieten ein solides, nachhaltiges Geschäft. Doch es ist auch eine Frage der Kultur: "Amerika hat eine positive Einstellung zur Eigenkapitalbeschaffung", beobachtet Fondsmanager Ernst. "Zum anderen gehen in Amerika, der Heimat vieler Technologieunternehmen, eben solche Unternehmen an die Börse. Und die können schon so etwas wie Begeisterung versprühen."

In Deutschland ist das anders. Die Eigenkapitalkultur fehlt, viele Menschen sind risikoscheu, weil sie sich an das Desasters am "Neuen Markt" der Deutschen Börse erinnern, wo sie viel Geld verloren haben. Und entsprechend "öffnet sich das IPO-Fenster nur dann, wenn das Umfeld ausgesprochen gut ist", sagt Ernst. Und gut ist das Umfeld derzeit nicht - die Ungewissheit, die auf der Euro-Zone lastet, muss zunächst einmal beseitigt werden. Nur wie?

Die Suche nach dem Leitwolf

Umso wichtiger wäre in Deutschland ein Vertrauensschub, den ein erfolgreicher Groß-IPO auslöst. Doch dafür gibt es derzeit keine Anzeichen.

"Das IPO-Fenster öffnet sich regelmäßig am weitesten im zweiten Quartal. Und da ein Börsengang einige Vorbereitungszeit braucht, ist es wichtig, dass das Börsenklima im Januar und Februar 2012 ruhiger wird", sagt Christoph Gruss, Partner im Bereich Capital Markets & Accounting Advisory Services bei PwC Deutschland. "Passiert dies nicht, wird auch 2012 mit Blick auf die IPOs eher mäßig."

Der aktuelle Konjunkturausblick hilft auch nicht gerade, die entsprechenden Hoffnungen zu heben. "Die deutschen Politiker scheinen den Einfluss einer schrumpfenden Euro-Wirtschaft auf ihre eigene Ökonomie vergessen zu haben", sagt Mark Burgess, Anlagechef der Fondsgesellschaft Threadneedle. Europa, Deutschlands wichtigster Absatzmarkt, werde 2012 ein geringeres Wachstum aufweisen.

Börsianer in Deutschland sind daher skeptisch. So ergibt eine aktuelle Erhebung der Fondsgesellschaft Union Investment, dass nur noch rund jeder Fünfte der Befragten mit steigenden Aktienkursen in den nächsten sechs Monaten rechnet. Das sind 4 Prozentpunkte weniger als im Vorquartal. Keine gute Aussichten also dafür, dass die Deutschen den IPO-Rhythmus der Amerikaner aufnehmen werden. Und einen Leitwolf, wie ihn Facebook in den USA darstellt, hat der deutsche IPO-Markt derzeit nicht zu bieten.

Einziger Trost - erfolgreiche IPOs allein sorgen noch nicht für ein dauerhaftes Hoch. Die Aktie von Groupon zum Beispiel hat seit ihrem Börsengang mehr als 30 Prozent an Wert verloren.

Übersicht: Die größten Börsengänge seit 2006

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