Dax-Geflüster Deutschlands Konzerne unter Dampf

Zehn Dax-Konzerne haben in dieser Woche Zahlen vorgelegt - und die Geschäfte laufen bei den meisten besser als befürchtet. Ist die Wirtschaftslage also besser als die Stimmung? Zu Euphorie besteht kein Anlass: Die gefeierten Brüsseler Ergebnisse - vor allem die Kapitalvorgaben für Banken - bergen neue Risiken für die Konjunktur.
Steamcracker im BASF-Werk Ludwigshafen: Die Mehrzahl der Dax-Konzerne hat in dieser Woche positiv überrascht - doch die guten Zahlen sind auch Folge gekappter Kosten

Steamcracker im BASF-Werk Ludwigshafen: Die Mehrzahl der Dax-Konzerne hat in dieser Woche positiv überrascht - doch die guten Zahlen sind auch Folge gekappter Kosten

Foto: BASF/ dpa

Hamburg - War das die entscheidende Woche für eine nachhaltige Erholung des Dax  ? In Brüssel wurden wichtige Weichen zur Lösung der Euro-Schuldenkrise gestellt, was am Donnerstag am Aktienmarkt ein regelrechtes Kursfeuerwerk auslöste. Wichtiger noch waren aber womöglich die Geschäftsergebnisse der Großkonzerne: Sie ermöglichen Rückschlüsse auf die Lage in der Wirtschaft. Und das kann in Zeiten unsicherer Konjunkturaussichten von großem Wert sein.

Die Deutsche Bank  am Dienstag, SAP  und Merck  am Mittwoch, Daimler , Volkswagen , BASF , Bayer , Lufthansa und die Deutsche Börse am Donnerstag und schließlich noch der Gase- und Anlagenhersteller Linde am Freitag - die Vorstände von nicht weniger als zehn Dax-Firmen haben in dieser Woche ihre Karten auf den Tisch gelegt. Und siehe da: Die Manager hielten zum großen Teil besseres auf der Hand als von vielen erwartet.

Zahlreiche Analysten wurden so auf dem falschen Fuß erwischt. Einige Beispiele: Die Deutsche Bank habe mit dem Ergebnis über den Erwartungen abgeschnitten, schrieb die UBS. Die Konsensprognose zum Vorsteuergewinn sei übertroffen worden. Bei der Commerzbank hieß es, der operative Gewinn von Merck habe die Markterwartung um 10 Prozent und die eigene Annahme um 27 Prozent übertroffen. Und nach Angaben von Equinet lag das Ergebnis von Bayer deutlich über dem, was die Bank und der Rest des Marktes hatten kommen sehen.

Die Liste ließe sich fortsetzen. "Mit Ausnahme von Daimler  konnten die Unternehmen die Erwartungen der Analysten auf Stufe Gewinn übertreffen", so Bernd Hartmann, Anlagestratege bei der Liechtensteiner VP Bank. "Auf Umsatzstufe war das Ausmaß der Überraschungen weniger deutlich, was dafür spricht, dass die Ergebnisse weiterhin vom strikten Kostenmanagement der Unternehmen profitieren." Obwohl insgesamt noch wenig deutsche Unternehmen berichtet haben, sagt Hartmann, zeichnen sich erste Trends ab. "Im internationalen Vergleich überzeugen die Zahlen", sagt der Investmentprofi.

Firmenlenker optimistisch - droht dennoch die Konjunkturdelle?

Kein Wunder also, dass beinahe jeder Konzern am Tag seines Quartalsberichts an der Börse einen Kursgewinn verzeichnen konnte. Und zwar nicht eben einen bescheidenen, wie ein Blick auf die Notierungen vom Donnerstag zeigt: Volkswagen - beinahe 10 Prozent im Plus. BASF und Bayer - zwischen 6 und 7 Prozent. Dazu noch die Deutsche Börse mit fast 6 Prozent, die Lufthansa mit 4,5 Prozent und Daimler mit 3 Prozent.

Ausschließlich auf die Freude über den Konsens beim Euro-Gipfel dürften diese Kurssprünge kaum zurückzuführen sein. Auch der Pharmakonzern Merck lag am Mittwoch nach Vorlage der Quartalsergebnisse mit plus 6,6 Prozent an der Spitze des Dax - da hatte das Spitzentreffen in Brüssel noch nicht einmal begonnen.

Absatzzahlen, Umsätze und Gewinne geben zwar Aufschluss über den Status quo in den Unternehmen. Was jedoch in nächster Zukunft auf sie zukommt, lässt sich daraus kaum ablesen. Steht die konjunkturelle Eintrübung bevor oder nicht? Und wenn ja, wie heftig wird sie ausfallen? Diese Fragen stehen nach wie vor im Raum.

Abgesehen von Ausnahmen wie der Lufthansa  , die keinen großen Optimismus verströmte, geben Ausblicke der Konzernlenker auch in dieser Hinsicht kaum Anlass zur Sorge. Viele Firmen befinden sich 2011 schon seit Monaten auf Rekordkurs und halten auch nach dem dritten Quartal daran fest. Von Konjunktureintrübung ist kaum die Rede.

So scheint es allen Unkenrufen zum Trotz keineswegs ausgeschlossen, dass vielfach prognostizierte Delle im Wirtschaftsaufschwung tatsächlich ausbleibt. "Einem Bonmot zufolge nimmt die Börse ja mit Kurseinbrüchen 8 von 5 Rezessionen vorweg", sagt beispielsweise Felix Schleicher, Portfoliomanager bei Value Asset Management. "Gut möglich, dass die Anleger auch im Sommer dieses Jahres falsch lagen, als sie den Kurssturz um mehr als 20 Prozent ausgelöst haben." Schleicher vergleicht die Situation mit jener im Sommer 1998. Auch damals gingen die Kurse runter, weil beispielsweise die Russland-Pleite und die Asienkrise schlimme Befürchtungen aufkommen ließen. Und was geschah? Die Konjunktureintrübung blieb aus und mit den Kursen ging es im Herbst des Jahres wieder bergauf. "Gut möglich, dass es diesmal ähnlich läuft", meint der Fachmann.

Die Zeichen, die auf eine Eintrübung der Konjunktur hindeuten, lassen sich dennoch nicht ignorieren.

Die Risiken der neuen Bankenregeln - Kreditknappheit droht

Vieles spricht dafür, dass die Stimmung in der Wirtschaft derzeit - gedrückt vor allem durch die Sorgen um den Euro - schlechter ist als die tatsächliche Lage. Dennoch geben einige Konjunkturdaten Anlass zur Sorge. Es sind vor allem die Stimmungsindikatoren wie der Ifo-Erwartungsindex oder der PMI Manufacturing Index von Markit, die nach unten deuten, sagt Experte Hartmann von der VP Bank. Die harten Daten dagegen, beispielsweise die Auftragszahlen, zeigen eine Eintrübung bislang kaum an.

Es stellt sich die Frage, was sich durchsetzt: Bleibt die Wirtschaft robust und hellt sich angesichts dessen allmählich auch die Laune in den Unternehmen und an den Märkten wieder auf? Oder wird der sorgenvolle Blick in die Zukunft demnächst durch Tatsachen bestätigt? Zum Link zwischen der betrüblichen Gemütsverfassung vieler Menschen und den Bilanzen der Unternehmen beispielsweise könnte ein Nachlassen des Konsums werden, das sich direkt in den Absatzzahlen niederschlagen würde.

Auch Hartmann beobachtet die Verunsicherung bei Unternehmen und Konsumenten. Und er sieht noch eine weitere Gefahr. "Die Auswirkungen auf die Realwirtschaft sind zwar noch ungewiss", sagt er. "Es könnte aber gerade mit Blick auf die aktuellen Brüsseler Beschlüsse durchaus zur befürchteten Beeinträchtigung kommen."

Das Risiko verkürzter Bilanzen

Der Grund liegt nach Einschätzung des Experten in der beschlossenen Rekapitalisierung der Banken in Europa: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihre Euro-Mitstreiter einigten sich in Brüssel darauf, die Kapitalbasis der Institute zu stärken. Nach Berechnungen der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) müssen sich führende Banken gut 106 Milliarden Euro an frischen Mitteln besorgen, wenn sie den ebenfalls geplanten teilweisen Schuldenerlass Griechenlands verkraften wollen.

Alleine deutsche Banken brauchen frisches Kapital in Höhe von 5,18 Milliarden Euro. Der größte Teil davon entfällt auf die Commerzbank, die eigenen Angaben zufolge einen Bedarf von drei Milliarden Euro hat.

Das Problem ist nun, so Hartmann: Können die Banken ihren Kapitalbedarf nicht decken, so könnten sie sich, um die verschärften Kapitalanforderungen zu erfüllen, dazu entschließen ihre Bilanzsummen zu verkürzen. "Dies hätte negative Folgen auf die Kreditvergabe und somit auf das Investitionsverhalten", sagt der Fachmann. Insbesondere für die Hersteller von Maschinen und langlebigen Konsumgütern sei der Kreditmarkt enorm wichtig.

Die gute Nachricht lautet jedoch: Käme es zu dieser Kausalverkettung, dann bedeutet das noch nicht, dass auch die Kurse an der Börse wieder einknicken. Denn viele Firmen gelten, gemessen beispielsweise am Kurs-Gewinn-Verhältnis - auch auf dem gegenwärtigen Niveau noch als günstig bewertet. Die Anleger haben eben bereits viel Pessimismus in die Kurse einfließen lassen.

Überblick: Wie es um die Dax-Konzerne steht

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