Euro-Rettung Die Repressions-Rally

Es war ein Gipfelentschluss unter Anstrengung - am Ende stemmten Europas Regierungschefs ein neues Paket. Doch diese Euro-Rettung um jeden Preis entwertet unser Geld, sagt Vermögensverwalter Bert Flossbach. Das könnte eine Aktienrally auslösen.
"Die Schutzmauer muss spätestens vor Italien stehen", sagt Bert Flossbach. "Sonst wäre auch Frankreich weg - und wir auch"

"Die Schutzmauer muss spätestens vor Italien stehen", sagt Bert Flossbach. "Sonst wäre auch Frankreich weg - und wir auch"

Foto: DPA

Hamburg - Investoren feiern die Einigung beim Euro-Rettungsgipfel, der Dax  steigt um rund 4 Prozent auf mehr als 6200 Punkte. Das könnte erst der Anfang einer großen Rally sein, wenn Vermögensverwalter Bert Flossbach Recht behalten sollte.

"Vielleicht stehen wir vor einem Bullenmarkt bei Aktien", sagt Flossbach. Er ist Co-Gründer von Flossbach & von Storch, einem der größten bankunabhängigen Vermögensverwalter in Deutschland. Für seine Kunden verwaltet er mehr als 5 Milliarden Euro.

Der Grund für eine Rally sind diesmal allerdings keine guten Wirtschaftsaussichten, sondern die Flucht der Anleger in Sachwerte. Und dazu gehören Aktien, sagt der ehemalige Banker der US-Investmentbank Goldman Sachs. Die Ereignisse vom Mittwoch haben Flossbach in seiner Überzeugung bestärkt, dass die Politik alles zu tun bereit ist, um Staatspleiten und Bankzusamenbrüche zu verhindern.

"Angela Merkel hat vor dem EU-Krisengipfel im Bundestag erneut den Euro mit Europa und Frieden gleichgesetzt. Das treibt die Politik", sagt Flossbach. Daher sei klar, was weiter passieren müsse: "Der Euro-Rettungsfonds EFSF und ab Sommer der Europäische Stabilitätsmechanismus kaufen Anleihen der Problemstaaten, besonders Italiens, bis der Arzt kommt", prognostiziert er. Ein Schuldenschnitt bei Griechenland sei unvermeidlich, bei großen Ländern aber nicht vorstellbar - denn dann wären auch Geldhäuser wie die Deutsche Bank in Not.

"Die Schutzmauer muss spätestens vor Italien stehen - sonst wäre auch Frankreich weg, und wir auch", sagt Flossbach.

Der hohe Preis der Rettungsaktionen sei aber, dass die Schulden auch bei bislang solide wirtschaftenden Euro-Staaten immer weiter steigen. Schon droht Frankreich seine Spitzen-Bonitätsnote zu verlieren. "Die Frage ist, wie wir von dieser hohen Staatsverschuldung herunterkommen", sagt der Vermögensverwalter. Das Wachstum, um aus den Schulden herauszuwachsen, gebe es nicht. Ein Gesundschrumpfen, also ein Heraussparen aus den Schulden, funktioniere ebenfalls nicht, wenn dies die großen Industriestaaten der Welt alle gleichzeitig versuchten, also keine ausgabefreudigen Abnehmer für die Waren mehr blieben.

Finanzielle Repression als letzter Ausweg

"Also bleibt als letzte Möglichkeit die finanzielle Repression", sagt Flossbach. Dabei hält ein Staat die Zinsen niedrig, trotz einer (oft verdeckt) hohen Inflation. So seien auch die USA nach dem zweiten Weltkrieg ihre hohen Schulden losgeworden. "Vielen Ländern - Japan allen voran, auch den USA mit 100 Prozent Staatsverschuldung zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), und auch Europa - bleibt nur die Monetarisierung der Schulden, also das Gelddrucken", sagt Flossbach. Denn wenn der Wert des Geldes sinkt, dann sinkt auch der reale Wert der Schulden.

Für Sparer und Vermögensbesitzer bedeutet das allerdings, dass sie Geld verlieren - und das ist schon heute der Fall für Käufer von Bundesanleihen, die selbst bei einer Laufzeit von zehn Jahren nur 2,1 Prozent Rendite bringen. "Wir haben jetzt einen massiv negativen Realzins - deutlich unter der offiziellen Inflationsrate von drei Prozent, und die inoffizielle Inflationsrate dürfte noch höher sein. Mit risikoarmen Investments wie deutschen Staatsanleihen verlieren Anleger also Geld", sagt Flossbach - und erkennt darin die ersten Auswirkungen der finanziellen Repression.

"Das bedeutet schon ein echtes Entsparen - und so etwas kann lange dauern", warnt er. "Denn die Zinsen müssen lange niedrig bleiben, sonst gibt es Staatspleiten. Italien kann sich keine hohen Zinsen leisten."

"Aktien in Zeiten finanzieller Repression besser als Zinsen oder Sparstrumpf"

So gesehen ist auch der Kurssprung vom Donnerstag bereits eine Auswirkung der Politik der finanziellen Repression und der Euro-Rettung um jeden Preis. Denn die sorgt für Geldentwertung, macht also Sachwerte wie Aktien vergleichsweise attraktiv - trotz mauer Wirtschaftsaussichten.

Flossbach empfiehlt Anlegern als langfristige Strategie daher dividendenstarke Aktien mit krisenfestem Geschäftsmodell wie die Konsumtitel Nestlé , Colgate , Coca-Cola  sowie Procter & Gamble . "Das bringt vielleicht nicht den großen realen Wertgewinn. Aber Aktien sind in Zeiten der finanziellen Repression besser, als Zinsen oder der Sparstrumpf."

Aktuell hält sich Flossbach bei seinen Investments allerdings am Aktienmarkt noch zurück, weil er einen weiteren Rückschlag erwartet hatte. "Vielleicht waren wir da zu pessimistisch", räumt er ein. Denn wenn vielen Anlegern jetzt klar wird, dass Aktien zwar nicht der schnelle Weg zum Reichtum sind, aber Schutz vor den Übergriffen der Politik auf die Privatvermögen bieten, hat die Repressions-Rally vielleicht schon begonnen.

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