Krisenstabilisator Deutsche Konzerne spekulieren auf China-Puffer

Chinas Führung will der fernöstlichen Turbowirtschaft einen fundamentalen Wandel verordnen: Weg vom hohen Tempo, hin zu mehr Qualität. Das könnte eigentlich gerade deutschen Herstellern in der drohenden Krise helfen. Doch die China-Hoffnung kann trügerisch sein.
Von Markus Gärtner
Deutsche Metro in China: Starke chinesisch deutsche Handelsbeziehungen als Krisenpuffer

Deutsche Metro in China: Starke chinesisch deutsche Handelsbeziehungen als Krisenpuffer

Vancouver - Es wäre eine Zäsur. Jahre lang glänzte Chinas Wirtschaft mit Schlag-auf-Schlag-Produktion und fast überschäumendem Fertigungstempo. Bald aber, so der Wille der chinesischen Staatsführung, soll plötzlich Qualität und jene Art von Wertschöpfung in den Produktionsfokus rücken, die mehr Gewinnanteil bei den eigenen Exporten erlauben soll. Doch negative Nachrichten aus wichtigen Branchen erwecken derzeit den umgekehrten Eindruck. Es scheint bisweilen, als täten sich auf der viel bestaunten Industrieautobahn Chinas zahlreiche Schlaglöcher auf.

So überholte China noch vor drei Jahren mit Leichtigkeit die USA als den global führenden Automarkt. Doch im Mai legte der wachstumsverwöhnte Autosektor im Reich der Mitte plötzlich eine Vollbremsung hin: Vor den landesweiten Absatzzahlen der Branche stand auf einmal ein Minuszeichen, und seitdem werden nur leichte Zuwachsraten registriert. Der plötzliche Kriechgang zwingt deutsche Hersteller von Luxuskarossen - wie Mercedes und BMW - schon zu Rabatten von bis zu 20 Prozent auf den Listenpreis, um in China im Geschäft zu bleiben.

Ein weiteres Beispiel: Im Reich der Mitte wurde seit 2006 auch das längste Eisenbahnnetz der Welt für Hochgeschwindigkeitszüge gebaut. Aber seit Juli, als 40 Menschen bei einem schweren Zugunglück im ostchinesischen Wenzhou 40 starben - 190 wurden zudem verletzt - und zeitgleich ein herber Korruptionsskandal die Transportbranche erschüttert, wirkt alles anders: Wie die Wirtschaftszeitung "21st Century Business Herald" kürzlich berichtete, seien 80 Prozent der laufenden Bahnprojekte bis zum Abschluss einer gründlichen Überprüfung gestoppt worden. Daraufhin brach der Aktienkurs der China Railway Group in Hongkong ein; das Unternehmen verlegt zwei Drittel der Schienenwege in der Volksrepublik. Überdies wird auch in Chinas Energiesektor wegen des Desasters im Atomkraftwerk von Fukushima im März über die Prioritäten nachgedacht. Deutsche Konzerne und Zulieferer sind ausgerechnet in diesen Industrien besonders stark in China vertreten. Haben sie auf das falsche Pferd gesetzt?

Im Zusammenspiel mit langsamerem BIP-Wachstum sind die Wellen der Entwicklung bis hin zu deutschen Unternehmen wie dem Verkehrstechnikkonzern Vossloh zu spüren. Vossloh berichtete Ende August, es habe in den ersten sechs Monaten des Jahres einen Umsatzrückgang von knapp 18 Prozent verzeichnet, unter anderem weil das Geschäft mit Schienenbefestigungen in China nur schleppend verlief.

Bibbernde deutsche Hersteller

Dabei hatte Chinas Staatsrat noch im Januar angekündigt, bis 2015 weitere 16.000 Kilometer Gleise für Hochgeschwindigkeitszüge zu verlegen. Das klang nach weiteren guten Aufträgen für westliche Hersteller. Bombardier, das sein Eisenbahngeschäft von Deutschland aus steuert, erhielt Ende 2009 von China einen vier Milliarden Dollar umfassenden Auftrag für 80 Hochgeschwindigkeitszüge. Siemens und seine mittelständischen Lieferanten konnten sich zur selben Zeit über einen 750-Milionen-Euro-Auftrag für hundert Züge freuen; China hatte den rasanten Ausbau seines Schnellzugsystems 2008 im Rahmen des Stimuluspakets gegen die Krise sogar noch beschleunigt. Entsprechend bibbernd schauen die deutschen Hersteller jetzt nach China, dem Staat, dessen Turbowirtschaft und Riesennachfrage sie doch eigentlich in der sich aufziehenden Krise stützen sollte.

Nach Angaben der DZ Bank sind 40 Prozent der kleineren mittelständischen Unternehmen hierzulande in den vergangenen Jahren im Ausland aktiv geworden, und jedes vierte misst dem chinesischen Markt dabei eine hohe Bedeutung bei. "Die Einordnung von China und Südostasien entspricht bereits dem Stellenwert der Zielregion Nordeuropa und übertrifft damit sogar merklich die Einschätzung der USA als strategisch bedeutsamen Auslandsmarkt", heißt es bei der DZ Bank. Auch die Deutsche Bundesbank hatte im Juli ausführlich die Exporterfolge der deutschen Industrie unter die Lupe genommen und dabei die Bedeutung des Chinageschäfts gewürdigt.

Eine neue Studie der Unternehmensberatung Oliver Wyman über die größten Maschinen- und Anlagenbauer unterstreicht dies. Demnach konnten in der neuen Rangliste der führenden Anlagenbauer vor allem Firmen wie GEA und Knorr-Bremse ihre Positionen verbessern, weil sie stark vom Chinageschäft profitieren. GEA, ein Systemanbieter für die Erzeugung von Nahrungsmitteln und Energie, steigerte sein Geschäftsvolumen in der Region Asien-Pazifik im ersten Quartal 2011 um 69 Prozent. Die Knorr-Bremse konnte dem Geschäftsbericht 2010 zufolge ihren Umsatz in Asien-Pazifik um 90 Prozent auf 1,04 Milliarden Euro steigern. "Der wichtigste Treiber in dieser Region ist der Ausbau des Eisenbahnnetzwerkes in China und Indien", heißt es im Geschäftsbericht des Unternehmens.

Kein Wunder also, dass deutsche Mittelständler aufmerksam die jüngsten Nachrichten aus China verfolgen, die unter anderem auch ein langsameres Wachstum des Bruttoinlandsprodukts signalisieren. China-Experten sehen jedoch keinen Grund, nervös zu werden. Für eine plötzliche Kursänderung in China gibt es keine Hinweise. Auch der Fünfjahresplan bis 2015 - der China vom Billigstandort in ein Technologieland verwandeln soll - erlaubt keine drastischen Kursänderungen, höchstens Anpassungen in der Feinabstimmung.

Aufschäumender China-Handel stabilisiert

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Für deutsche Firmen könnte das in einigen Fällen bedeuten, dass sie bei größeren Projekten noch einmal das Reißbrett bemühen müssen. Aber eine Überprüfung des Standortes China insgesamt droht keinesfalls. Im Gegenteil, wie einer der führende Managementberater Chinas, Song Xinyu, in Peking erklärt: "In China ist eine Wertewende zu erwarten, von einer reinen Tempoorientierung zu mehr Qualitätsorientierung. Ereignisse wie der schwere Zugunfall werden diese Wende beschleunigen. Für deutsche Mittelständler ist das eher ein Vorteil", so Song, der für Roland Berger im vergangenen Jahrzehnt die Büroeröffnung in Peking und Shanghai vorbereitete. Sein Unternehmen I-Zhong International wächst im laufenden Jahr um 50 Prozent.

Deutsche Firmen, die bereits stark in China engagiert sind, sehen das wie Song. Zum Beispiel der Medizintechnikhersteller Fresenius, der im vergangenen Jahr seine Verkaufserlöse in Asien um 20 Prozent steigerte, verglichen mit einem Zuwachs von 8,5 Prozent in Europa. Fresenius-CEO Mark Schneider verweist auf Chinas Bemühen, ein umfassendes Gesundheitssystem einzuführen. Das würde von Dialysegeräten bis hin zu Infusionstherapien viele Anwendungen einschließen, für die das deutsche Unternehmen Technik anbietet.

Schon der Blick auf die Marktpotenziale zeigt, dass in China kein Kurswechsel zu erwarten ist. Das Reich der Mitte wurde im vergangenen Jahr noch abhängiger von importiertem Öl als die USA. China muss jetzt laut dem nationalen Statistikbüro 55 Prozent seines Verbrauchs einführen. Der Druck zum Ausbau erneuerbarer Energien wird also gewaltig bleiben, auch der Druck auf den Ausbau der Atomkraft. Ein Beispiel: Während in Europa und den USA Subventionen für erneuerbare Energien wegen der hohen Haushaltsdefizite teilweise überprüft oder gedrosselt werden, hat China seinen Energieversorgern ehrgeizige Ziele vorgegeben und die Staatsbanken angewiesen, die nötigen Kredite für umweltfreundliche Energieträger bereitzustellen. Das bekommen derzeit vor allem deutsche und amerikanische Solarfirmen zu spüren, die wegen des massiven Ansturms von Billiganbietern aus China serienweise aus dem Markt ausscheiden oder Projekte streichen müssen.

China gilt zudem schon seit längerem als der weltweit führende Erzeuger von Wasserkraft. 2010 stürmte es an die Spitze der größten Erzeuger von Windenergie. Gerade wurde das Kapazitätsziel für Solaranlagen auf 50 Gigawatt erhöht, drei Mal so viel wie der nächstgrößere Solarstromerzeuger Deutschland. Ähnlich das Zahlenbild für die Autoindustrie. Zwar werden jährlich auf den Straßen der Volksrepublik 14 Millionen neue PkW registriert. Doch erst 5 Prozent aller Chinesen sind Besitzer eines Autos. Die Zahl der Fahrzeuge soll sich bis 2020 auf 185 Millionen verdreifachen. Selbst bei einem kurzfristigen Konjunktureinbruch würde diese Prognose nicht gänzlich über den Haufen geworfen.

Ähnlich sehen die Wachstumsperspektiven im Eisenbahnsektor aus. Das chinesische Schienennetz muss mit 6 Prozent der globalen Kapazität ein Viertel der globalen Fracht und des weltweiten Personenverkehrs befördern. Ohne massiven Ausbau, auch im Schnellzugbereich, droht ein Infarkt. Daran kann nicht einmal die Verdreifachung der Schulden im Eisenbahnministerium etwas ändern. In der Autoindustrie sieht es ähnlich aus. Zwar hat die China Association of Automobile Manufacturers im Juli ihre Wachstumsprognose für 2011 auf 5 Prozent halbiert. Doch Marktkenner wie der Geschäftsführer bei General Motors in China, Kevin Wale, sehen innerhalb von zwölf Monaten wieder stärkere Wachstumszahlen.

Und das hat einen guten Grund. In Ballungszentren an der Küste wird der Markt von den Planern in Peking gebremst, doch im Hinterland explodiert er förmlich. In Peking gewannen im Juli bei der monatlichen Lotterie von 614.000 Teilnehmern nur 17.000 die Erlaubnis zur Registrierung eines PkW. Doch Pekings Wirtschaft wuchs im ersten Halbjahr nach offiziellen Statistiken "nur" 8 Prozent, während große Städte weiter im Westen des Landes - mit deutlich geringerer Motorisierung - doppelt so schnell wachsen. Chongqing in Westchina - mit 40 Millionen Einwohnern im Einzugsgebiet halb so große wie Deutschland - wuchs 16 Prozent. Nach einer Aufstellung von Moody's Analytics auf Basis offizieller chinesischer Zahlen befinden sich elf der zwölf am schnellsten wachsenden Ballungsräume in Chinas Hinterland, wo die Zahl der registrierten Autos noch nicht beschränkt wird.

China auf Zulieferrolle gepolt

Apple-Lieferant Foxconn: Chinesische Fabrikanten oftmals noch Zulieferer

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Foto: BOBBY YIP/ REUTERS

Vor diesem Hintergrund sehen Meldungen über eine geringere Förderung von Elektroautos, oder angehaltene Projekte im Eisenbahnsektor nicht mehr so beunruhigend aus. Der Anker der Erwartungen, sagen Experten, sollten jedoch nicht tagesaktuelle Meldungen aus China sein, sondern der Fünfjahresplan. Er sieht bis 2015 rund 1500 Milliarden Dollar Investitionen in sieben strategische Industrien vor, darunter Energie, hochwertige Industrieprodukte, Luftfahrt und Autos. Und ist der Plan erst einmal angelaufen, hält ihn im Reich der Mitte niemand mehr auf: Universitäten bilden danach aus, staatseigene Konzerne richten ihre Strategie darauf, Offizielle in den Provinzen müssen auf seiner Basis Erfolgsmeldungen nach Peking telegraphieren, oder riskieren, bei Beförderungen übergangen zu werden. Das gibt den Fünfjahresplänen eine enorm starke Eigendynamik.

Selbst unabhängig davon gibt es für die eingeschlagene Richtung keine Alternative: "Die Landpreise steigen, die Löhne steigen, Rohstoffe werden teurer", sagt Lewis Ho, ein Partner in der Anwaltskanzlei Simmons & Simmons in Hong Kong, "China kann nicht am Ende der globalen industriellen Nahrungskette mit lediglich 5 Prozent von der Wertschöpfung verbleiben". Auch der Chinaexperte Willy Shih an der Harvard Business School sieht das so: "Ausländische Technologie dominiert die in China zusammengesetzten Hi Tech-Produkte, China selbst bleibt auf eine arbeitsintensive low-value-Rolle beschränkt".

Die Werte-Wende von Wachstum um jeden Preis hin zu mehr Qualität und Wertschöpfung wird laut Song Xinyu deutschen Firmen in die Hände spielen. "Bei primitivem Wachstum haben die Deutschen wenig zu bieten, weil deutsche Produkte teuer sind", sagt Song, der in Deutschland über den Wandel von einer Planwirtschaft zu einem freien Markt promovierte, "doch bei qualitativem Wachstum haben deutsche Produkte große Vorteile". Sein Rat an deutsche Mittelständler: "China wird in den kommenden 15 Jahren von der Gesamtgröße her bedeutender werden als der amerikanische Markt, man muss das Land trotz wirtschaftlicher und politischer Unsicherheiten strategisch sehen".

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