Zeitmanagement Überblick statt App-okalypse

Immer mehr, immer bunter, für fast alles - Smartphones sind die allgegenwärtigen telemobilen Helfer im Arbeitsalltag, ebenso die Apps. Doch sie drohen auch, die knappste Ressource zu vernichten, die Entscheider haben. Zeit.
Von Arne Gottschalck
Bunte Welt: Apps sollen das Leben einfacher machen

Bunte Welt: Apps sollen das Leben einfacher machen

Foto: REUTERS

Man kann es von der humoristischen Seite nehmen. Immerhin kämpfen bereits Naturschützer gegen Smartphones. Weil immer mehr Fotografen Vögel im Wald mit Vogelruf-Apps anlocken und damit die Aufzucht der Brut gefährden. Und in China hatten Gefängniswärter offenbar Häftlinge dazu gezwungen, zwölf Stunden am Tag auf Smartphones zu spielen und so virtuelles Geld zu verdienen, das an zum Beispiel europäische Computerspieler verkauft wird - gegen echtes Geld. Man kann sie also von der humoristischen Seite nehmen, die Smartphone- und App-Flut. Man kann sie aber auch anders sehen. Und erste Experten machen genau das.

Denn die schiere Anzahl an Smartphones steigt immer mehr. Auch die Zahl der Apps - das Wort steht für Applications, also Anwendungen - wächst. Allein in den App-Stores, den Läden für die Besitzer eines Smartphones von Apple, werden inzwischen 450.000 solcher Programme angeboten.

Derzeit haben rund zehn Millionen Deutsche bereits Apps auf ihrem Handy, ermittelte das Umfrageinstitut Forsa im Auftrag der Bitkom. Doch über die Hälfte der deutschen Mobiltelefonbesitzer verfügen noch nicht über ein Smartphone. Noch nicht.

Diese Entwicklung stellt die Nutzer der kleinen Alleskönner vor ganz neue Herausforderungen. Da ist zum einen die rechtliche Seite. Denn jede Installation einer App beinhaltet auch Fragen der Datensicherheit. Der Berliner Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit Alexander Dix rät gegenüber Stiftung Warentest zur Vorsicht bei der Installation von Apps. Vor allem solle das Programm nur jene Rechte erhalten, die sie für ihr Funktionieren nachvollziehbar benötige.

Doch App & Co bringen noch eine ganz andere Bedrohung mit sich. Die Vernichtung von Zeit.

Im Schnitt verbringen beispielsweise US-Amerikaner pro Tag fast eine Stunde im mobilen Internet und Apps auf ihren Telefonen, belegen die Daten der Nielsen Smartphone Analytics. Dabei wird zwei Drittel dieser Zeit für die Nutzung von mobilen Apps verwendet, ein Drittel für mobile Internetanwendungen. Für den Führungsexperten Boris Grundl wirft das einige Fragen auf.

"Beim Umgang mit der Zeit geht es immer um zwei wichtige Fragen: Sind die Hilfsmittel, die ich benutze, mein Herr oder mein Diener? Und: Ist das, was ich da tue, wirklich notwendig - im Sinne meiner obersten Prioritäten?" Sein Petitum lautet daher. "Der Mehrwert, den ich durch eine App habe - bessere Vernetzung, mehr Kontakte oder wertvollere Informationen - sollte deutlich sein. Nutze ich die App oder werde ich von ihr benutzt? Geht es nur darum, ob eine App hipp oder neu ist, verplempere ich Zeit, Energie und Geld in eine Spielerei, von der ich keinen wirklichen persönlichen Nutzen habe. Oft sind Führungskräfte - wie alle anderen Menschen auch - von Statusdenken und äußerem Bezugsrahmen getrieben. Sie wollen zu den "'early birds' und den 'first movern' gehören, um sich besser zu fühlen. Das ist ein schwaches Motiv und hat mit Effizienz nichts zu tun."

Strenge und Disziplin ist das einzige, was dabei hilft, um sich nicht zu verzetteln. Die Mitglieder der manager-lounge tragen daher gerade die hilfreichsten Apps zusammen LINK. Und Grundl warnt: "Führungskräfte müssen sich von dem Satz 'Ich habe keine Zeit' verabschieden und ihn durch folgenden Satz ersetzen: 'Ich bin nicht in der Lage, meine Prioritäten so zu setzen, dass ich möglichst wirkungsvoll mit meiner Zeit umgehe.' Denn bekanntlich haben alle gleich viel Zeit. Wenn Führungskräfte ehrlich zu sich selbst sind und diesen Satz für sich annehmen, halten sie sich von all dem fern, was sie selbst und ihre Wirkung behindert. Dann sind sie für das verantwortlich, was sie tun, anstatt der Zeit die Macht über sich selbst zu geben."

Kampf also den "Grauen Herren", wie Michael Ende in seinem Roman "Momo" die Diebe der Zeit nennt?

"Führungskräfte sollten sich bei aller Verwendung und Nutzung von Internet, E-Mail und Social Media die Frage stellen: Wie mache ich mich überflüssig, während die Ergebnisse immer besser werden?", sagt Grundl. "Der Antwort müssen sie dann folgen und danach handeln. Wer diese Gedanken in der Tiefe versteht, wird dafür sorgen, dass es keine unnötigen Ablenkungen gibt."

Eine Entspannung ist nicht in Sicht. Zwar soll im Jahr 2013 die Spitze der jährlichen Downloads von Apps erreicht sein, wie eine Studie des US-Marktforschungsunternehmens Abi Research belegt. Und danach die Zahl der Downloads sinken, so die Erhebung. Doch die bereits installierten Apps verschwinden damit ja nicht. Und so werden in der morgendlichen U-Bahn die Menschen immer mehr über das Smartphone streichen - und nicht über den papierenen Leitartikel einer Zeitung.

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