Dienstag, 18. Juni 2019

Siemens-Konzernzentrale Die fünf Höfe der Nachhaltigkeit

Siemens-Konzernzentrale: Neue Heimat
Siemens

3. Teil: Flexibilität schlägt Schönheit

Bei so viel Zurücktreten vor der Funktion kommt da die Schönheit nicht zu kurz? Ist es nicht traurig, wenn man am Ende gar nicht sieht, wer der Künstler war, der hier geplant hat? "Natürlich muss es immer schön sein", sagt Becker. "Und Kenner werden immer sofort sehen, wer es gebaut hat".

Sluiter wird noch deutlicher. Das letzte Projekt Konzernzentrale, das erst zwölf Jahre alte Siemens-Forum des New Yorker Architekten Richard Meier, strahlend weiß und mit turmartiger Eingangshalle, ist für ihn heute unbrauchbar, weshalb Siemens das Gebäude nach Fertigstellung des Neubaus vermieten oder verkaufen wird. "Es sieht von außen schön aus, aber es ist von der Gestaltung der Büros her zu unflexibel", sagt Sluiter.

Diesen Bau hatte der frühere Konzernchef Heinrich von Pierer in Auftrag gegeben, der (dann schon Aufsichtsratsvorsitzender) 2007 über die Schmiergeldaffäre im Konzern stürzte. Sein Nach-Nachfolger Löscher, will nun die neue Offenheit leben, die Transparenz, der sich Siemens mit der Aufarbeitung der Schmiergeldaffäre verschrieben hat.

Siemens ist eine Lounge

Der Bürostandort München ist da offenbar ein Nachzügler. Braun sagt: "In verschiedenen Siemens-Regionalzentralen haben wir diese Transparenz nach außen schon in der Architektur umgesetzt. In den Büros sind die flexible Nutzung von Arbeitsbereichen und offene Raumkonzepte, die leichtere Kommunikation untereinander ermöglicht, Teil des Konzepts."

Begeistert beschreibt Architekt Becker das Verhältnis von Siemens und München, das für ihn geradezu symbiotisch ist. Um mit seiner Architektur dieser Stadt gerecht zu werden, seien ihm zwei Aspekte wichtig erschienen: die überschaubare Größe der Gebäude und vor allem das Innenhofkonzept. Wie die Münchener Abkürzungen durch Höfe, Gänge und Passagen nähmen, das sei typisch für diese Stadt. Diese Höfe vermittelten Geborgenheit.

Städteplanerisch war außerdem eine Öffnung der Verbindung zwischen der Innenstadt und dem Museumsquartier mit den Pinakotheken gefordert gewesen. So kann man bald unter arbeitenden Siemensianern hindurchflanieren, einen Kaffee trinken, eine Pause machen zwischen Shopping und Kunstgenuss.

Dass Siemens sich so stark mit München identifiziert, wirkt fast ungewohnt. Zwar wurde auch der gerade neu gegründete Konzernbereich, der Megacitys mit Infrastruktur beliefern soll, hier angesiedelt und nicht etwa in der Hauptstadt Berlin. Von der Firmenhistorie her sind München und Siemens aber eher zufällig zusammengekommen.

Heftige Umarmung mit München

Löscher, selbst Österreicher, ficht das nicht an. So stellte er im Frühjahr bei einem Empfang auf Schloss Linderhof in Oberbayern die Lieferbeziehung zwischen dem Berliner Vorgängerunternehmen Siemens & Halske und dem Märchenkönig Ludwig II. heraus. S & H hatte Kohlebogenlampen für die Grotte im Schlosspark produziert. Siemens als Teil der bayerischen Kultur- und Industriegeschichte?

Der Erfinder Werner von Siemens stammte ja bekanntlich aus dem Harz und gründete seine Firma in Berlin. Das Schwesterunternehmen immerhin, die Siemens-Schuckertwerke, hatten damals ihren Sitz im bayerischen Nürnberg. Die Siemens-Stadt aber entstand um 1900 in Berlin. In München gab es immerhin ab 1927 eine Fabrik für Fernsprechgeräte in der Hoffmannstraße.

Als nach Krieg, Zerstörung und Demontage Berlin als Zentrale nicht mehr tragbar war, wurde im April 1949 München Sitz von Siemens & Halske und Erlangen Sitz der Schuckertwerke. Siemens & Halske bezog in München das Palais Ludwig-Ferdinand am Wittelsbacher Platz zunächst mietweise, kaufte es dann 1957.

1966 schlossen sich Siemens & Halske, SSW und die Siemens-Reiniger Werke zur Siemens AG mit Sitz in München zusammen. Bald darauf entstand eine neue Siemens-Stadt im Stadtteil Perlach. Doch erst jetzt, mehr als 60 Jahre nach dem Umzug in die bayerische Großstadt, verwandelt Siemens das Provisorium am Wittelsbacher Platz in eine Konzernzentrale aus einem Guss. Man scheint endgültig in München bleiben zu wollen.

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