Montag, 16. September 2019

Siemens-Konzernzentrale Die fünf Höfe der Nachhaltigkeit

Siemens-Konzernzentrale: Neue Heimat
Siemens

2. Teil: Der Ort, von dem der Weltkonzern gesteuert wird

Aber handelt es sich hier überhaupt um die Zentrale? Der Vorstand sitzt doch nach wie vor im denkmalgeschützten Palais am Wittelsbacherplatz, errichtet 1825 durch Leo von Klenze. Angrenzend gebaut wird nun ein neuer Bürobau für 1200 Mitarbeiter. Ein endloser Großraum für Arbeitsbienen?

Zsolt Sluiter, Herr über alle Siemens-Immobilien, widerspricht: "Dies ist der Ort, von dem aus, der Weltkonzern gesteuert wird". Außerdem: "Die Nutzung des Palais wird sich ändern. Es wird wahrscheinlich eher für Veranstaltungen und als Repräsentanz zur Verfügung stehen. Vorstand und Aufsichtsrat wollen in den Neubau umziehen". Thomas Braun, Projektleiter für die neue Konzernzentrale ergänzt, man müsse das Palais nicht getrennt, sondern als Teil des Gesamtentwurfs sehen.

Drei verschiedene Fassaden

Tatsächlich scheint sich beides gut zusammenzufügen. Becker und sein Büro wollten eben keinen protzigen Solitär bauen, sondern Tradition und Moderne behutsam verbinden. Einen starken Auftritt als Hightech-Konzern hat das Gebäude nur mit einer kraftvollen Fassade in Richtung der großen Münchener Verkehrsader Oskar-von Miller-Ring. Aber auch dort sollen ein begrünter Platz und ein offener erster Hof Sichtbarkeit und Einfachheit signalisieren, die Menschen einladen zum Eintreten. Die übrigen Außenfassaden, die teils auf schmale Straßen hinausgehen, nehmen sich zurück, greifen die Umgebungsarchitektur auf.

Erst die Fassaden in den Innenhöfen sind kompromisslos modern, öffnen sich schräg nach oben und sollen mit allen Feinheiten moderner Klima-, Licht- und Haustechnik ausgestattet werden. Auf den Dächern Solarzellen bis zum Rand.

Darum ging es dem grünen Infrastrukturkonzern, der Siemens neuerdings sein will, in erster Linie: Der Neubau solle ein "Showcase" für die grünen Siemens-Technologien werden, ein "offener Campus" für das Thema Nachhaltigkeit, wie Sluiter und Braun versichern.

Immerwährende Werterhaltung

Becker, der Architekt, legt Wert darauf, Nachhaltigkeit und Design nicht getrennt voneinander zu sehen. Er versteht Nachhaltigkeit nicht nur in Bezug auf den Energieverbrauch und seine Minimierung mit einem Baukasten von Instrumenten. Es gehe auch um immerwährende Nutzungsmöglichkeiten durch eine eingebaute Flexibilität, die soziale Bedürfnisse und Nutzungsanforderungen in zukünftigen Arbeitswelten vorwegnehme. Und es gehe um die Baumaterialien: Wie sie hergestellt werden, wie man sie benutzt und erhält, wie man sie irgendwann entsorgt.

So definiere sich das "Wahrzeichen" Konzernzentrale von innen her - mit einer schlüssigen Aussage. "Extravaganz ist nicht nötig", sagt Becker. "Die 'Signature-Architektur', also markante Architektur ohne auf die Umgebung einzugehen, entspricht nicht mehr dem Zeitgeist." Das sei aber noch kein allgemeiner Trend in der Architektenszene, sondern eher typisch für das Büro Henning Larsen: "Nachhaltige Gebäude zu schaffen, die dem Nutzer und der Gesellschaft dauerhaften Wert versprechen, das ist unser Geheimnis, unser Erfolg".

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