Kaffee-Trends Draußen nur Kännchen war vorgestern

Kaffee ist heute überall verfügbar. Und genau deswegen suchen die Menschen wieder Qualität, die besondere Bohne oder Röstung.
Von Arne Gottschalck
Kaffee: Die Qualität von Kaffee wird übrigens durch drei ungefähr gleichwichtigen Faktoren geprägt: Bohne, Röstung und Zubereitung

Kaffee: Die Qualität von Kaffee wird übrigens durch drei ungefähr gleichwichtigen Faktoren geprägt: Bohne, Röstung und Zubereitung

Foto: DPA

Draußen nur Kännchen, das war vorgestern. Heute heißt es Latte Macchiato oder Cappuccino - und das überall. Dank Pappbecher und Styroporgefäß kann jeder das Lieblingsheißgetränk seiner Wahl jederzeit und überall zu sich nehmen. Das schlägt sich auch in den Verkaufszahlen nieder.

Durchschnittlich trinkt der Deutsche pro Jahr 150 Liter Kaffee pro Jahr, verbraucht damit 6,4 Kilo Bohnen. Deutlich mehr als zum Beispiel die Iren mit 1,8 Kilo Bohnenkonsum. Doch der Trend liegt nicht in der schieren Menge. Sondern in der Suche nach Qualität. "Das Konsumverhalten der deutschen Kaffeetrinker hat sich gewandelt", beobachtet Holger Preibisch, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Kaffeeverbands. "Es zeichnet sich ein klarer Trend zur frischen Zubereitung von Kaffeespezialitäten zum sofortigen Genuss ab. Das wird am enormen Wachstum der Segmente Espresso und Kapseln sowie Pads deutlich."

Kapseln, wie sie Nestle mit der Marke Nespresso fertigt - und mit ihnen und den dazugehörigen Kaffeemaschinen im Jahr 2010 3,2 Milliarden Franken erlöst hat, ungefähr 2,8 Milliarden Euro. Das entspricht einem 20-prozentigem organischen Wachstum, so das Unternehmen. "Seit 2004 ist der Konsum von Einzelportionen um mehr als das Zehnfache gewachsen", sagt Preibisch. "Grund für diesen Trend ist die Lebenskultur von Convenience und Lifestyle. Eine dynamische Gesellschaft wünscht eine schnelle und unkomplizierte Zubereitung von Getränken und Speisen, achtet aber auch auf eine gute Qualität." Nestle selbst spricht von "Premiumisierung" - das Unternehmen verzeichnet steigende Einkommen und steigende Freizeit, was beides zur verstärkten Nachfrage hochwertiger Produkte führe.

Ursula Wiedenlübbert würde es vielleicht nicht so nennen. Dennoch gehört auch sie zu den Profiteuren dieser Entwicklung. Nicht mit Kapseln. Sie hat mit KaffeeReich eine kleine Rösterei aufgebaut und sich genau jenen hochwertigen Produkten verschrieben. "Auf der Suche nach guten, geschmackvollen Kaffeebohnen stellte ich sehr schnell fest, dass der Großteil der am Weltmarkt gehandelten Kaffees die Qualität hat, die ich immer vom Abschluss eines guten Essens kannte", sagt sie. "Also begann ich mich auf die Suche nach den guten und den besten Rohkaffeebohnen zu machen. Die bekommt man eben nur sehr selten bei den großen Rohkaffeehändlern. So begann ich mich mit befreundeten Röstern zusammen zu tun und in die Anbaugebiete des Kaffees zu reisen, um dort vor Ort den Rohstoff zu suchen, der die hohe Qualität gewährleisten kann."

Damit kann sie sogar auf einer alten Tradition aufsatteln. Denn Deutschland hat eine lange Kaffeegeschichte. "Nach Ende des II. Weltkrieges wurde Kaffee zu einem Symbol für Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Kaffee zu trinken hieß, 'sich wieder etwas leisten zu können'", sagt Preibisch. "Bis heute ist Kaffeetrinken fest in der Kultur der Deutschen verankert. Heute steht Kaffee für Genuss, Lifestyle und Kommunikation." In dieser Nische haben sich vor allem die Kleinen positioniert.

Von wegen reine Nische

Derzeit gibt es in Deutschland rund 700 Röstereien, darunter zahlreiche kleine Spezialitätenröster. "Das zeigt, dass dieser Markt mit sehr hochwertigen Kaffees, die besonders geröstet werden, einen Trend mit weiterem Potential darstellt", erklärt Preibisch.

Thimo Drews und Andreas Wessel-Ellermann von der kleinen Rösterei Speicherstadt-Kaffee würden diese Einschätzung sofort unterschreiben. "Die Handvoll der Großen der Branche haben Jahrzehnte um Marktanteile gegeneinander gekämpft und dabei auf Menge zu Tiefpreisen gesetzt. Der Maschinenpark besteht daher weitgehend aus industriellen Schockröstungsanlagen. Bei einer bekannten Hamburger Großrösterei werden zum Beispiel 220 bis 240 Tonnen Massenware täglich geröstet. Wir bringen es auf etwa 100 Tonnen Gourmetkaffee im Jahr", sagt Drews. "Flexibilität auch durch kleine Röstanlagen ist wichtig, denn die besten Rohkaffees gibt es meist nicht in großen Mengen, wie sie Industrieröster benötigen würden. Überschaubare sogenannte 'Lots', bestehend aus teils nur wenigen Dutzend Sack, werden nicht über die Börse gehandelt, sondern über Netzwerke", fügt Geschäftspartner Wessel-Ellermann hinzu.

Klein gegen groß, das ist vermutlich eine logische Entwicklung. Denn der ruinöse Wettbewerb um das günstigste Pfund Kaffee hat seine Spuren bei den Großanbietern hinterlassen - und Lücken für die Kleinen gerissen.

"Ich werde diesen Weg weiter verfolgen, um unseren Kunden auch weiterhin die gewohnt hohe Qualität bieten zu können" sagt Wiedenlübbert. Luft genug dürfte für die Visionen der Kleinen geben. Immerhin wurden 2010 in Deutschland 406.500 Tonnen Röstkaffee und 12.500 Tonnen purer löslicher Kaffee abgesetzt.

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