Sonntag, 21. Juli 2019

Neue Küchen Entgrenzte Wohnwelten

Neue Küchen: Wie im Wohnzimmer
Florian Holzherr

Immer mehr gleicht sich die Küche dem übrigen Wohnraum an. Es gibt offene Regale, gemütliche Sitzmöbel, lockere Strukturen. Die eleganten Fronten bergen zunehmend ausgeklügeltere Technik. Von der alten Wohnküche ist das ebenso weit entfernt wie von den funktionellen Einbauküchen früherer Jahrzehnte.

Köln - Für Familien und für Hobbyköche ist die Küche das Herz der Wohnung. Geselligkeit und Genuss stehen im Mittelpunkt. Die moderne Küche entwickelt sich immer mehr zum Lebensraum - Wohnbereiche werden entgrenzt, traditionelle Zuschnitte in Wohnzimmer und Küche überwunden.

Die traditionelle Wohnküche erlebt aber kein Revival. Der Berliner Soziologe Hartmut Häussermann sieht einen "Prozess der Entformalisierung" am Werk. Es gebe nicht mehr die klare Regel, dass die Küche nur als Arbeitsplatz zum Kochen und das Wohnzimmer nur zum Repräsentieren genutzt wird. Auf der Küchenschau LivingKitchen im Rahmen der Internationalen Möbelmesse IMM Cologne in Köln im Januar war das deutlich zu sehen.

Eine Verschmelzung der Wohnwelten erkennt Frank Hüther von der Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche (AMK). Die Küche öffne sich zum Wohnraum, mit offenen Regalsystemen und Sitzmöbeln, die früher nur im Wohnzimmer standen. Es lässt sich mittlerweile oft nicht mehr auf den ersten Blick sagen, wo die Küche aufhört und das Wohnzimmer anfängt. Auch die Technik wird elegant integriert: Dunstabzüge werden, wie auch Geschirrspülmaschinen, immer leiser. Schubladen und Schranktüren bekommen eine Schließdämpfung. Backofen, Kühlschrank und andere Aggregate verschwinden hinter Schranktüren, die wie Wandverkleidungen aussehen.

Ein prägnantes Beispiel für die Entgrenzung bietet die von Stardesigner Philippe Starck für die Marke Warendorf entworfene "Library": Offene Regalfächer umgeben die Küchenschränke, die sich als solche kaum zu erkennen geben. Das Kochfeld ist in einen mitten im Raum stehenden Arbeitstisch integriert, der zugleich Esstisch sein kann.

Tresen und Raumteiler als Verbindungselemente

Kochen und Wohnen greifen auch beim Programm "Classic-FS" von Leicht ineinander. Dort setzt man gezielt auf Wohnlichkeit. Beidseitig nutzbare Tresen gehen über in offene Regalsysteme - so lässt sich die Küche in den Raum ziehen. Oder die Elemente werden als Raumteiler dort eingesetzt, wo früher eine durchgängige Wand war, zum Beispiel bei dem Programm "Tocco". Noch einen Schritt weiter geht das gemeinsam mit dem Stararchitekt Hadi Teherani entworfene Konzept "+Artesio" von Poggenpohl: Hier schaffen raumhohe Bogenelemente eine Verbindung zum Wohnraum wie eine Brücke. Die Schränke stehen nicht mehr an der Wand.

Und die stromfressende Beleuchtung wird Hüther zufolge abgelöst von verbrauchsarmen LED-Lampen. Das Unternehmen Leicht etwa schafft mit LEDs Akzente in Vitrinen: Jedes Fach wird einzeln ausgeleuchtet. Schüller Möbelwerk zeigt bei seiner Linie "next125/nextline" hell beleuchtete Glaspanele, die in die Wand über der Arbeitsfläche und unter den Oberschränken integriert sind; ein starker Kontrast zu den lavaschwarzen Oberflächen.

Solche dunklen Farben sind bei den neuen Küchen allerdings eher die Ausnahme. Ursula Geismann, Sprecherin des Verbands der Deutschen Möbelindustrie, hält sie für eine Randerscheinung. Sie habe auf der Messe bei den Oberflächen "sehr viel Helles" ausgemacht. Das bestätigt auch Oliver Streit von der Nobilia-Geschäftsführung: "Weiß und Magnolie wird am besten verkauft", sagt er. Weil aber Weiß immer sehr nüchtern wirke, würden häufig Naturfarben eingestreut, um es aufzulockern - zum Beispiel mit einer andersfarbigen Arbeitsplatte.

Ein solcher Farbmix - entweder im Kontrast oder Ton in Ton abgestimmt - ist ebenso an Möbeln in der restlichen Wohnung zu sehen wie der Materialmix. So werden Holz, Edelstahl, Stein, Kunststoff und Glas auch in der Küche kombiniert, Glas wird wie schon im Wohnzimmer und Schlafzimmer teilsatiniert.

Nina C. Zimmermann, dpa

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