Freie Rede Nur mit Drehbuch!

Die Kunst der freien Rede - nicht jeder beherrscht sie. Redenschreiber und Kommunikationsexperte Reinhard Weihmann sagt, wie es geht: die Glaubwürdigkeit wahren; lieber Verben verwenden, anstelle von Substantiven; die passende Geste an der richtigen Stelle - und dann ist da noch der Trick mit dem Frauenrock.
Von Arne Gottschalck
Ausdrucksstark: Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy kann zumindest diese Eigenschaft nicht abgesprochen werden

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Foto: REUTERS

mm: Herr Weihmann, die Kunst der freien Rede wird in Sonntagsreden zwar oft bemüht - aber weit her ist es damit offenbar nicht. Denn Reden heißt für Viele Ablesen. Stimmt der Eindruck?

Weihmann: So generell würde ich das nicht sagen. Das ist sehr abhängig von Typ. Sicherlich gibt es Menschen, die sich am Manuskript festhalten oder gar am Rednerpult. Aber es gibt auch Sprecher wie Helmut Schmidt, die ganz bewusst das Manuskript beiseite legen - auch als Stilmittel - und frei sprechen.

mm: Um die langweiligen Redner einmal zu verteidigen - ist es heute nicht schwierig geworden, gute Reden zu halten? Schließlich lauschen zum Beispiel den Reden des Chefs eines einzigen Dax-Unternehmens zahllose Analysten.

Weihmann: Unterhaltsam kann es aber dennoch sein, oder? Ich gebe meinen Kunden immer kleine Anweisungen oder Hinweise für ihre Gestik und Mimik mit.

mm: Eine Art Drehbuch?

Weihmann: Ja, da steht zum Beispiel drin, wann man eine Aussage mit den Händen unterstützen solle. Wenn der Kunde es dann trotzdem nicht macht, ist das natürlich ärgerlich, auch für mich. Schließlich verfolge ich auch, wie mein Kunde seine Rede hält. Persönlich mag ich es auch, wenn ein Sprecher zum Beispiel mal einen Acht- oder Vier-Zeiler einstreut, oder ein kurzes Gedicht. Aber das muss unbedingt authentisch wirken.

mm: Wie meinen Sie das?

Weihmann: Es ist wichtig, dass eine Rede glaubhaft ist. Der Redenstil muss zum Beispiel zum Redner passen. Ein ruhiger Mensch wird sicherlich nicht zum flamboyanten Redner. Das wäre aber auch nicht glaubhaft.

mm: Vieles ist dabei doch auch eine Frage des Auftritts, oder?

Weihmann: Auf jeden Fall. Ich rate meine Kunden dazu, im Idealfall wie ein König aufzutreten. Das heißt, ein guter Anzug, gute Schuhe - und vor allem gute Haltung, was gut für die Stimme ist. Im Idealfall hat er Gesangserfahrung. Denn auch eine inhaltlich gute Rede kann unter einer gepressten Stimme leiden, bekommt aber mit gut gestützter Stimme eine vielfache Ausstrahlung.

mm: Ein gutes Beispiel ist …?

Weihmann: Herr zu Guttenberg, er wirkt authentisch, auch wenn er derzeit unter Feuer steht.

Bloß keine Substantiv-Flut

mm: Geben Sie eigentlich auch Tipps zum Sprechen?

Weihmann: Das gehört auch dazu, ja.

mm: Müssen Sie Ihre Kunden vor der Rede kennen?

Weihmann: Es ist offenbar besser. Ich erinnere mich, dass ich einen Dauerkunden erst nach drei Jahren von Angesicht zu Angesicht traf. Bis dahin hatte er immer das ein oder andere an den Manuskripten auszusetzen. Und seitdem kaum mehr. Es ist also sehr wichtig, den Kunden zu verstehen.

mm: Gibt es eine einfache Grundregel? Ich habe mal gelesen, eine gute Rede solle so sein wie ein Frauenrock - kurz genug, um Interesse zu wecken, lang genug, um die wichtigen Teile abzudecken.

Weihmann: Etwas schlüpfrig vielleicht, aber da ist schon etwas Wahres dran. Man sollte den Zuhörern eine Gliederung an die Hand geben, damit sie wissen, welche Aspekte besprochen werden. Und ein Bonmot als Einstieg ist auch gut. Auch am Ende sind ein Scherz und vor allem eine kurze Zusammenfassung gut.

mm: Was ist eigentlich ein Standardfehler?

Weihmann: Wenn der Sprecher Substantive aneinanderreiht. So im Stile von "Die Vorstellung". Besser ist es zu sagen, "Ich stelle mir vor". Manche Menschen neigen dazu, sich hinter den Substantiven zu verstecken. Aber das macht die Rede langweilig. Ein guter Verbalstil wirkt einfach viel persönlicher, ja, lebendiger.

mm: Stellen Sie sich vor, ich wäre Abteilungsleiter in einem deutschen Unternehmen und hätte meinen Mitarbeitern schlechte Nachrichten zu überbringen. Was wäre ein gutes Ende?

Weihmann: Das ist eine schwierige Frage. Es handelt sich ja um eine sensible Situation. Ad hoc würde ich sagen, der Sprecher sollte es kurz machen, die Tatsachen nüchtern darlegen, aber auch auf die Stärken der Firma hinweisen.

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