Sonntag, 16. Juni 2019

Rotterdam Mit dem Bus durch den Fluss

Rotterdam: Stadtrundfahrt im Hafenbecken
DPA

Kombinierte Stadtrundfahrten mit Bus und Schiff gibt es in fast jeder Hafenstadt. Rotterdam bietet seinen Besuchern mehr und schickt sie mit einem kanariengelben Amphibienbus auf Sightseeing-Tour.

Rotterdam - Das kanariengelbe Fahrzeug, das die Gäste am Maritimen Museum abholt, unterscheidet sich nicht von gängigen Linienbussen: Es hat wild gemusterte Sitzbezüge. An jeder zweiten Haltestange sind Knöpfe mit der Aufschrift "Stop" angebracht. Und es wird fortbewegt von einem Fahrer, der eine blaue Uniform trägt.

Dieser Mann hört auf den Namen Piet. Er chauffiert seine Gäste vorbei an den würfelförmigen Experimental-Wohnungen des Architekten Piet Blom. Er zeigt das majestätische Weiße Haus, den ersten Wolkenkratzer der Niederlande. Und er weist bereits aus einiger Entfernung auf den "Kop van Zuid" hin, eine Halbinsel am Südufer der Maas, wo sich die Architekten Rem Koolhaas, Renzo Piano und Norman Foster vertikal austoben durften.

Nachdem er die elegante Erasmusbrücke passiert hat, nimmt Piet Kurs auf ein unspektakuläres Wohngebiet. Ungeduldig blicken die Fahrgäste auf die alten Betonsilos im Maashafen. Dann endlich ist es so weit: Obwohl ihm jene vier Streifen auf den Schultern fehlen, die den Berufsstand gemeinhin ausweisen, wird Piet plötzlich vom Busfahrer zum Kapitän: Am Ende der Landzunge stürzt er seinen Bus eine Rampe hinunter. Es macht "platsch". Und die Passagiere sind begeistert.

Quer durch die Maas geht die Besichtigungstour weiter: Piet präsentiert das Hotel New York, wo einst die Auswanderer nach Amerika abgefertigt wurden. Den Euromast, einen spätmodernen Aussichtsturm, von dem sich heute Hasardeure aus 112 Metern Höhe abseilen. Und das aufstrebende Lloyd-Viertel. Den Wellen trotzt der Bus mühelos. Da Scheibenwischer die Sicht freihalten, bittet der Kapitän die Passagiere in kleinen Gruppen nach vorne. Auch sie sollen in den Genuss der Premiumaussicht durch die Windschutzscheibe eines komplett abgedichteten Amphibienbusses kommen.

Mit dem Amphibienbus durch Rotterdams Hafen

"Splashtours" nennt sich diese Erkundungsrundfahrt. Das Fahrzeug ist eine Rotterdamer Entwicklung, die von einem einzigen 462 PS starken Motor angetrieben wird - und für dessen Betriebsgenehmigung es nicht weniger als 29 Lizenzen zu erwerben galt.

Auf einem nicht weniger besonderen Fortbewegungsmittel war Floor Evers lange Zeit beheimatet: Der 73-jährige Schiffsingenieur hat Anfang der 60er Jahre einen Beitrag dazu geleistet, das Fernweh jener Passagiere zu befriedigen, die an Bord der "SS Rotterdam" nach New York reisten oder gar auswanderten. "Bei 40 bis 42 Grad Celsius habe ich im Maschinenraum geschwitzt", erinnert er sich.

Später, als das Düsenflugzeug der Dampfschifffahrt den Rang abgelaufen und das Zeitalter der Kreuzschifffahrt begonnen hatte, umkreiste Evers an Bord der "Rotterdam" mehrmals die Welt in 80 Tagen. "Ein fantastisches Schiff", sagt er über den einstigen Stolz der großen Seefahrernation. Nun ist er nach mehr als 40 Jahren - und einer Karriere in der Ölindustrie - zurück an alter Wirkungsstätte. Seit einigen Monaten nämlich liegt die "Rotterdam" wieder in ihrem Heimathafen vor Anker. Ohne Motoren. Und für immer.

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