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Volvo V60: Hauptsache schick

Volvo V60 Riskanter Kurswechsel

Kantig, geräumig, praktisch - die Zeiten, als auf Volvo-Kombis diese Attribute zutrafen, sind vorbei. Das neue Modell V60 etwa wirkt beinahe südländisch, so rundlich und elegant ist es geraten. Kein Wunder, die schwedische Marke will weg vom nüchtern-soliden Heimwerker-Image.

Ein Kombi von Volvo - das war einmal der Traum aller Familienväter. Denn die Autos aus Schweden galten nicht nur als besonders stabil und sicher, sondern vor allem als überaus geräumig. Der Erfolg von Ikea, diese These könnte man mal forsch aufstellen, wäre ohne Autos wie den Volvo 740 oder den Volvo 850 überhaupt nicht möglich gewesen. Weil man die vielen Billy-Regale in anderen Modellen gar nicht vom Hof bekommen hätte.

Sicher und solide sind Volvo-Typen auch heute noch - die Fahrzeuge der Marke erzielen stets herausragende Ergebnisse bei Crashtests und dazu bietet Volvo als einziger Hersteller auch in der Mittelklasse ein so genanntes City-Safety-System an. Das bremst vor drohenden Kollisionen automatisch ab und nimmt dabei speziell auf Fußgänger Rücksicht. Bis Tempo 35 seien damit Unfälle mit Passanten vermeidbar, heißt es.

Von der Maximierung des umbauten Raums jedoch hat sich Volvo peu à peu verabschiedet. Seit die Kanten an der Karosserie sanften Kurven wichen, schrumpften die Laderäume wie die Gletscher Grönlands. Besonders deutlich wird das beim neuen Volvo V60, der im November zu Preisen ab 28.000 Euro auf den Markt kommen soll. Seine Konkurrenten: Die Kombivarianten von Audi A4, Mercedes C-Klasse und BMW 3er.

Zwar sieht der V60 ausgesprochen elegant aus und könnte mit seinen breiten Hüften und dem sanft abfallenden Dach auch als Auto italienischer Bauart durchgehen. Doch als Lademeister ist er nur noch zweite Wahl. Lediglich 430 Liter Gepäck passen unter die serienmäßig installierte Persenning hinter der schräg stehenden Heckklappe. Die Kombis von BMW 3er (460 Liter), Mercedes C-Klasse (485 Liter) und Audi A4 (490 Liter) sind ihm da um jeweils einen Koffer voraus.

Noch deutlicher werden die Unterschiede, wenn man die Rückbank umlegt, also maximalen Stauraum schafft. Die Vergleichszahlen lesen sich dann so: BMW 1385 Liter Stauraum, Audi 1430 Liter und Mercedes 1500 Liter - Volvo-V60-Fahrer jedoch müssen sich mit 1241 Litern begnügen und bei einem längeren Urlaub zu viert "eben einfach eine Dachbox mitnehmen", wie einer der schwedischen Entwickler nur halb im Scherz empfiehlt.

Volvo setzt die angestammte Kundschaft aufs Spiel

Immerhin ist der Kofferraum flexibel: Die Rücklehne der hinteren Sitzbank ist dreigeteilt und mit wenigen Handgriffen schrittweise umgelegt, der Ladeboden ist eben und bietet sinnvolle Unterteilungen, und wer zwischendurch sehr lange Dinge transportieren möchte, kann auch die Lehne des Beifahrersitzes umklappen. "Wir wollen gar nicht mit klassischen Kombis konkurrieren", sagt Bernhard Bauer, Chef von Volvo in Deutschland. Er empfiehlt für Kunden mit großem Gepäck das Modell V70. Der V60 wiederum soll der "dynamischste Volvo sein, den es je gab".

Unter der Haube übernimmt der V60 das Motorenprogramm der neuen Limousine S60, die in diesen Tagen für jeweils genau 1000 Euro weniger in den Handel kommt. Auch für den Kombi gibt es also fünf Benziner (150 bis 304 PS) und drei Dieselaggregate (115 bis 205 PS). Ganz neu in dieser Auswahl ist ein 1,6 Liter großer Benzin-Direkteinspritzer, der den kleinen Hubraum mit einem Turbo ausgleicht. Er kommt in der stärkeren Version auf 180 PS und 240 Nm, die eigentlich für soliden Fahrspaß genügen sollten - zumal Volvo den Motor auch mit einem seidig schaltenden Doppelkupplungsgetriebe bestückt.

Doch auf der ersten Testrunde klang der Motor nicht nur unangenehm rau und kratzig. Er wirkte zudem überraschend angestrengt beim Bewegen des rund 1,5 Tonnen schweren Kombi. Deutlich weniger als zehn Sekunden wird er für den Spurt auf Tempo 100 kaum brauchen und viel mehr als 220 km/h nicht schaffen, steht nach der ersten Ausfahrt zu vermuten. Die genauen Fahrleistungen nämlich will Volvo erst kurz vor der Markteinführung kundtun; dann erst soll auch der offizielle Verbrauchswert mitgeteilt werden, der bei rund sieben Litern liegen dürfte.

Dafür ist den Schweden das Fahrwerk gut gelungen. Vor allem auf kurvigen Landstraßen erfüllt der Kombi die hoch gesteckten Erwartungen, die er zuvor, etwa an der Laderampe, enttäuscht hat. Deutlich strammer abgestimmt, mit einer direkteren Lenkung bestückt und von einer speziellen Elektronik durch gezielte Bremseingriffe am jeweils kurveninneren Rad noch schneller um die Kurven gebracht, schnürt er bei der Testfahrt schnell und präzise durch die Ausläufer der italienischen Alpen.

"In der Vergangenheit haben sich vor allem pragmatisch orientierte Kunden für unsere Autos erwärmt", sagt Volvo-Mann Bauer und freut sich über den neuen Stil. "Jetzt können wir auch Fahr-Enthusiasten überzeugen." Dass dabei der alte Charakter auf der Strecke bleibt und der V60 zu einem vergleichsweise austauschbaren Lifestyle-Kombi wird, der auch ein Alfa-Romeo- oder Cadillac-Logo tragen könnte, nimmt er offenbar billigend in Kauf.

Riskant bleibt der Kurswechsel dennoch. Immerhin spielt der Volvo V60 in der Absatzplanung für das nächste Jahr eine zentrale Rolle: Er soll die Marke in Deutschland zurück zu einem Prozent Marktanteil führen - und zum meistverkauften Modell der Schweden avancieren.

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