Samstag, 20. April 2019

Brillen Durchblick wie damals

Seltsames aus Draht sucht man bei Lunor vergebens. Der deutsche Brillenhersteller bedient sich bei seinen Modellen konsequent in vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten. Zu den Kunden zählen Steve Jobs und Gerhard Schröder.

Hamburg - 268 Euro. Das ist der empfohlene Verkaufspreis für die Brillenfassung, die Apple-Chef Steve Jobs trägt. "Er hat sie schon seit vier Jahren, und er wird sie noch eine Weile tragen", verkündet Ulrich Fux stolz. Der Chef der Brillenfirma Lunor setzt auf bewährte Formen, meist aus den 30er bis 60er Jahren - und profitiert damit vom seit einigen Jahren ungebrochen anhaltenden Retro-Trend, den prominente Hornbrillenträger wie Johnny Depp und Kultserien wie die 60er-Jahre-Soap "Mad Men" ins modische Bewusstsein breiter Schichten befördern.

Bereits Gernot Lindner, der die Firma vor 19 Jahren gründete und noch im Aufsichtsrat sitzt, hatte eine umfangreiche Sammlung augenoptischer Antiquitäten aus den drei Jahrhunderten von 1650 bis 1950 zusammengetragen. Eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für den Brillenmacher. In der Kollektion gibt es Ausziehbügel, die bereits 1820 schwer im Schwange waren - elegante, leichtgängige Drahtkonstruktionen, mit denen man die Brille auf das kleine Maß des passgenau gefertigten Holzetuis zusammenschieben kann.

Der x-förmige Nasensteg etlicher Drahtmodelle datiert sogar noch früher - Mitte des 18. Jahrhunderts. Auch die Goldbrillen, die zur gleichen Zeit in Mode waren, erleben ein kleines Revival. Auch eine elegante Klappbrille gehört zum Sortiment. Kunststoffpads gibt es nicht, die Brille sitzt entweder mit einem eigens entwickelten, zum Retrolook passenden W-förmigen Steg auf der Nase oder stützt sich auf Titanpads. Die Scharniere werden aus dem vollen Metallblock gefräst.

Mit dem Griff in die Geschichte liegt Lunor auch deshalb im Trend, weil die Deutschen generell eher konservativ sind, was ihre Brillen angeht. Einer einmal gewählten Form bleiben sie meist treu. "Brillenträger wechseln ungerne", sagt Peter Frankenstein, Leiter des Fachverbands Consumer Optics beim Hightech-Industrieverband Spectaris. Eine Umfrage des Online-Brillenversandhändlers Mister Spex ergab jüngst, dass zwei Drittel aller Männer Metallrahmen bevorzugen, bei den Frauen knapp 40 Prozent. Knapp 80 Prozent der Befragten setzen auf Dezenz statt auf auffällige Modelle, und aktuelle Modetrends sind nur für 15 Prozent ein Kaufkriterium.

Alle 2,85 Jahre eine neue Brille

Im Schnitt alle 2,85 Jahre kauft sich der deutsche Durchschnittsbrillenträger ein neues Modell. Der Markt ist dennoch groß: Zwei Drittel der über 16-Jährigen, also knapp 40 Millionen Deutsche, tragen eine Brille, 4,8 Milliarden Euro setzte die Branche im vergangenen Jahr mit 11,2 Millionen Fassungen und 34 Millionen Gläsern um. Die meisten Brillen werden in Asien gefertigt - der Anteil in Deutschland gefertigter Modelle liegt Frankenstein zufolge im unteren einstelligen Prozentbereich.

Manufakturen wie Lunor, die ausschließlich in Deutschland produzieren, gibt es nur wenige - die Firma Flair Modellbrillen etwa, die von Oelde aus deutsche Optiker beliefert und vor einigen Monaten die Zusammenarbeit mit Kettenkönig Fielmann kündigte, um nach eigenem Bekunden den Optikermittelstand zu stärken. Und in Berlin haben sich um das Label IC Berlin herum einige andere extravagante kleine Designerbrillenschmieden angesiedelt, Marken wie Mykita oder Whiteout & Glare. So konsequent retro wie Lunor ist allerdings sonst keiner.

Auf zwei Millionen Euro Umsatz brachte Fux es nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr, sechs feste Mitarbeiter gibt es. Die teuersten Modelle kosten knapp 600, die preiswertesten um 250 Euro. Das liegt immer noch satt über dem Durchschnittspreis, den Deutsche 2008 für eine Brillenfassung zahlten - 86 Euro.

Käufer gibt es trotzdem genug. "Die Krise hat uns zum Glück nicht erwischt", sagt Fux. Das mag auch daran liegen, dass die Hollywood-Prominenz sich gerne mit den deutschen Retromodellen schmückt - als kostenlose Werbeträger. Johnny Depp soll von einem Modell gleich 14 Stück erworben haben; Steve Jobs' Lunor-Brille ist, wie der schwarze Rollkragenpullover, zum Erkennungszeichen des iGod geworden. Ex-Kanzler Gerhard Schröder blickt durch eine Lunor, auch Meg Ryan, Tom Cruise, Robin Williams, Diane Keaton und Cindy Crawford wurden schon mit den deutschen Sehhilfen gesehen. Alle, versichert Fux, hätten ihre Brillen selbst gekauft, Star-Rabatt gebe es bei Lunor nicht.

"Vintage kommt gerade erst", gibt sich Fux von seinem Retrokonzept überzeugt. Nach Deutschland ist Amerika der stärkste Markt für Lunor - und Korea und Japan sind stark im Kommen. Im asiatischen Raum gilt das "Made in Germany" auch bei Brillen viel. Für diesen Markt musste Lunor allerdings seinen ausgefeilten Nasensteg noch einmal überarbeiten - das europäische "W" sitzt bei Asiaten selten richtig.

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