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Sansibar: Zu Gast bei Dünenkönig Herbert Seckler

Foto: Bernd Heintze/ picture-alliance/ dpa

Sylt Das Prinzip Sansibar

Erfolg kann man vielfältig dokumentieren. Eine exklusive Villa, eine teure Jacht, eine Titankreditkarte. Aber wer wirklich wichtig ist, den erkennt man daran, dass er in der Sansibar auf Sylt immer einen Tisch bekommt. Ein Besuch bei Dünenkönig Herbert Seckler.

Rantum - Der große Parkplatz der Sansibar ist brechend voll. Das sieht man von der Straße aus, und das große Schild "Parkplatz belegt - nächster Parkplatz 300 Meter" ist weithin lesbar, auch der freie Parkplatz selbst ist in Sichtweite. Vor dem Schild aber stehen an diesem heißen Sommermittag mit laufenden Motoren ein weißer BMW aus München, ein schwarzer Edelmercedes, ein rotes Audi-Cabrio. Die Menschen darin, sportlich wirkend, jung, sicherlich mehr als fit genug für einen 300 Meter langen Spaziergang, scheinen es einfach nicht gewöhnt zu sein, die Macht des Faktischen als limitierend für ihre eigenen Bedürfnisse zu akzeptieren.

Willkommen auf Sylt. Auf der Promi-Insel ist alles ein wenig anders als im normalen Leben. Und das ebenfalls etwas andere Restaurant, das diesen Lebensstil in Reinform verkörpert, ist Herbert Secklers Sansibar, wenige Kilometer südlich von Rantum auf der Südseite der Insel. Der Strand dort ist offiziell als FKK-Gelände ausgewiesen, aber hier gibt sich eigentlich fast nie jemand eine Blöße, erzählt die junge Frau, die am Strandaufgang die Kurtaxe kassiert.

Die berühmteste Strandbude Deutschlands sieht mit ihrem dunklen Holz aus wie eine Skihütte. Vom Parkplatz aus sind es noch wenige hundert Meter durch Dünenidylle zu laufen - oder zu fahren. Daimler betreibt einen mit hochkarätigen Wagen bestückten Werbestand am Sansibar-Parkplatz, um die Zielgruppe genau da abzuholen, wo sie sich befindet.

Das kann man wörtlich nehmen, denn es gibt dort auch einen Shuttle-Service mit Mercedes-Fahrzeugen, der echte und Möchtegern-VIPs in schwarzen Fahrzeugen mit Sansibar-Logo durch die Dünen fährt, hin zu der gastronomischen Einrichtung, die man auch ohne Schuhe betreten darf und in der es wahlweise Currywurst mit Bratkartoffeln (11 Euro) oder kaspischen Ossetra-Kaviar (30 Gramm 135 Euro) gibt. Der Gourmetführer Gault Millau kürte Herbert Seckler 2009 zum Restaurateur des Jahres, das Magazin "Feinschmecker" zeichnete die Sansibar jüngst als eines der besten Fischrestaurants Deutschlands aus.

Beschimpfungen am Telefon

Sobald die ersten Sommersonnenstrahlen auf Sylt treffen, sind auch die Klatschblätter da und berichten aufgeregt von den aktuellen Sichtungen an der Sansibar: Guido Westerwelle war in diesem Sommer schon da, Jogi Löw natürlich, Günther Jauch und Boris Becker. Günter Netzer, Michael Rummenigge und Modemacher Wolfgang Joop zählen ebenso fast zum Inventar wie Air-Berlin-Chef Joachim Hunold, dessen Stammplatz eine kleine Messingplakette markiert. Es gibt Leute in Deutschland, die ihren Sylt-Urlaub um eine geglückte Reservierung in der Sansibar herum planen.

"Die drei Mädchen, die am Telefon die Reservierungen annehmen, muss ich ganz oft austauschen, weil die so beschimpft werden", sagt Herbert Seckler. Phänotypisch ist der gebürtige Schwabe, 58 Jahre alt, das Urbild des freundlichen Wirts: Ein gemütlicher Bauch, Doppelkinn, ein lässiges Hemd, ziemlich lange Haare, nach mehr als 30 Jahren Sylt noch immer freundlich schwäbelnd.

10 bis 20 Prozent der Plätze in der Sansibar gibt er nicht in die Reservierung, damit für wichtige Gäste immer ein Platz frei ist. 160 Innenplätze hat er und etwa 250 draußen, serviert wird abends in zwei Schichten, ab 18 und ab 20 Uhr, bis zu 3000 Essen kommen im Sommer täglich aus der Küche. Man kann sich also vorstellen, was am Telefon los ist, wenn einer, der sich nur für wichtig hält, da mal keinen Platz bekommt.

Wichtigkeit und Höflichkeit korrelieren oft, wenn man Seckler glaubt: "Je besser die Leute sind, desto einfacher ist es, mit denen zu arbeiten. Die sind gewöhnt, bedient zu werden, und schätzen gute Dienstleistung. Es ist viel einfacher, solche Leute glücklich zu machen, als welche, die es nicht gewohnt sind." Fragt man Seckler, was Prominenz ausmacht, sagt er: "Menschen, die kontinuierlich an vorderster Front stehen, haben auch eine besondere Fähigkeit: Das hat man oder man hat es nicht. Dazu kommt noch Fleiß - und dass man mit den Beinen auf der Erde bleibt. Die Leute, die über Jahre hinweg wer sind, die entwickeln auch eine Aura."

Das ist auch eine Selbstbeschreibung. Seckler arbeitet, sagt er, fast immer; reine Freizeit ist ihm ein Graus, da langweilt er sich. Die Schlüsselpositionen seines Unternehmens, das in der Saison bis zu 170 Mitarbeiter beschäftigt, hat er deshalb doppelt besetzt, damit immer einer da ist, wenn er ihn braucht.

120.000 Flaschen Wein im Keller

Das Prinzip Sansibar hat längst die Dünenbude transzendiert. Es gibt deutschlandweit mehr ein Dutzend Sansibar-Shops in besten Lagen, in denen Seckler Mode, Accessoires, Wein und Gourmet-Preziosen verkauft, es gibt einen florierenden Weinhandel (120.000 Flaschen lagern im legendären Keller unter der Sansibar), natürlich einen Online-Shop und Kooperationen - für Air Berlin etwa kreiert Seckler Bordmenüs.

Und die Magie des Namens wirkt. Sie ist so unbezwingbar stark, dass Menschen ohne Weiteres bereit sind, für 200 Gramm "Pazifik-Salz" in einer Porzellandose mit Sansibar-Aufdruck 17,90 Euro zu bezahlen. Das ist ein Kilopreis von 89,50 Euro - für Salz. Zum Vergleich: Ordinäres Speisesalz ist beim Discounter für unter 40 Cent pro Kilo zu haben. Kein Wunder, dass Seckler eine ebenso treuherzige wie griffige Erklärung für das sehr einprägsame Logo der Sansibar hat: "Die Leute haben immer gesagt, ich sei zu teuer. Ich habe geantwortet, ihr seid hier halt unter die Piraten geraten. Dazu passen die beiden gekreuzten Säbel."

Marktforscher bescheinigen der Sansibar-Kette, die in Premium-Einkaufslagen expandiert, ein großes Potential. Die Marke ist beliebt und trägt sich. In Mallorca und in der Hamburger Hafencity sollen Sansibar-Dependancen unter Leitung des Hamburger East Hotels entstehen - der Plan, eine Sansibar auch auf dem Dach des Hamburger Nobel-Kaufhauses Alsterhaus zu errichten, scheiterte an der Karstadt-Pleite. Aber auf dem Dach des Moskauer Ritz Carlton gibt es eine, ebenso auf dem Kreuzfahrtschiff MS Europa.

Fragt man Seckler, wie er seinen Markenkern definiert und warum das Prinzip Sansibar so gut funktioniert, stapelt er sehr tief: "Null Plan. Glauben Sie mir eins: Ich bin dafür zu einfach gestrickt. Solche Gedanken mache ich mir nicht. Ich war nie der Rechner und Denker. Ich war immer nur der Arbeiter, der Dienstleister. Die Leute kommen in die Läden, weil die Sachen schön sind." Die Sansibar selbst, meint er, könne man ohnehin nicht exportieren: "Aber man kann ein Teil Gefühl exportieren. Sie sitzen hier, Sie sind glücklich, dann nehmen Sie sich von hier eine Flasche Wein mit, und wenn Sie Glück haben, haben sie ein bisschen von dem Glücksgefühl hier auch zu Hause."

Auferstanden aus Ruinen

Anfang der 1970er Jahre kam Seckler nach Sylt, arbeitete in der Gastronomie im Service und als Koch. 1977 kaufte er für 250.000 Mark eine neun Quadratmeter große Bretterbude in den Dünen bei Rantum - die Sansibar. Im ersten Jahr setzte er 80.000 Mark um. Heute spricht Seckler längst nicht mehr über Umsätze. Aber wenn er sein geliebtes Sylt tatsächlich einmal verlassen muss, was er äußerst ungerne tut, dann kann er entspannt einen Privatflieger nehmen.

1982 ging es erstmal steil bergab: Die Bude brannte ab, und Seckler, auch finanziell total abgebrannt, zog mit seiner Familie in die Ruinen. 1983 war dann das Jahr, in dem der Mythos Sansibar begann. Starjournalist Peter Boenisch und Lebemann Gunter Sachs entdeckten die Strandbude als In-Location, und fortan gab sich die Prominenz die Klinke in die Hand. Finanziell richtig entspannt, sagt Seckler, sei er erst seit etwa zehn Jahren. Aber die Jahre des Mangels haben ihn geprägt: "Ich habe eine krankhafte Existenzangst. Ich kann dann nicht schlafen." Aber, meint er, vielleicht sei das auch eine wichtige Triebfeder: "Dass ich mich jeden Tag neu erfinden muss. Kann ja möglich sein. Jeden Tag gibt es irgendwas, was mich stört. Das ändere ich dann."

Die wechselvolle und lesenswerte Geschichte der Sansibar und ihres Wirts hat die Gesellschaftsjournalistin und enge Seckler-Freundin Inga Griese jetzt aufgeschrieben - "Das große Sansibar-Buch" aus der Collection Rolf Heyne versammelt auch viele Rezepte aus der Sansibar-Küche und hat wunderbare Fotos von Marc Rehbeck. Eine weitere Rezeptsammlung ist unter dem Titel "Strandküche" bei Südwest erschienen.

Für Grieses Buch griffen auch Stammgäste zur Feder. Wolfgang Joop etwa steuerte eine eigens angefertigte Zeichnung bei, die er auch selbst betextete: "Ob Kutt, ob Butt - im Sansibar geht's allen gut! Ob Filet, ob Flunder - im Sansibar, da gibt es Wunder!" Gut, denkt man da, dass der Mann Designer und nicht Schriftsteller geworden ist.

Das Geheimnis der Sansibar liegt vielleicht darin, dass ihr Inhaber so sehr mit sich selbst im Reinen ist. "Ich hab mein Ziel erreicht", sagt Seckler, "ich bin kein Suchender mehr. Ich habe mein Leben gefunden." Und wenn man ihn fragt, welches die glücklichste Zeit in seinem Leben war, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: "Jetzt." Was die Leute in ihm sehen, dessen Nähe so viele suchen, das, sagt Promiwirt Seckler, wisse er selbst nicht: "Das wüsste ich, wenn ich Sansibar nicht mehr hätte. Aber ich hab's ja. Und ich behalte es ja. Also werde ich das nie erfahren."

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