Sonntag, 16. Juni 2019

Freiburg Behaglichkeitsfalle im Schwarzwald

Schwarzwald: Bei grünen Genießern
Arthur F. Selbach

Freiburg ist nicht irgendeine Stadt - sondern eine Weltanschauung. Kaum eine andere Stadt Deutschlands wird als ähnlich lebens- und liebenswert empfunden. Wer sich einmal länger in der gemütlichen Öko-Metropole im Schwarzwald aufgehalten hat, kommt nur schwer wieder los.

Freiburg im Breisgau - Wenn der Freiburger rot sieht, dann wird er rücksichtsvoll. Das hofft jedenfalls das Rathaus und hat im heißen Juni 2009 auf dem Augustinerplatz, nahe einer beliebten Freitreppe, eine Art Ampel aufgestellt. Abends um zehn schaltet das meterhohe Leuchtmöbel stufenweise von grün auf rot: Leiser, liebe Leute, eure Mitbürger wollen schlafen - soll das der Partyszene auf der Treppe mitteilen. Manchmal klappt es, und die amüsierwütige Jugend zeigt ein Einsehen, manchmal auch nicht, dann kommen höhnisches Gelächter und eine Bierdusche für das teure Designstück, von noch unfeineren Handlungen ganz zu schweigen.

Das ist typisch Freiburg. Mögen andere Städte solche Dinge per Polizei und Verbotsschild regeln, Freiburg ist anders, hier glaubt man noch an das Gute im Bürger und versucht es - einstweilen - ganz lieb im Konsens, mit einer "Säule der Toleranz".

Denn Freiburg - das ist mehr als eine Ansammlung von Häusern und Menschen. Es ist eine Weltanschauung. Nur Freiburger würden das bestreiten. Freiburgerinnen auch. Sonst müssten sie ja zugeben, dass man die Welt - samt Freiburg - auch mit ganz anderen Augen sehen kann. Das ist natürlich ausgeschlossen. Zwar wissen auch Freiburger von Städten, die berühmter, älter, reicher oder einflussreicher sind, die höhere Häuser, breitere Boulevards und tollere Geschäfte haben - und dazu einen richtigen Fluss statt der meist nur knöcheltief dahinplätschernden Dreisam. Aber nirgendwo in dieser Republik, das steht für Freiburger fest, lebt es sich so angenehm, so stressarm, vorbildlich geordnet und politisch korrekt wie in dieser Stadt am Fuß des Schwarzwalds.

Nicht, dass die Freiburger von allein zu dieser Gewissheit gelangt wären. Ohnehin neigen sie nicht zum Auftrumpfen. "Nit geschumpfen ist genug gelobt" - diesen Leitsatz haben sich die Südbadener bei ihren Landesgeschwistern hinterm Schwarzwald, den Schwaben, geborgt, von denen sie sich ansonsten gern abheben.

Savoir vivre mit Öko-Touch

"Der Freiburger ist lebensfroh, heiter, gemütlich und gastfreundlich", hat Wilderich Weick 1839 beobachtet, "er genießt das Leben mit voller Lust und ganzer Seele, so dass nicht selten die Lebenslust in Genusssucht ausartet." Aber: Er kann auch skeptisch und grüblerisch sein und hat ein feines Gespür dafür, ob man ihn mag. Dann will er keine Blumensträuße, sondern Beweise.

Ein Beweis? Hier ist er: Alle wollen nach Freiburg, keiner will wieder weg. Andere, Stuttgart oder auch Mannheim, schrumpfen, Freiburg dagegen wächst, und das kontinuierlich. 1996 waren es 200.000 Einwohner, jetzt sind es 220.000, gegen Ende dieses Jahrzehnts sollen es mehr als 230.000 Bürger sein. Und wer irgendwann doch wieder weg muss, sei er Student, Professorin oder Tourist, der schwärmt dem Rest der Welt von Freiburg vor. Die Bächle. Das Wetter. Die Wirtschaften. Der Wein, das Essen, die Landschaft. Die Lebensart! Savoir vivre, wie der Genießer in dieser Ecke Deutschlands gern sagt. Und alles öko.

Manch alteingesessener Freiburger wundert sich still über so viele Komplimente für einen Zustand, den er gar nicht anders kennt und deshalb für eine Selbstverständlichkeit hält. Doch selbst wenn man Touristeneuphorie und studentische Übertreibungen abzieht - ganz falsch, sagt er sich, kann das Urteil dieser weit gereisten Menschen ja nicht sein. Und zieht daraus nicht gerade wenig Selbstwertgefühl. Woanders leben? Wie kann man nur.

Das hindert Freiburger nicht, ihr Städtchen stets pünktlich zur Ferienzeit zu verlassen; karawanenartig geht es nach Südfrankreich, Italien oder Griechenland - so kollektiv, dass es einem Blutaustausch gleichkommt. Mailand liegt hier näher als Köln. Die Einwohner fliehen, die Touristenbusse kommen und entladen begeisterungswillige Norddeutsche, Holländer, Sachsen und Angelsachsen. Die Nachbarn aus der Schweiz gehören ohnehin längst zum Inventar. Und sobald ein französischer Feiertag auf einen deutschen Werktag fällt, ist in Freiburg "Franzosentag" und für Werktätige kaum mehr ein Durchkommen in der Rathausgasse, auf dem Münsterplatz und in den Parkhäusern.

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