Donnerstag, 19. September 2019

Zweifelhafte Wellnesspakete Eins, zwei, drei, der Burn-out ist vorbei

Wellness gegen Burn-out: Energie-Shaker, Moorpackung, Entschlackung
Fit Reisen / Schloss Warnsdorf

Wellnesshotels entdecken das Geschäft mit dem Burn-out. Chi-Energieshaker, Moorpackung und Darmreinigung sollen Überarbeitete wieder aufbauen. Doch Experten bezweifeln, dass solche Verwöhnprogramme wirklich gegen das Syndrom helfen.

Hamburg - Ein Resort im österreichischen Leermoos bietet eine "Burn-out-Pauschale". Drei Massagen inklusive einer Gesichtsbehandlung und einer Aqua-Thermo-Jet-Prozedur - so sollen vom Berufsalltag ausgelaugte Gäste zu Kräften kommen.

Ein Hotel in Bad Sobernheim bietet eine Felkekur an, Titel: "Entschleunigung nach Felke". Gäste sollen "die sanfte Kraft der Naturelemente spüren und mit der Wirkung der Lehmerde zu neuer Vitalität finden". In einer Residenz in Bad Wörishofen heißt das Paket "Burn-out - wenn nichts mehr geht". Dafür gibt es eine Energiemassage mit Moorpackung, eine Lichttherapie, zwei vitalisierende Spa-Anwendungen und das "Relaxen im Chi-Energieshaker". Und schon ist der Akku wieder voll.

Oder?

Wellnesshotels haben das Business mit dem Burn-out entdeckt. Unter dem Label lässt sich fast alles verkaufen, von Ayurveda über die F.X.Mayr-Kur bis zum Yogakurs. Auch Reiseveranstalter haben das entdeckt - Fit Reisen in Frankfurt bietet seit diesem Jahr erstmals Burn-out-Pakete an. "Heute ist Burn-out doch vielfach ein anderer Begriff für Stress", sagt Geschäftsführerin Claudia Wagner. "Immer mehr Hotels erkennen, dass sie das eigentlich auch können - und dafür nur ihre Pakete umbenennen müssen."

Michael Altewischer, Geschäftsführer der Wellnesshotels Deutschland, sieht das etwas anders. Bei Hotelangeboten gehe es "um Menschen, die sich zwar noch gesund fühlen - aber wissen, dass sie etwas für sich tun müssen", sagt er. Gerade Manager, die keine Schwäche zeigen dürften, suchten gern Hilfe in einem Wellnesshotel, in dem niemand sie kennt. Notwendig sei jedoch ein Arzt im Haus. Denn wer schon unter einem richtigen Burn-out leide, gehöre in eine Klinik.

Ein wirklicher Burn-out ist nicht an einem Wochenende zu behandeln

Nur wer sich auf den ersten drei Stufen des Burn-out-Prozesses befinde, könne mit einem Kurzaufenthalt noch etwas abfangen, sagt Altewischer. Dabei bezieht er sich auf das Stufenmodell des Psychoanalytikers Herbert Freudenberger, dessen erste drei Stufen mit eher vagen Begriffen beschrieben sind: "Zwang, sich zu beweisen", "Verstärkter Einsatz" und "Subtile Vernachlässigung eigener Bedürfnisse".

Auch dieses Modell ist aber "nicht mehr als eine heuristische Denkhilfe zum Strukturieren", sagt Matthias Burisch von der Universität Hamburg. Sein vor mehr als 20 Jahren erstmals erschienenes Buch "Das Burn-out-Syndrom - Theorie der inneren Erschöpfung" gilt immer noch als bestes Standardwerk.

Bis heute sei keines der zahlreichen Burn-out-Modelle ausreichend erforscht, sagt Burisch. Es gebe keine Einigkeit, ab wann man von einem Burn-out-Syndrom sprechen kann - klar sei nur, dass es ein Prozess mit verschiedenen Phasen ist, die in immer anderer Reihefolge ablaufen können.

Generell versteht man unter dem Burn-out-Syndrom (englisch "ausbrennen") einen Zustand emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit. Es beginnt meist mit einem überdurchschnittlichen Engagement für bestimmte Ziele, dem Verzicht auf Erholungs- oder Entspannungsphasen und der Fokussierung auf den Beruf als hauptsächlichen Lebensinhalt. Im Laufe der Zeit treten zahlreiche Störungen wie chronische Müdigkeit, Konzentrationsschwächen, Schlafstörungen sowie Depressionen auf. Ärzte sprechen auch von Erschöpfungsdepression.

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