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Bezahlbarer Luxus: Die Hentschel-Uhren aus Hamburg

Luxusuhren Haute Horlogerie aus Hamburg

Muss eine Luxusuhr ein großes Label tragen? Andreas Hentschel glaubt nicht daran. Der Edeluhrmacher aus Hamburg-Eppendorf etabliert sich gerade an der Spitze der feinsten Uhrenmanufakturen Deutschlands. Sein neuester Coup: Die Uhr zur Hansestadt.  

Hamburg - Zum Bentley 4,5l fehlt Ole Gutholf noch die passende Armbanduhr. Das Automobil ist ein Klassiker, ein Schmuckstück anno 1928, von dem überhaupt nur ein paar Hundert gebaut wurden - da will der Reeder aus der Nähe Hamburgs, der seinen wirklichen Namen hier nicht lesen möchte, auch am Chronometer nicht sparen. 50.000 Euro sind für das Unikat zunächst mal avisiert. Wenn die Uhr in den kommenden Wochen Gestalt annimmt, wenn das Design stimmt, Materialien ausgesucht und Teile gefunden sind, kann durchaus mehr daraus werden. Es liegt in den Händen von Andreas Hentschel, Edeluhrmacher aus Hamburg. Er soll Gutholf seine Bentley-Uhr bauen.

Hentschel, 45, dunkles Hemd, beige Hose, braune Schuhe, steht im Verkaufsraum seiner Uhrmacherei in einer Seitenstraße von Hamburg-Eppendorf und kann nicht aufhören, zu reden. Von erfolgreichen Menschen, die angekommen sind in ihrem Leben. Von Luxusuhren, mit denen sich diese Menschen belohnen. Und von einer Industrie, die mit diesen Menschen und diesen Uhren viel Geld verdient - mit zum Teil überraschend geringem Aufwand.

Vor allem aber redet Hentschel über seine Rolle in diesem Markt. "Wir versuchen Deutschlands feinste Uhrenmanufaktur zu werden", sagt er. "Und inzwischen sieht es so aus, als könnten wir das schaffen."

Inzwischen, das heißt 20 Jahre nachdem Hentschel erstmals den Gedanken hatte, hochwertige, handgearbeitete Armbanduhren zu einem bezahlbaren Preis anzubieten. Neun entbehrungsreiche Jahre später verkaufte er sein erstes Exemplar. Mittlerweile sind wohl 1000 hinzugekommen. Jedes Jahr gehen 170 Uhren aus eigener Produktion über den Ladentisch. Für eine echte Hentschel müssen Käufer derzeit etwa sechs Monate Wartezeit erdulden. Und mindestens 5000 Euro berappen. "Bezahlbarer Luxus", nennt dies der Firmenchef, der mit seinem Geschäft an die fast vergessene, 200 Jahre alte Hamburger Uhrmachertradition anknüpft.

Geschafft hat Hentschel das alles ohne "das übliche Programm", wie er sagt. Ohne Werbung also, ohne PR-Beratung und ohne umfangreichen Vertriebsapparat.

Hentschel setzt vielmehr auf das genaue Gegenteil. Der individuelle Kundenservice ist wichtiger Teil seines Konzepts - und vermutlich auch seines Erfolgs. Verkauft wird fast ausschließlich am Sitz in Hamburg-Eppendorf. Welches Modell passt zum Kunden? Welche Materialien belieben? Welche Farben werden präferiert? Hentschel und seine vier Uhrmacher beraten im doppelten Sinne persönlich.

Sind sie dabei erfolgreich, geht es ins Allerheiligste der Hentschel'schen Welt: die Uhrmacherei. Und dort tritt zutage, was den größten Unterschied zwischen einer Hentschel und dem Gros aller Luxuschronometer anderen Fabrikats ausmacht. "In mindestens 90 Prozent aller Luxusuhren stecken heute maschinengefertigte Uhrwerke, wie sie in jeder handelsüblichen Uhr verbaut werden", erläutert Hentschel. "Am Markt dominieren im Wesentlichen vier Werke, vieles kommt aus dem Hause Swatch."

Viel Prominenz unter der Kundschaft

Für Hentschels Produkte gilt jedoch anderes. Das Herzstück bildet je ein Uhrwerk vom Typ AS 1130. Die Kaliber gelten als ausgesprochen präzise und werden auch als Wehrmachtswerke bezeichnet, weil ihre Entwicklung durch den Schweizer Uhrmacher Anton Schild einst auf eine Ausschreibung des deutschen Militärs zurückging. Produziert wurden die AS-1130-Werke ausschließlich in den Jahren 1932 bis 1969, sowie zum Teil noch in den 70er Jahren.

Wer wie Hentschel heute AS-1130-Uhrwerke verbauen möchte, muss sie sich also vergleichsweise aufwendig zusammensuchen. "Mehrere Scouts sind für uns in der Schweiz unterwegs", sagt der Uhrmacher. "Es gibt immer wieder überraschende Funde, etwa auf Dachböden oder in alten Küchenbänken." Hentschel hat daher keine Sorge, dass ihm der Vorrat ausgehen könnte.

Und er ist davon überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt. "Diese sogenannten New-Old-Stock-Werke sind den heutigen Massenprodukten in puncto Qualität haushoch überlegen", sagt er. "Allein die Haltbarkeit ist um ein Vielfaches höher."

Hentschel baut die AS 1130 allerdings nicht in seine Uhren ein, ohne sie vorher zu veredeln. Jedes Werk wird komplett zerlegt, Teile geschliffen und poliert, Bohrlöcher vergrößert und mit neuen Steinen versehen. Millimeterkleine Schräubchen erhalten erst eine Politur und dann über offener Flamme jene bläuliche Färbung, die - unter anderem - den durch den Boden der Hentschel-Uhren möglichen Blick ins Innere zu einem Erlebnis macht. Alles in allem die hohe Kunst der Uhrmacherei eben. "Eine solche Optik gibt es bei keiner anderen Uhr", sagt der Schöpfer in aller Bescheidenheit.

"Eine solche Optik gibt es bei keiner anderen Uhr": Blick durch den Glasboden des Modells Hamburg Botschafter

"Eine solche Optik gibt es bei keiner anderen Uhr": Blick durch den Glasboden des Modells Hamburg Botschafter

Die Liste derer, die das ähnlich sehen dürften, ist lang - und mitunter prominent besetzt. Bergsteigerlegende Reinhold Messner etwa wurde schon mit einer Hentschel am Handgelenk gesichtet. Gleiches gilt für Filmregisseur Josef Vilsmaier sowie Schauspieler Harald Krassnitzer, um nur einige zu nennen. Die Uhr fährt am Handgelenk des Kapitäns auf dem Passagierschiff "Queen Mary 2" über den Atlantik und begleitet die Konzerte des American Symphony Orchestra sowie des Jerusalem Symphony Orchestra in allernächster Nähe zum Taktstock.

Hentschels jüngster Coup könnte ihm schon bald noch mehr Präsenz jenseits deutscher Grenzen verschaffen: Das Modell Hamburg Botschafter. Ein klassisch anmutender Chronometer, dem die rote Zwölf sowie die "Kleine Sekunde", der separierte Sekundenzeiger unten auf dem Zifferblatt also, den gewünschten hanseatisch-maritimen Touch verleihen.

Der eigentliche Clou der Uhr ist jedoch das Gehäuse aus Schiffsschraubenbronze mit Rotgold. "Bronze gilt eigentlich als nicht tragbar", sagt Hentschel. "Das Metall altert sichtbar und birgt eine hohe Gefahr, Hautreaktionen hervorzurufen." Das Geheimnis des Uhrmachermeisters liegt in einer speziellen Sperrschicht an der Oberfläche, ähnlich wie im Instrumentenbau. Die Schicht verhindert die unerwünschten Effekte - ihr genaues Rezept behält Hentschel dann allerdings lieber für sich.

So entsteht eine Optik, die zwischen allen Zeiten und Stilformen zu schweben scheint. Sie lässt den Hamburg Botschafter zum Smoking ebenso passend erscheinen wie zum Golf- oder Tennishemd. Und sie lässt das Modell in vermögenden Hamburger Kreisen gerade zum Verkaufsschlager avancieren.

50 Prozent seiner Umsätze macht Hentschel gegenwärtig mit dem Hamburg Botschafter. Reeder Gutholf besitzt übrigens auch schon ein Exemplar.

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