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Mercedes R-Klasse: Eine Nummer zu groß

Mercedes R-Klasse Der zweite Versuch

Der Zeit voraus oder am Bedarf vorbei? Woran auch immer es gelegen haben mag: Die R-Klasse gilt als einer der wenigen aktuellen Flops im Mercedes-Angebot. Doch die Schwaben lassen sich nicht entmutigen und nehmen nun einen neuen Anlauf - mit einem überarbeiteten Auto.

New York - Hier ein paar neue Anbauteile, da ein wenig mehr Chrom und vielleicht noch eine dezent retuschierte Linie an den Leuchten - mehr Aufwand treiben Fahrzeughersteller normalerweise nicht, wenn ein Automodell nach ein paar Jahren aufgefrischt wird. Würden nämlich Blechteile verändert werden, wäre das teuer - und genau das soll vermieden werden.

Mercedes jedoch tat bei der R-Klasse genau das. Wenn am 18. September das überarbeitete Modell zu den Händlern kommt, wird es gründlicher renoviert sein als allgemein üblich. "Wir haben bei diesem Facelift einen enorm hohen Aufwand getrieben", sagt Projektleiter Uwe Windmüller. Er verweist auf den komplett neuen Vorderwagen und erläutert, dass "über 500 Teile verändert und ausgetauscht wurden". Grob geschätzt sind das doppelt so viele wie sonst.

Der gründliche Eingriff war bitter nötig. Und er ist zugleich Bekenntnis zu einem Auto, das viele schon abgeschrieben hatten. Der Grund: Mit nur etwa 100.000 Fahrzeugen in bislang fünf Jahren gilt die R-Klasse, eine eigenwillige Mischung aus Kombi, Großraumlimousine und Geländewagen, als Flop. In den USA war den Kunden der Wagen offenbar zu teuer im Vergleich zu anderen Familienautos, und in Europa schreckten viele Interessenten ob der schieren Masse des Wagens zurück - obwohl die europäische Version des Wagens schon um 30 Zentimeter gestutzt war. Die R-Klasse schlingerte im Schattenreich der Statistik umher: Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland gerade mal 1500 Neuzulassungen des Modells.

Jetzt jedoch nimmt Daimlers dickstes Schiff einen neuen Anlauf. Zunächst rücken die Verantwortlichen das Auto in Optik und Kommunikation näher an die Geländewagen. Stolz wird von einem neuen Auto gesprochen, auch wenn die Technik weitgehend unverändert blieb und es im Innenraum kaum nennenswerte Veränderungen gab. Finessen wie etwa LED-Rückleuchten oder ein modernes Navigationssystem fehlen übrigens auch im renovierten Modell.

Bei der Präsentation in den USA fiel die schiere Größe nicht so auf

Präsentiert wurde das Auto im Umland von New York. Die USA als Bühne hat Mercedes gewählt, weil die R-Klasse gemeinsam mit den Typen ML und GL in Werk Tuscaloosa in Alabama gebaut wird, und weil die breiten US-Highways auch das natürliche Habitat des Wagens sind. Während die R-Klasse hierzulande wirkt wie eine HO-Lokomotive auf einer Miniclub-Anlage und schon der Gedanke an ein Parkhaus zum Schweißausbruch beim Fahrer führen kann, erscheint das in der XL-Fassung 5,19 Meter lange Auto in den USA wohl proportioniert und angemessen.

Außerdem gibt es kaum ein besseres Entspannungsprogramm, als am Steuer der R-Klasse über einen Highway oder eine vergleichbar breite und gerade Landstraße zu rollen. Man sitzt in einer luxuriösen Kabine aus Lack und Leder, sieht die Gegend aus herausgehobener Perspektive, genießt mehr Platz als in der S-Klasse und hat bei fünf, sechs oder sieben Sitzen sowie maximal 2385 Liter Stauraum alle Freiheiten. "So wird der Weg plötzlich zum Ziel", sagt Produktmanager Alfons Hierhammer. Und auf dem Weg geht es voller Gelassenheit dahin.

Dazu passt auch der neue Motor des R 350 CDI. Während sich bei den anderen Motorisierungen - R 300 mit 231 PS, R 350 mit 272 PS und R 500 mit 388 PS - nur Marginalien ändern, legt der frische Selbstzünder trotz 0,8 Liter Verbrauchsrückgang um 41 PS zu und entwickelt jetzt 265 PS. Bei einem Leergewicht von 2,3 Tonnen ist das ein ebenso beruhigender Wert wie die 620 Nm, bei denen die Drehmomentkurve gipfelt.

Und der Motor könnte noch ganz anders. Ein Sprintwert von 7,7 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 235 km/h veranlassen Produktmanager Hierhammer den 350 CDI als "sportlichste R-Klasse aller Zeiten" anzupreisen. Doch für eine flinke Kurvenhatz bräuchte die Lenkung etwas weniger und die Bremse etwas mehr Unterstützung. Und wirklich handlich ist der Wagen bei einem Wendekreis von 12,60 Metern natürlich auch nicht.

Wer einmal in der R-Klasse saß, will kaum mehr aussteigen - wegen der Bequemlichkeit. Doch die für Mercedes entscheidende Frage lautet: Wie bekommt man die Leute erst einmal hinein? Das neue Design ist sicher eine Hilfe. Aber viele andere Lockmittel lassen die Schwaben ungenutzt. Den Preis zum Beispiel. Nicht nur die Basistarife von 50.099 bis 74.256 Euro sind stattlich, sondern vor allem im Kleingedruckten findet man ein paar böse Überraschungen: Warum zum Beispiel muss man beim angeblich praktischsten, variabelsten und vielseitigsten Auto der Mercedes-Palette ausgerechnet für die Gepäckraumabdeckung oder die elektrische Heckklappe separat bezahlen?

Es gilt also weiter das Prinzip Hoffnung. Vom bevorstehenden Generationswechsel beim Modell ML, mit dem sich die R-Klasse die Plattform teilt, werden die Kunden übrigens nichts mitkriegen. Projektleiter Windmüller: "Die R-Klasse wird mit der aktuellen Technik parallel einfach weiter gebaut."

Mercedes R-Klasse: Eine Nummer

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