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Grüne Paradiese: Die schönsten Gärten Nordfrankreichs

Foto: Sven-E. Hauschildt / TMN

Frankreichs Gärten Wilde Eibenkrieger

Die Gartenroute in Nordfrankreich bietet jede Menge Gelegenheit, in einem uralten Gestaltungsstreit Position zu beziehen: Liegt die wahre Ästhetik in möglichst naturnaher Landschaftsgestaltung oder in exquisitem Formalismus? Wunderschöne Argumente gibt es hier für beides.

Ermenonville - Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau hatte klare Vorstellungen, vom idealen Staat ebenso wie vom idealen Garten. Die Bürger sollten frei und mündig sein, die Gärten naturbelassen und nicht streng geordnet wie die barocken Grünanlagen, die zu seiner Zeit in Mode waren. Rousseau war auch leidenschaftlicher Botaniker. Noch heute ist in Ermenonville, rund 40 Kilometer nordöstlich von Paris, ein Garten nach ihm benannt. Der "Parc Jean-Jacques Rousseau" ist gemäß dem Weltbild des großen Aufklärers angelegt und liegt auf der Gartenroute, die quer durch Nordfrankreich bis in die Region Nord-Pas de Calais führt.

Bei der Gestaltung des 50 Hektar großen Parks ließ sich der damalige Besitzer Marquis René Louis de Girardin vor knapp 250 Jahren von Rousseaus Roman "Julie oder Die neue Heloise" inspirieren. Er schuf einen Landschaftspark im englischen Stil, der nur der Natur verpflichtet war: ohne dekorative Blumenbeete an Wegen, vor Mauern und auf Rasenflächen.

Heute ist nur noch ein Teil des Parks erhalten, in dem der Philosoph am 2. Juli 1778 begraben wurde. Doch immer noch kann man stundenlang auf geschwungenen Wegen durch naturähnlich angeordnete Bäume und Büsche flanieren, vorbei an Teichen und Gartenstaffagen sowie an künstlichen Ruinen und Grotten - die jedoch nicht der Rousseau'schen Idee entsprechen.

Zu den kleineren, eher versteckt liegenden Gärten der Route gehört die "Ferme du mont des récollets". Das Kleinod liegt in der nördlichsten Region Frankreichs, in Nord-Pas de Calais, zwischen Steenvoorde und der Karnevalsstadt Cassel. Um dieses mehr als ein Hektar große Anwesen in Französisch-Flandern zu entdecken, ist etwas Pfadfinderinstinkt notwendig. Denn das Schild "Parc et jardins", das zu dem Besitz von Emmanuel de Quillacq führt, ist neben dem Schild mit der Aufschrift "Route de Steenvorde" kaum zu sehen.

Quadratisch, rigide und strikt

"Glücklich lebt, wer sich versteckt", erklärt der diplomierte Landschaftsgärtner schmunzelnd. Er hat sich 1990 auf diesem Stück fruchtbarer Erde zwischen sanften Hügeln niedergelassen. Damals lag das L-förmige Gehöft in Ruinen: Das Hauptgebäude war zerfallen, die Scheune drohte einzustürzen, und außer kniehohem Unkraut und Sträuchern gab es auf dem riesigen Gelände nur einen Baum. Und das sei ein armseliger Nussbaum gewesen, erzählt Emmanuel, der lieber Manu genannt werden will.

In 20 Jahren verwandelte er die Ruine in ein Vorzeige-Steingehöft, wie man es in Wohnzeitschriften findet: fachmännisch restauriert mit grünen und weißen Fenstern, die alle auf einen der 14 Gärten hinausgehen. "Quadratisch, rigide, strikt" erklärt Manu den Stil, in dem er seine grüne Oase gestaltet hat.

Jeder seiner Gärten ist mit streng geschnittenen Hecken, Kugeln und Säulen abgegrenzt. So gleichen die Gärten Zimmern und gehen alle ineinander über. Der Besucher hat den Eindruck, durch eine Reihe herrschaftlicher Räume aus dem 17. Jahrhundert zu schlendern. Das "Chambre Verger" führt durch labyrinthartig angelegte Weißdorn-Hecken, das "Chambre berlingots" durch kunstvoll geschnittene Buchsbaum-Karrees und das "Chambre Renaissance" durch skurille Taxusbäume. Sie sind ein Höhepunkt der Ars topiaria, der Kunst, Bäume durch besondere Schnitt- und Wuchstechniken in Form zu bringen.

"Carré, rigide, strict" heißt es auch im "Blauen Zimmer". 13.000 Narzissen hat Manu hier in rechteckigen, quadratischen und runden Beeten angepflanzt. "Das Spiel der Formen und Linien lässt das Blau je nach Tageslicht in einem anderen Ton erscheinen", erklärt er. Denselben Effekt erzielen auch die blauen, roten, weißen und gelben Hortensien des "Chambre des Broderies", die Schneebällen ähneln. Gegen Nachmittag bilden sie lodernden Blumenteppiche herrliche Malvorlagen wie im Garten von Claude Monet in Giverny, der nordwestlich von Paris an der Seine liegt.

Skulpturen zwischen sanften grünen Hügeln

Nur rund 50 Kilometer von Manus Garten in Richtung Amiens liegt Bergueneuse. 220 Menschen leben heute in dem Ort, und in der Rue du Mont erahnt man, warum die ehemalige Grafschaft Artois das Land der sieben Täler heißt. Denn kaum hat man den Eingang zum Park "Skulpturen und Garten" durchschritten, blickt man auf sanfte, saftig-grüne Hügel.

"Uns hat diese Landschaft sofort begeistert", erzählen Françoise und Jacques Droulez. Das war 1978, als sie Lille verließen und hier das kleine strohbedeckte Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert kauften. Damals gehörte zum Grundstück nur ein 800 Quadratmeter großer Garten. Heute erstreckt sich ihr Skulpturenpark auf rund 3000 Quadratmetern. Der Weg führt durch prachtvolle Blumenmassive aus blauen Akeleien, orangefarbenen Staudenmohn und weiß-rosafarbene Porzellanblümchen.

Der Garten grenzt an einen kleinen Fluss. An dessen Ufern hat Françoise Schwertlinien und Schildplatt gepflanzt, die den Boden bedecken. "Ich mag es, wenn es nicht so geordnet aussieht", sagt sie. Während Françoise die Wegränder und Passagen mit Azaleen, Magnolien und Deutzien schmückt, verschönert der ehemalige Kunstprofessor Jacques den Garten mit seinen Metallskulpturen. Tier- und Menschengestalt ähnlich, tauchen sie hinter großen Hibiskusblüten auf oder stehen wie Wegweiser mitten auf einer freien Rasenfläche.

Krieg und Frieden hinter Hecken

Hinter Bergueneuse führt die Gartenroute weiter in das 25 Kilometer entfernte Séricourt. Der Ort hat zwar nur 50 Einwohner, doch er ist in den vergangenen Jahren zu einem Anziehungspunkt Tausender holländischer, englischer, belgischer und deutscher Touristen geworden. Der Grund für Séricourts Berühmtheit: die Gärten von Yves Gosse de Gorre. Mit einem solchen Erfolg hatte der französische Landschaftsgärtner nicht gerechnet, als er 1985 die ersten Stauden pflanzte. Seitdem hat der Pflanzenzüchter einen Garten geschaffen, der ein Kunstwerk ist.

Die in Quadraten eng gruppierten Taxusbäume sind wie die Terrakotta-Krieger im chinesischen Xi'an zugeschnitten. De Gorre hat Hunderte dieser Krieger aus säulenartig aufragenden Eiben geschaffen. Sie stehen sich in zwei Reihen gegenüber, so als wollten sie gleich aufeinander losstürmen. "Garten der Krieger" nennt er dieses Werk. Gleich daneben steht der "Kriegsrat", eine Gruppe buschig-runder Thujen. Ihnen hat der Künstler die Form wilder Gesichter gegeben. Sie sollen an die Grotesken des römischen Theaters erinnern, doch wer den nordfranzösischen Karneval kennt, denkt unwillkürlich an die beliebten Figuren der Riesen.

De Gorre spielt mit Gegensatzpaaren: Krieg und Frieden, Licht und Schatten, Leere und Fülle. Doch seine Vorliebe gilt nicht nur klar und streng gestalteten Formen. Der erste Garten, den er hier vor mehr als 20 Jahren angelegt hat, war der Staudengarten. Hier herrscht das üppige Chaos im englischen Stil. Aus der Ferne erzeugen die unzähligen weißen Blüten des Storchschnabels, die gelb glühende Fuchsbohne und das leuchtende Orange der Fireglow viele kleine Farbtupfer in reinen Farben - wie bei einem Bild im Stil von Georges Seurat.

Sabine Glaubitz, dpa

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