Donnerstag, 18. Juli 2019

Wohnen in der Tankstelle Super plus

Zurück in die 50er Jahre: Wohnen in der Tankstelle
Andreas Meichsner / SCHÖNER WOHN

Sie war Tankstelle, er ist Galerist: der Berliner Juerg Judin hat seiner heimlichen Liebe das größte Geschenk gemacht - er ist zu ihr gezogen. Mehr als 20 Jahre lang hatte die Berliner Shell-Tankstelle in Schöneberg leergestanden. Jetzt ist sie ein Schmuckstück im 50er-Jahre-Design.

Berlin - Der Mann ist eindeutig ein Romantiker: fuhr jahrelang mit dem Rad an der stillgelegten Tankstelle vorbei, doch erst als das Verkaufsschild verschwunden war, setzte er Himmel und Hölle in Bewegung, um sie zu kriegen.

"Verrat", schrie es in ihm, und nur so wurde Juerg Judin seine heimliche Liebe zu dem verwaisten Nachkriegsbau überhaupt klar; und dass er auf keinen Fall aus seinem Leben verschwinden durfte. Glaube mag Berge versetzen, Liebe aber bezwingt Bauämter. Jedenfalls das in Berlin-Schöneberg.

Denn Judin schaffte, woran sämtliche Vorgänger, die hier mal ein Gartencenter, mal einen Fahrradladen, mal ein türkisches Café eröffnen wollten, gescheitert waren: Er musste kein siebenstöckiges Wohnhaus bauen, er musste die Tankstelle nicht abreißen, im Gegenteil, er durfte sie sogar erweitern, mit einer zwei Meter hohen Mauer umfrieden, einen Wassergraben einziehen und durch penible Restauration sie auch noch zum kulturellen Erbe erhöhen - obwohl sie gar nicht unter Denkmalschutz stand.

Die Architekturszene rätselt neidisch bis respektvoll, wie er das wohl hingekriegt hat, doch wer ihn kennt, den wundert dieses Husarenstück kein bisschen. Schon mit 21 eröffnete Judin in Zürich sein erstes Kino. Er nahm an der legendären Züricher Jugendrevolte der 80er teil. Das Rückgrat, das er sich dabei erwarb, machte ihn schnell zum erfolgreichen Kinobetreiber; gemeinsam mit Hans-Joachim Flebbe stampfte er die ersten Multiplex-Paläste aus dem Boden.

In all das war er "einfach reingeraten", tiefere Verbundenheit verspürte er allerdings mit der Kunst, mit Design und Architektur. Alle seine mütterlichen Vorfahren, ebenso wie seine Mutter, waren Architektinnen. Die alte Shell-Tankstelle, genauer ihr drohender Verlust, spülte ihm seine Seelenverwandtschaft mit der 50er-Jahre-Ästhetik ins Bewusstsein. Judin war zwischen Saarinen-, Aalto- und Knoll-Möbeln aufgewachsen. Seine Mutter hatte in den 50er Jahren in Finnland gearbeitet und ihm skandinavisches Design regelrecht eingeimpft. Es vereint Geradlinigkeit mit Sinnlichkeit und charakterisiert damit insgesamt die Formensprache der 50er Jahre.

Dieser Stil ist für den Galeristen und Kunstsammler Juerg Judin so originär, radikal und emotional wie kaum einer davor und keiner danach - fließend, beschwingt, elegant. Das hat nun auch das Bauamt bemerkt, jedenfalls offiziell.

Zurück in die Fifties: Wohnen in der Tankstelle

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