Trend-Kolumne Advent und Apokalypse

Zur dunklen Jahreszeit werden auch die Themen düsterer. Die Finanzkrise bahnt sich ihren Weg wieder zurück auf die Titelblätter. Die richtige Zeit für einige Gedanken über eine Ökonomie der Angst und der Erlösung.
Von Andreas Steinle

Der Spiegel erklärt "Warum nach der Jahrhundertkrise schon die nächste droht" und deklariert die erste Dekade dieses Jahrhunderts als "Das verlorene Jahrzehnt". Wer Ablenkung im Kino sucht, findet mit dem Angst-Streifen "2012" von Roland Emmerich alle apokalyptischen Vorahnungen bestätigt. Die Natur schlägt zurück. Die Klimakatastrophe kommt in Form einer gigantischen Flutwelle und rafft New York dahin, als wäre es aus Streichhölzern erbaut. Der Menschheit bleibt nur wenig Zeit. Der Untergang ist von Emmerich auf den 21.12.2012 datiert. Aber wer weiß, ob wir diesen Tag überhaupt noch erleben. Womöglich rafft uns die Schweinegrippe vorher dahin.

Zukunftsforscher Matthias Horx beschreibt diese Hinwendung zum Untergang in seinem aktuellen Trendreport 2010 mit dem Begriff "Fear Economy": "Angst hat unser Leben und unsere Ökonomie längst tief durchdrungen und diktiert das Geschehen auf den Märkten. Mehr noch: In der Fear Economy existieren viele Branchen und Unternehmen nur, weil die Menschen Angst haben."

Die Pharmaindustrie verdient derzeit prächtig. So konnte das Schweizer Unternehmen Roche im ersten Halbjahr 2009 seinen Umsatz mit dem Grippemittel Tamiflu um mehr als 200 Prozent auf über eine Milliarde Franken steigern. Vom Versandhaus Seton gibt es in der Rubrik "Pandemie-Schutzausrüstung" viele neue Produkte, wie Warnschilder für die Kennzeichnung von Pandemie-Gegenden, Grippeschutzmasken zum Vorteilspreis oder das Pandemie-Grippeschutz-Set.

Wir Deutschen neigen schon immer zum Weltuntergang. Und die Angst, von einer Seuche ausgerottet zu werden, gehört zu den Ur-Ängsten der Menschheit. Es scheint, dass im Fahrwasser von Terrorismus und Finanzcrash all jene archaischen Ängste zum Vorschein treten, die in unserer rationalistisch-wissenschaftlichen Welt überwunden galten. Dass uns der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Oder sich die Erde spaltet.

Ein Memplex aus Unheil und Erlösung

Zum Glück gibt es für alles eine Versicherung. Die Versicherungsbranche gehört zu den großen Gewinnern der "Fear Economy". Auf jeden Bewohner in Deutschland entfallen etwa sechs Versicherungspolicen. In der Summe sind dies 440 Millionen Versicherungsverträge. Laut Stiftung Warentest könnte jeder Haushalt 400 Euro jährlich sparen, wenn man sich von überflüssigen Versicherungen trennen würde. Aber was heißt schon überflüssig, wenn es um die gefühlte Sicherheit geht.

Angst ist ein starkes Gefühl, das nur durch ebenso starke Gefühle bewältigt werden kann. Deswegen blickt die Welt auf einen Barack Obama wie auf einen Messias, der die Erde retten soll. Aus der Dunkelheit kann nur eine Lichtgestalt führen. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz erklärt den Erfolg von Barack Obama als "rein religiös": "Die Weltöffentlichkeit hat es geschafft, in George W. Bush den uralten Anti-Amerikanismus in einer Person zu konzentrieren - der Böse schlechthin... Das hat dann die Komplementärfigur beschworen: Obama, der Retter, der Kämpfer gegen das Böse."

Licht und Schatten. Untergang und Erlösung. Bei der Fear Economy handelt es sich um einen sogenannten "Memplex", ein Bündel von Bedeutungen, das tief in der kollektiven Seele verwurzelt ist und in unsicheren Zeiten an die Oberfläche hochkommt. Weihnachten ist ein Teil dieses Memplexes aus Unheil und Erlösung. In der dunklen Jahreszeit, im Advent (von lat. adventus, "Ankunft") kündigt sich die Ankunft des Herrn an. Sie wird begleitet von hochkalorischen Essen (Gänsebraten), rituellen Gesängen und weihevollen Kerzenlicht.

Dieses Jahr sind die Menschen besonders empfänglich dafür. Erst schauen sie sich den Weltuntergang im Kino an. Um sich dann umso stärker dem weihnachtlichen Stimulus von Erlösung und Wohlfühlatmosphäre hinzugeben. Die Medien werden sicherlich vom Comeback der Tradition sprechen - um im selben Atemzug den Zerfall derselben zu bedauern. Wir fahren einen emotionalen Zickzack-Kurs, der sich nur aus der inneren Logik der aktuellen Fear Economy erklärt. Frohe Weihnachten.

Übersicht: So erleben die Deutschen die Krise

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