Falkenflüsterin Die Bayerin, der die Scheichs vertrauen

Ihre Doktorarbeit schrieb sie über Fußerkrankungen von Jagdfalken. Mittlerweile ist die Tierärztin Margit Gabriele Müller in Abu Dhabi eine Institution - und ihr Falkenhospital für die bis zu 80.000 Euro teuren Flieger eine Touristenattraktion.

Weißenhorn/Abu Dhabi - Für den Adel in Europa waren sie Jahrhunderte lang Statussymbol und dienten dem kurzweiligen Vergnügen, in der über Jahrzehnte bitter armen und unwirtliche Region am arabischen Golf zwingende Notwendigkeit für das Überleben: Falken.

Letzteres hat sich nach den Ölfunden vor rund 40 Jahren in den Vereinigten Arabischen Emiraten geändert, die Liebe der einstigen Beduinen zu den grazilen Fliegern nicht. Um deren Wohl sorgt sich im Falkenhospital in Abu Dhabi die Tierärztin Margit Gabriele Müller aus Weißenhorn im Landkreis Neu-Ulm. Ihre Klinik feiert im Oktober das zehnjährige Bestehen.

Grazil schwingt er die Flügel. Hoch, immer höher trägt ihn die Luft scheinbar schwerelos Richtung Himmel. "Den haben wir auch wieder hingekriegt", sagt Müller zufrieden. Rund 4600 Tiere behandelt sie pro Jahr in dem Hospital. Seit 15 Jahren beschäftigt sich die 41- Jährige mit den eleganten Gleitern der Lüfte. Promoviert hat sie in München mit dem Thema "Fußerkrankungen bei Falken, die zum Jagen in den Vereinigten Arabischen Emiraten genutzt werden". Danach tauschte sie die Isar gegen den arabischen Golf. "Ich bin hier 2001 angekommen und sollte das Hospital neu strukturieren", sagt die Falkenflüsterin selbstbewusst.

"Wir sind der Emirates Palace für Hunde und Katzen"

Die Einrichtung ist mittlerweile nicht mehr nur Hospital, sondern auch Tierhotel. Tausende von Tieren werden hier jährlich versorgt - vom Kanarienvogel bis zum Strauß. Hinzu kommen Hunde, Katzen und Papageien, die in die Pension gehen, wenn die Besitzer außer Landes fahren. "Anlass dafür war eine Nachfrage eines Falkners, der krank war. Er wollte seine Vögel bei uns für eine Zeit unterbringen", beschreibt Müller. Mitte 2007 eröffnete sie die an das Hospital angegliederte Bleibe für Haustiere. "Nun sind wir hier der Emirates Palace für Hunde und Katzen."

Falken spielten bei der Nahrungsbeschaffung der Beduinen in der Wüste eine wichtige Rolle. Die Zugvögel wurden auf ihrem Weg in den Süden auf der arabischen Halbinsel für ein paar Monate eingefangen und für die Jagd benutzt. Doch die Greifvögel mussten vorher an den Menschen gewöhnt werden, und so lebten die Tiere inmitten der Familie, fast wie eigene Kinder, wie Müller beschreibt. Noch heute wirken diese Tradition und die Liebe zu den Vögeln nach. Und das bekommt auch die Tierärztin hautnah mit, wenn die Emiratis sie besuchen wollen.

Doch Müllers Ruf hat mittlerweile auch in der Ferne die Runde gemacht. "Die ausländischen Touristen haben einfach bei laufendem Hospitalbetrieb vor dem Gebäude gestanden und wollten sich das angucken." Seit mehr als zwei Jahren gibt es zwei Mal pro Tag geführte Touren durch die Klinik der kranken Kunstflieger, die sich zu einer der wichtigsten Touristenattraktionen Abu Dhabis gemausert hat.

Weibchen sind teurer

In dem der Regierung von Abu Dhabi gehörenden Gebäude arbeiten zwei Tierärzte, acht Arzthelfer und insgesamt mehr als 50 Menschen. Das von Müller geführte Hospital ist zudem das Referenzlabor für die Vogelgrippe in Abu Dhabi. "Die Klinik muss sich aber selber tragen", sagt Margit Gabriele Müller. Über mangelnde Arbeit macht sie sich dennoch keine Sorgen. "Es gibt hier mehrere tausend Falken, die zur Jagd eingesetzt werden. Dabei haben die Besitzer ein bis 50 Tiere."

Die Tiere stammen heute aus Zuchtfarmen, meist in Deutschland und Großbritannien. Frei lebende Falken stehen auf der Liste der bedrohten Tierarten und werden heute nicht mehr gefangen. Die gezüchteten Exemplare kosten 1000 bis zu 80.000 Euro. "Im Durchschnitt liegen die Preise zwischen 5000 bis 20.000 Euro. Die größeren Weibchen erzielen höhere Preise, weil sie besser jagen können", sagt Müller.

Sie hat neben ihrer Promotion auch noch einen Masters in Business Administration und Diplome für Zahnheilkunde und Homöopathie bei Tieren. Für ihre Arbeit hat sie zahlreiche Auszeichnungen bekommen, den höchsten Orden Abu Dhabis inklusive. Doch was nun läuft wie am Schnürchen, hat schwer angefangen. "Am Anfang war es hier sehr schwierig, eine Akzeptanz aufzubauen. Das hat gut ein Jahr gedauert."

Doch klein beigegeben hat sie nicht. Ihre Erfolge bei der Pflege der Tiere haben ihr Respekt eingebracht. "Heute ist es so, dass manche Falkner sagen: Nur ich dürfe die gebrachten Tiere anfassen." Für sie sei die Leitung der Klinik ein Traumberuf, mit dem sie ihre Leidenschaft zu Falken ausleben und auch etwas bewegen könne. Das scheint im Fall der Bayerin auch bei der klassischen Rollenverteilung der Geschlechter zu funktionieren. "Meine Falkner sagen immer, ich bin ein halber Mann."

Sabine Kwapik, dpa

Falkenhospital: Klinik für kranke Kunstflieger

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