Auszeit Die Welt ist gerettet

Zeit, das Internet zu entdecken: Wie uns der passende Wein den Glauben an die Welt zurückgibt. Und wie man Bankmanagern, die nach Steuergeldern gieren, schallend eine runterhaut - die unterhaltsamsten Seiten im Netz.

Schreiben wir mal was Positives. Etwa so: Wenigstens der Vorstand von Volkswagen verdient so viel wie noch nie - und das sogar legal. Oder: Mineralwasser aus Plastikflaschen enthält massenweise Östrogene, doch Männern wachsen deshalb trotzdem keine Brüste.

Es ist zwar Krise, und zwar ganz dolle, das hat sich allmählich herumgesprochen. Andauernd davon hören, mag man aber nicht. Hin und wieder tun gute Nachrichten not, eine Auszeit, die uns auf andere Gedanken bringt. Dafür ist unsere Reihe "Auszeit" da, in der wir unterhaltsame Internetseiten vorstellen. Und das übrigens schon vor der Krise. Die haben wir lange kommen sehen.

Wir stellen das voran, um Sie auf etwas vermeintlich Unangenehmes vorzubereiten: Diesmal schicken wir Sie ins Herz der Krise, selbstverständlich auf eine spielerische Art und Weise, mit der Internetseite "Trillion Dollar Bailout" . Sie ahnen, worum es geht: Sie müssen Barack Obama spielen, mitten in der Rezession. Mehr dazu im zweiten Teil.

Auch hier bitte das Positive sehen. Leicht hätte es passieren können, dass Sie in die Rolle von äh ... Dings schlüpfen müssen - wie hieß gleich der republikanische Präsidentschaftskandidat?

Alles also nur eine Frage der Perspektive. Selbst der Finanzkrise kann man Gutes abgewinnen, etwa dann, wenn man Al Quaida angehört: Wozu sich die Mühe mit Bomben machen, wenn sich die verhasste westliche Gesellschaft selbst zerlegt?

Wenn Ihnen all das noch zu nah am täglichen Krisengeschäft ist, klicken Sie sich doch einfach eine Seite weiter. Da geht es dann um Wein, in allen Geschmacksrichtungen. Damit lässt sich komplett abschalten. Wein ist nicht böse, im Wein ist Wahrheit. Nur: Machen Sie jetzt nicht gleich eine Gewohnheit draus.

Und lassen Sie sich nicht erwischen!

Was die Welt rettet

Gewonnen: Regieren in der Krise ist einfacher, als die meisten denken, wie "Trillion Dollar Bailout" zeigt

Gewonnen: Regieren in der Krise ist einfacher, als die meisten denken, wie "Trillion Dollar Bailout" zeigt

Trillion Dollar Bailout

Was tun gegen die Krise? Mit dieser Frage im Kopf erwacht Barack Obama jeden Morgen. Wer bekommt Staatsknete, wer nicht? So zumindest stellen sich die Programmierer von "Trillion Dollar Bailout"  den gegenwärtigen Regierungsalltag in Washington vor.

Sie haben das Spiel zur Krise geschrieben. Damit auch geprellte Lehman-Rentner sich damit abreagieren können, ist es kostenlos im Internet zu finden.

In vorgegebener Zeit muss der Spieler zahlreiche Entscheidungen treffen: Rettet er diese Bank? Oder den Versicherungsriesen? Oder doch lieber ein paar wackere Häuslebauer? Dafür hat er eine Billion Dollar zur Verfügung, die reichen müssen, um die US-Wirtschaft - und damit die ganze Welt - wieder ins Lot zu bringen.

Für jede Entscheidung hat man nur ein paar Sekunden. Ein Chart zeigt den Konjunkturverlauf. Um den Stress zu erhöhen, läuft dabei fetzige Rockmusik. Werden Bittsteller mit Geld bedacht, klingeln Münzen - wobei das Geräusch bei den bewegten Milliardensummen in Realität wohl anders klänge. Werden sie abgelehnt, gibt man ihnen eine schallende Ohrfeige. Da knallt's, dass es eine wahre Pracht ist.

Das Spiel ist erschreckend schlicht, dafür aber ungeheuer befriedigend. Dem Chef einer gewissen "Stehman Brothers Bank" eine zu kleben, tut unheimlich gut. Und wer weiß, vielleicht offenbart sich in diesen eiligen und undurchdachten Spielentscheidungen sogar eine weise Einsicht: Dass die meisten Reaktionen der Politik auf die Krise doch willkürlich sind.

Nicht ganz so ernüchternd: Laut Spiel ist die Rettung der Welt möglich. Wer immer den Bankern eine pfeffert und die Hausbesitzer unterstützt, kann das Ruder rumreißen. US-Finanzminister Geithner scheint sich nicht daran zu orientieren. Trinken wir darauf, dass er trotzdem Erfolg hat.

Was die Welt schön erscheinen lässt

Geschmackvoll: Ein Baron Philippe de Rothschild Mouton Cadet Rouge im Geschmackskatalog von "Aromicon.de"

Geschmackvoll: Ein Baron Philippe de Rothschild Mouton Cadet Rouge im Geschmackskatalog von "Aromicon.de"

Aromicon.de

Eine Tabakspfeife. Eine Erdbeere. Eine Vanilleschote. Ein Stück Erde und drei Gewürzsäcke. Fröhlich wirbeln diese Dinge vor tiefrosa Hintergrund durchs Weinglas. Wer dergleichen sieht, hat entweder ein wenig zu tief in dasselbe geschaut. Oder er ist bei "Aromicon.de"  gelandet.

Das Portal, ein Produkt der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design in Halle, versteht sich als Weinsuchmaschine für "internetaffine Genussmenschen" und versucht sich daran, Geschmackserlebnisse visuell umzusetzen. Das gelingt erstaunlich gut.

Seit rund einem Vierteljahr ist die mehrjährige Entwicklungs- und Testphase beendet und das Portal der Allgemeinheit zugänglich. Etwa 1000 Weine haben die Händler, denen "Aromicon.de" als Plattform dienen soll, schon eingestellt und akribisch beschrieben; Nutzer können die einzelnen Tropfen bewerten und die Beschreibung ergänzen.

Das hilft auch Weinfreunden, die gar nichts kaufen, sondern sich nur über bestimmte Weinsorten informieren wollen. So kann man in der Datenbank auf die Suche nach bestimmten Aromen gehen, aber die Suchergebnisse auch nach Rebsorten, Ländern und bestimmten Anbaugebieten sortieren. Ein Wein-Wiki und ein Blog bieten gut strukturierten Durchgriff auf das Basiswissen, das man braucht, um bei der nächsten Gourmetrunde mit önologischer Eloquenz zu punkten.

Und wer einfach nur den passenden Wein zum Essen sucht, kann sich durch die 25 Posten umfassende Speiseliste klicken und so herausfinden, welchen Wein man zu Meeresfrüchten, Grillfleisch, Sushi oder süßen Desserts reichen kann. Die Suche lässt sich auch kombinieren: Wer einen feinen, eher tanninarmen Wein sucht, der prima zu Salat und Pilzen passt und eine dominante Brombeernote hat - bitteschön, der ist mit einem Samtrot vom Weingut Sonnenhof gut bedient.

Wer weiß, zu welchen sprachlichen Verschwurbelungen Weinkritiker in der Lage sind, würdigt hier vor allem eins: Die Kanonisierung der Aromenvielfalt in rund hundert einzelne Geschmacksträger - von Ananas über grüne Walnuss, verschiedene Schokoladensorten bis hin zu exotischen Noten wie weißer und roter Akazie, Feuerstein, Apotheke und Eichenholz. Das weckt den Spieltrieb auch beim Weinlaien.

Beim Ausprobieren verschiedenster Kombinationen stellt der vielleicht fest, dass die Welt trotz aller Krisen kein so übler Ort ist. Immerhin gibt es auf unserem Planeten offenbar keinen Wein, der zugleich nach Hefegebäck und Teer schmeckt. Und auch keinen, der im Mund ein geschmacklickes Feuerwerk von Schiefer, Minze und trockenem Gras entfacht.

Das sind doch wirklich gute Nachrichten.

Zur vorigen Auszeit: Stille Post und Aktbilder in Hotelbibeln

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