Musikexperiment Lieben Sie Brahms?

Generalmusikdirektorin Simone Young stellte sich gestern Abend in Hamburg einer großen technischen Herausforderung. Sie dirigierte das flächenmäßig größte Konzert der Welt, ohne ihre Musiker sehen zu können. Besucher hatten 50 Orte zur Auswahl, um live dabei zu sein.
Von Lilli Schrauzer

Hamburg - Im Foyer des Hotel Atlantic an der Außenalster stimmt sich der Kontrabassist Tobias Grove auf das kommende Konzert ein. Hinter ihm im Kamin brennt ein Feuer. Ein Hotelpage in Livree legt regelmäßig Scheite nach.

Um 18.30 Uhr soll das größte Konzert der Welt beginnen. An bekannten Orten wie dem Hotel Atlantic, dem Rathaus oder dem Heiligengeistfeld verteilt sitzen die Philharmoniker wie im richtigen Konzertsaal. Sie bereiten sich darauf vor, die zweite Sinfonie des Hamburger Komponisten Johannes Brahms zu spielen. Ihre Dirigentin steht auf einem Wahrzeichen Hamburgs, der Michaeliskirche. Von dort aus wird Simone Young dank moderner Technik ihr Orchester dirigieren.

Das Konzert ist kostenlos und Zuhörer können zwischen 50 Orten wählen, um sich die Musiker anzusehen. Auch ein Spaziergang entlang der verschiedenen Schauplätze ist möglich.

Bereits gegen 18.00 Uhr haben sich im Atlantic einige Zuhörer eingefunden. Sie beobachten die Vorbereitungen. In eleganten Ledersesseln sitzen zwei ältere Damen vor einem Eisbecher. Sie flüstern aufgeregt. Ein Kamerateam lässt den Kontrabassisten immer wieder die gleichen Takte spielen. In 15 Minuten wird Simone Young zu dirigieren beginnen.

Tobias Grove wiederholt nun nur für sich und seine Assistentin einen Satz. "Ich will noch eine rauchen". Er selbst ist gar nicht aufgeregt: "Ich habe keine Angst," sagt er. "Angst lähmt, statt zu beflügeln und mit Angst im Bauch kann ich nicht spielen. Es wird schon alles gut gehen. Ich habe es hier drinnen ja schön warm und trocken."

Eine angenehme Atmosphäre. Die Kekse zum Espresso werden in einer Silberschale serviert. Es ist gut geheizt, während daußen der typische waagerechte Hamburger Nieselregen fällt. Mittlerweile haben sich noch mehr Gäste eingefunden. Sie nehmen in den ausladenden Sitzgruppen Platz, bestellen Getränke und warten. Niemand spricht laut. Wie in einem richtigen Konzertsaal. Theaterkonfekt kann man sich bringen lassen. Von den Händen des Servicepersonals bereits geräuschlos ausgewickelt.

Bitte nicht stören

Der nächste Schauplatz - der Marmorsaal des Schauspielhauses - mutet an wie eine Unicafeteria. Tische, an denen hier und da eine Gruppe Menschen sitzt. Hell. Laukalt. Hinter rotgoldenen Absperrbändern eine Sehenswürdigkeit: Ein schon etwas ernsterer Peter Hubert in den letzten Minuten vor dem ersten Ton des Konzertexperiments. Der Kontrabassist ist sehr konzentriert.

Der Fernsehsender Hamburg 1, der das Konzert überträgt, kündigt an, dass gleich der Kammerton A eingespielt werde. Huber geht in Position. Eigentlich sollte es jetzt ganz still sein. Gespannte Blicke sollten sich auf den Künstler richten. Stattdessen reges Kommen und Gehen. Der Saal füllt sich stetig. Outdoorjacken rascheln und Stuhlbeine kratzen über den Steinboden.Positionsgefechte um die verbliebenen Sitzplätze. Es entsteht so gar nicht der Eindruck, dass hier gleich etwas Großartiges passieren soll.

Der erste Ton verursacht trotz der wenig feierlichen Atmosphäre eine Gänsehaut. Die Ungeduld der Besucher schlägt um in leichte Aggression. Schließlich ist der Besuch hier kostenlos. Jeder hat soviel Recht wie der andere, zu drängeln, zu schubsen und auch den Saal lautstark wieder zu verlassen.

Noch erstaunlicher geht es an der nächsten Station des Konzertspaziergangs, auf der Empore der Wandelhalle, zu: Christian Seibold an der Klarinette und Katharina von Held am Kontrabass spielen gegen den Unwillen der Passanten an. "Eine Sauerei, so einfach den Weg zu versperren," schimpft ein Reisender mit Rollkoffer im Schlepptau laut. "So ein Krach. Was das nur soll," schimpft ein Vater mit Kinderwagen, der versucht, sein weinendes Kind vor dem kulturellen Ereignis in Sicherheit zu bringen.

Mir kommt eine Liedzeile in den Sinn, die ebenfalls von Hamburger Musikern stammt: "Das Gegenteil von gut ist gut gemeint." Darunter würde ich das gestrige Erlebnis verbuchen. Für kulturelle Experimente dieser Größenordnung scheinen viele Hamburger noch nicht bereit.