Auszeit Aktbilder in Hotelbibeln

Zeit, das Internet zu entdecken: Wo man Geheimnisse reihenweise lüftet. Wie "Stille Post" in diesem Jahrtausend gespielt wird. Und mit welchem Trick Sie all Ihre Daten in Gleichklang bringen - die unterhaltsamsten Seiten im Netz.

Die Finanzkrise ist durch ein Schneeballsystem entstanden. Da ist es eine Frage der nationalen Sicherheit, dass wir Sie vor dem nächsten Schneeballsystem warnen. Es heißt Twitter.

Das mag Sie überraschen. Zum einen, weil wir in der Kolumne "Auszeit" sonst Internetseiten vorstellen, über die nicht alle sprechen, die wir aber trotzdem für klickenswert halten - Twitter hingegen ist wirklich nichts Exotisches. Zum anderen, weil Twitter gar nicht bedrohlich erscheint.

Falls es Ihnen bisher entgangen ist: Twitter ist ein Nachrichtenticker, mit dem man jeden noch so banalen Gedanken ins Internet stellen kann. Derzeit schreibt die halbe Welt über Twitter - zum Teil auch gleich per Twitter. Da finden sich Nachrichten wie "Juhu, Ferien! Und jetzt?" oder auch Geistreicheres wie "Endlich, ich fühle mich toll. Jetzt könnte ich mich an die Arbeit machen."

Es gibt Twitter-Interviews, etwa mit Thorsten Schäfer-Gümbel. Und ab und zu läuft ein Augenzeugenbericht, gefolgt von Tausenden von Augenzeugenberichten über den Augenzeugenbericht. Bedrohlich? Schlimmstenfalls Zeitverschwendung.

Wichtiger aber als die Nachrichten, die man dort austauscht, sind die Leute, die sie lesen, sogenannte Followers. Wenn man einen Twitter-Schreiber entdeckt, dem Hunderte von Followers folgen - das ist schon beeindruckend, dem folgt man gleich selbst.

Irritierend ist folgende Beobachtung: Wir haben testhalber ein Twitter-Konto angelegt. Über Nacht hatten wir drei Follower. Einen Tag später sieben. Dann zwölf. Das alles, obwohl wir nur eine einzige Nachricht geschrieben haben. Je mehr Follower in unserem Profil aufgeführt sind, desto mehr schließen sich an. Ein Schneeballsystem.

Warum das eine Frage der nationalen Sicherheit sein könnte? Ganz einfach: Was sagt das über die Follower aus, wenn sie sich einem Wildfremden anschließen, der keinerlei Botschaft hat?

Zugegeben, diese Follower sind keine Gefolgsleute, wie man vielleicht denken könnte, sie sind weder Partei noch Streitmacht. Keine Übersetzungsfehler, bitte. Follower sind lediglich neugierig, was der Neue da verzapfen könnte. Sie verfolgen Nachrichten. Allerdings sollte der Blick in unser Profil stutzig machen: Da steht nach wie vor nur eine Nachricht, mit dem Hinweis: Vor 21 Tagen geschrieben.

Aber vielleicht sehnen sich die Twitter-Nutzer, die sich so bereitwillig einem irrsinnigen Nachrichtengrundrauschen aussetzen, einfach nach etwas Stille. Folgerichtig widmet sich diese Auszeit stillen Beschäftigungen. Eine Stillzeit, wenn Sie wollen. Doch darum geht es nicht - sehen Sie selbst.

Lassen Sie sich nicht erwischen!

Übersetzungen, zur Sprachverwirrung

Stille Post: "Lost in Translation" erzeugt Kauderwelsch

Stille Post: "Lost in Translation" erzeugt Kauderwelsch

Lost in Translation

Computer nehmen langsam Überhand. Unsere Post verschicken sie schon länger, sie erstellen automatisch Profile über unseren Musikgeschmack, ermitteln in Sekunden unsere Kreditwürdigkeit. Das alles beherrschen sie rasend schnell, und was besonders schockierend ist: meist auch gut. Die Umstellung auf Onlinebanking erschien noch harmlos. Aber seit man sein Frühstücksmüsli im Internet zusammenstellen kann, scheint alles möglich. Diese Dinger sind uns über.

Gott sei Dank gibt es Übersetzungscomputer. Sie sorgen für ein kleines, heimeliges Biotop in der Datenwelt, wo sich Homo sapiens noch überlegen fühlen darf. Angebote wie Google Translate oder Babelfish sind ganz toll, wenn man wissen will, worum es in einem fremdsprachigen Text geht oder um einzelne Begriffe zu übersetzen. Doch wenn es um ganze Texte geht, vergurken es die Maschinen regelmäßig.

"Lost in Translation"  ist dafür die passende Überschrift. So nennt Carl Tashian seine Webseite, auf der man mit der Übersetzungssoftware Babelfish eine Art "Stille Post" spielen kann: Man gibt einen englischen Text ein, der dann ins Französische übersetzt wird und von dort wieder ins Englische. Das Ergebnis wird ins Deutsche übersetzt, und wieder zurück. Dann folgen Italienisch, Portugiesisch und Spanisch. Wie üblich läuft das automatisch ab.

Zum Schluss kommen drollige Sätze heraus. Wir haben als Test ein Zitat des Obama-Vorgängers Franklin D. Roosevelt genommen: "I pledge you, I pledge myself, to a New Deal for the American people." So läutete er eine historische Wende in der Sozialpolitik ein. Mit dem kauderwelschigen und tendenziell kapitalistischen Übersetzungsergebnis wäre sie wohl nie Wirklichkeit geworden: "Joining to him, together me, with a new business for American people."

Auch weniger historisch löst sich die eine oder andere Sinnstruktur auf. Aus "My name is Bond. James Bond." wird "My name is in the slavery. James Bond." Ein versklavter Name, das ist eine Vorstellung, an der wir durchaus zu knabbern hatten. Wie Babelfish daran knabberte, zeigt "Lost in Translation" zusammen mit dem Ergebnis an. Alle Versionen werden aufgelistet. Im Fall des versklavten Agentennamens zeigt sich: Die erste Übersetzung ging schief, alle anderen haben den Fehler stur weitergereicht.

Mit "Lost in Translation" lässt sich eine Weile stillvergnügt spielen - bis man genug davon hat, dass jede Übersetzung reichlich lange dauert. Schnell geht nur Obamas Wahlspruch, der so simpel ist, dass er lediglich verdreht wird: "We can yes!"

Geheimnisse, zum Mitlesen

Stille Sehnsüchte: Bringt ans Licht, was sonst verschwiegen wird

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Postsecret

"Manchmal tue ich so, als wäre ich Crew-Mitglied auf der Enterprise. So begegne ich der unglaublichen Langeweile meines blöden Jobs!" Ein Satz, den man besser nicht an den Beginn einer Gehaltsverhandlung stellt. Und wenn man's recht bedenkt: Sie sollten ihn besser nie Ihrem Chef gegenüber fallen lassen, solange Sie sich Aufstiegschancen ausrechnen.

Auch sein Erfinder hat ihn wohlweislich für sich behalten, womöglich jahrelang. Aber irgendwann musste es raus. Er schrieb ihn auf eine Postkarte, klebte ein schönes Enterprise-Foto dazu und schickte ihn an "Postsecret" . Das ist der Name eines Kunstprojekts, in dem sich alles um Geheimnisse dreht. Sie werden veröffentlicht, in der Gestaltungsform ihrer Geheimnisträger. Selbstverständlich anonym.

Die Seite gibt es auf Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Koreanisch. Und sie bringt unkommentiert ans Licht, was sonst verschwiegen wird. Da ist manch Banales dabei und einiges Pikantes.

Wie etwa das Geständnis eines Einsenders, dass er in die Bibeln, die in praktisch jedem Hotelzimmer ausliegen, immer Aktbilder von Frauen zeichne. Offenbar eine verbreitete Heimlichtuerei, denn ein anderer gesteht, das mit Fachbüchern aus der Universitätsbibliothek ähnlich zu handhaben. Als er ein derart verziertes Buch ein zweites Mal auslieh, sah er, dass ein anderer Student seinem Nackedei ein Höschen gemalt hatte.

"Postsecret" ist allerdings kein Platz für Erotomanen, es ist ein bunter Flickenteppich. Da beklagt sich einer, dass ihn alle Haustiere der Familie hassen; ein anderer bekennt, dass er das Hochzeitskleid einer Verwandten entsetzlich hässlich findet; ein Teenager wünscht sich, in einen Unfall verwickelt zu werden. Oft geht es um die große Liebe und um kleine Liebschaften, und immer wieder nehmen die Kurztexte Wendungen, die man nicht erwartet hätte.

So wie dieser: "Auf Deutsch ergibt alles Sinn. Ich wünschte, Deutsch wäre meine Muttersprache." Beim Absender tippen wir auf den Babelfish.

Helferlein, zum Datenaustausch

Stiller Helfer: "Dropbox" synchronisiert Daten besonders elegant

Stiller Helfer: "Dropbox" synchronisiert Daten besonders elegant

Dropbox

Wie oft kommt es vor, dass Sie mit einem Kollegen, einem Freund oder Bekannten, ein Dokument bearbeiten: Sie schreiben etwas, verschicken eine Mail, der Kollege fügt etwas hinzu und schickt es per Mail zurück, und so weiter. Nach kurzer Zeit gibt es eine Vielzahl von Dokumentversionen und die Verschickerei ist auch nicht gerade praktisch.

Wie oft kommt es vor, dass sie eine Liste anlegen, sagen wir: von Adressen. Sie würden sich wünschen, dass alle in der Familie darauf Zugriff hätten, beliebig oft Einträge ergänzen oder ändern könnten. Doch dazu bräuchte man einen Server, auf den alle zugreifen können. Und weil Sie sich ungern mit Technik beschäftigen, richten Sie dann doch keinen ein.

Serverlösungen dieser Art gibt es wie Sand am Meer. Aber die eleganteste, die uns bisher untergekommen ist - und daher die attraktivste für Technikverweigerer - heißt "Dropbox" . Der amerikanische Service bietet registrierten Nutzern kostenlosen Speicherplatz von zwei Gigabyte, natürlich in der Hoffnung, dass sie bald kostenpflichtig auf größere Speicher aufrüsten.

Der Clou ist aber die Software, die zu Dropbox gehört. Einmal installiert, verhält sich der eigene Ordner auf dem Server eben nicht wie etwas, das in den USA liegt, sondern wie ein ganz gewöhnlicher Ordner auf der eigenen Festplatte, direkt neben den "Eigenen Dateien". Das kommt daher, dass er tatsächlich dort gespeichert ist. Ändert man ein Dokument in diesem Dropbox-Ordner, wird es sofort auf dem Dropbox-Server synchronisiert.

Der Benutzer bemerkt davon nichts. Automatisch bekommt er so eine Sicherungskopie aller Daten in der Dropbox. Und zu seiner Server-Dropbox kann er wiederum allen Kollegen, Freunden und Bekannten Zugriff gewähren, mit wenigen Mausklicks. Auf diese Weise lassen sich Daten zentral ablegen, sodass alle Nutzer in einer beliebig großen Gruppe damit arbeiten können. Und zwar genauso bequem, wie man es sonst vom eigenen PC kennt.

Selbst wenn man offline ist, kann man die Dateien bearbeiten. Sobald der Rechner wieder eine Internetverbindung herstellt, werden Dropbox-Ordner und Dropbox-Server synchronisiert, still und leise im Hintergrund.

Damit das auch in gemischten Gruppen funktioniert, gibt es die Software für Windows, Mac und Linux. Um Sicherheitsbedenken auszuräumen, ist sie mit einer handelsüblichen Verschlüsselung ausgestattet. Wer dennoch skeptisch ist - schließlich werden die Inhalte der Dropbox-Server nach US-Recht behandelt - sollte sensible Daten mit einem Passwort schützen.

Dropbox funktioniert überzeugend geschmeidig. Allerdings müssen wir auch hier warnen: Die Sache könnte sich herumsprechen. Wir wittern das nächste Schneeballsystem.

Zur vorigen Auszeit: Alte Zöpfe und anderer Spielkram

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