Auszeit Halma statt Herzinfarkt

Zeit, das Internet zu entdecken: Wann Frisuren noch schlimmer waren als Wirtschaftskrisen. Wo Ihre liebsten Dokumente auf Sendung gehen. Und wie sich all die gestrandeten Zocker aus den Bankhäusern gefahrlos abreagieren können - die unterhaltsamsten Seiten im Netz.

Die Botschaft war nicht ganz klar, aber vielversprechend: " Thirty-und fünftausend vierhundertsiebzig Euro (935.470,00 Euro) in die elektronische Post Ende des Jahres", hieß es in einer E-Mail, die jeder in unserer Redaktion in seinem Postfach fand. Der uns unbekannte Absender schloss: "Ist es von Ihnen erwartet, wenden Sie sich bitte an die Ansprüche Agent sofort für die Übertragung von Gewinnen." Ein Klick auf den beigefügten Link brachte allerdings nicht unsere Bankkonten zum Überkochen, sondern unseren Systemadministrator. Doch das ist eine andere Geschichte.

Es gilt festzuhalten: Offensichtlich liegt irgendwo Geld, das sehnsüchtig darauf wartet, von uns eingesackt zu werden. Und dazu muss man nicht erst die Alpenhänge von Lichtenstein erklimmen.

Es ist ja viel geschrieben worden über die kriminelle Energie, mit der uns viele Manager in die Finanzkrise gebracht haben. Wenn man kriminelle E-Mails bekommt, in denen fürs Nichtstun mehr Geld versprochen wird, als die Steuerfahndung selbst bei Klaus Zumwinkel eintreiben kann, ahnt man, wie das funktionieren konnte. Einmal klicken - eine Million. Und am Jahresende einen Bonus. Alles ein großes Spiel, bei dem man nur gewinnen kann.

Was wäre gewesen, hätten viele Finanzfachleute diesen Spieltrieb auf einem harmloseren Feld ausgelebt? Probieren Sie es einfach aus. Eine der Internetseiten, die wir Ihnen heute vorstellen, lädt zum Spielen ein, mit so vielen Spielangeboten, dass Ihnen gar keine Zeit mehr bleibt, die Steuergelder aus dem Soffin zu verballern.

Fürderhin leben Sie weniger riskant, nicht nur am Arbeitsplatz, Ihre Familie wird es Ihnen danken: Keine waghalsigen Überholmanöver mehr, keine Vollräusche mit Filmriss, keine Kreditverträge ohne Ausfallversicherung.

Der Kick aus einem Brettspiel wirkt nämlich lebensverlängernd. Wer einmal die Woche Halma spielt, braucht kein Anti-Aggressionstraining. Er hat einen gesunden Blutdruck und geht pfleglich mit seinen Mitarbeitern um. So motiviert, arbeiten die wie die Berserker - aber dabei auch umsichtig, weil sämtliche Meetings der neuen Spieltheorie im Management folgen: Wem in jedem Meeting der Nervenkitzel von Mikado und Mensch-ärgere-dich-nicht geboten wird, der steckt keine Vermögenswerte in Anlagen, von denen er das Risiko nicht kennt.

Einzig die Beraterbranche wird unter diesem Trend zu leiden haben. Was soll man raten, wenn doch alle vernünftig sind? Warum sollte man einen Consultant buchen, wenn man für den Bruchteil seines Stundensatzes die Seeräuber-Erweiterung der "Siedler von Katan" bekommt. Spielen Sie, dann wird die Welt gut!

Aber lassen Sie sich nicht erwischen.

Alte Zöpfe, für Humoristen

Abgründe der Abschneider: Historie auf "Hairweb.de"

Abgründe der Abschneider: Historie auf "Hairweb.de"

Hairweb.de

Nein - jener allzu nahe liegende Witz soll hier ausbleiben. Eine Internetseite, bei der es um Haare geht, ein Texteinstieg mit der Wirtschaftskrise ... Es wäre einfach unter unserer Würde, mit "zu Berge stehenden Haaren" einzusteigen.

Lieber erklären wir Ihnen haarklein, warum die Seite "Hairweb.de"  selbst dann für Sie sehenswert ist, wenn Sie nicht im Friseurhandwerk tätig sind. Sie brauchen nicht einmal Übung darin, ihrem Kind den Pony zu schneiden. Die Seite kümmert sich zwar um allerlei haarige Angelegenheiten, um die Praxis eines schönen oder gar professionellen Schnittes geht es dort nicht.

Im Vordergrund stehen Frisurentrends, ein Wort, dass man eigentlich nur von den Shampooplakaten beim Friseur kennt. Wem die "Gala" und die "Bunte" in den vergangenen Jahren zu wenig auf die Haarpracht der Stars achtet, weil zunehmend deren frisch frisierte Dekolletees diskutiert werden, der kann hier für Ausgleich sorgen.

Lustig wird die Seite unter dem Menüpunkt "Historie". Säuberlich nach Jahrzehnten gestuft, findet man dort, was dazumal à jour war. Ob May McAvoys Bubikopf oder Jane Fondas Beehive, anhand von Prominentenbildern jener Jahre werden typische Frisuren beschrieben und in den zeitgeschichtlichen Kontext eingebettet. Dazu gibt es den ein oder anderen technischen Hintergrund, etwa wie die Wellenlegung mittels Ondulierstab die Welt veränderte.

Aber keine Sorge, allzu tiefschürfend ist das nicht, sondern eher ein fröhlicher Querschnitt durch die Jahrzehnte. Finster wird es allerdings, wenn man die 80er Jahre erreicht. Hat man zuvor noch die "Pomadenhengste" der 20er belächelt, schocken nun schaurige Vokuhilas. Die auftoupierten Damen sind auch nicht besser, etwa Nena, die damals ihre Körperlänge per Haarpracht fast verdoppeln ließ.

Gemessen an derlei haarigem Terror erscheint eine reinigende Rezession als Schnitt in die richtige Richtung.

Neue Spiele, nicht nur für Banker

Der Ernst zum Spiel: Spielkritik auf "Spielkult.de"

Der Ernst zum Spiel: Spielkritik auf "Spielkult.de"

Spielkult.de

Oder als Kinderspiel. Welches, das ist Ihre Entscheidung. Wenn Ihnen nicht gleich eins einfällt, empfehlen wir den Klick auf "Spielkult.de" . Um Kultisches geht es dort Gottseidank nicht, dafür umso mehr um Gesellschaftsspiele.

Den Einstieg in die Seite empfehlen die Macher über ihre neuesten Testberichte. So erfährt man schnell, was auf dem Markt neu ist und bekommt Anregungen für den nächsten Spieleeinkauf.

So erwärmen sich die Autoren etwa für "Der Hexer von Salem" aus dem Kosmos-Verlag, ein "großartig präsentiertes, atmosphärisch dichtes Spiel nach dem Gemeinschaftsprinzip 'alle oder keiner'". Eine ausführliche Spielbeschreibung und eine gut begründete Bewertung gehören zu jedem Test, ebenso wie die Sternchen-Übersicht, mit der die Spielregeln, das Material, die Spieltiefe, und der Spielablauf bewertet werden.

Allerdings fehlt der Seite eine einfache Volltextsuche. Wer sich über ein Spiel gezielt informieren will, findet unter dem Menüpunkt "Spieltests" aber in der rechten Randspalte den Punkt "Spiele von A bis Z". Die Gesamtliste verzeichnet derzeit 161 Spiele in 10 verschiedenen Kategorien.

Wie genau die Spiele bewertet werden, legt "So testen wir" offen, kurioserweise in der Rubrik "Extras". Dort finden sich außerdem originelle Antworten auf die Frage, wer bei einem Spiel als erster ziehen darf. Neben dem bekannten Muster "jüngster/ältester Mitspieler" bietet "Spielkult.de" unter anderem: "der Spieler mit dem längsten Hals", "der Spieler mit dem meisten Geld im Portmonee" oder auch "der behaarteste Spieler". Davon sollten aber, der Fairness halber, Vokuhilas ausgenommen sein.

Klare Anzeige, für alle Schriftstücke

Digitale Dokumente: "Scribd" zeigt sie, als lägen sie auf dem eigenen Computer

Digitale Dokumente: "Scribd" zeigt sie, als lägen sie auf dem eigenen Computer

Scribd

Nach dem Spiel wird's Ernst. In diesem Fall heißt das: praktisch. Ausgangspunkt ist eine Ankündigung Apples Anfang Januar, die fast niemand bemerkt hat, weil sich alle gefragt haben, warum Steve Jobs in letzter Zeit wie ein angebissener Apfel aussieht. Das Unternehmen stellte die neueste Version seiner Bürosoftware iWork vor und gleichzeitig die Internetseite "iWork.com" .

Die Seite bietet die Möglichkeit, Dokumente, die mit der Software erstellt wurden, Freunden oder Mitarbeitern per Internet zugänglich zu machen. Wenn Sie nicht vorhaben, iWork zu kaufen, muss Sie das nicht kümmern. Das Prinzip ist jedoch praktisch. Nur iWork braucht man dafür nicht zwingend.

Denn zum einen gibt es von Google "Text & Tabellen" . Mit diesem Service schreibt und rechnet man gar nicht mehr mit Programmen, die auf der eigenen Festplatte liegen, sondern auf den Google-Servern. Dokumente, die somit schon online sind, kann man leicht anderen Nutzern schicken oder sogar gemeinsam bearbeiten.

Zum anderen gibt es "Scribd" . Diese Seite ist eher für Leute, die zwar ganz gerne auf der eigenen Festplatte werkeln anstatt sich wieder einmal dem Datenkraken Google anzuvertrauen, die aber das ein oder andere Dokument gern per Internet vorzeigen würden. Klar, kann man seine Texte einfach per E-Mail als Word-Dokument verschicken. Man weiß aber nie, wie sie dann beim Empfänger aussehen. Und viele andere Dateiformate wie ODT oder SWX sind nicht so gebräuchlich, dass jeder Empfänger sie öffnen kann.

Das iPaper ist gar nicht von Apple

Dokumente also, die man auf dem eigenen PC fertig gestellt hat, kann man ganz einfach bei "Scribd" hochladen. Dort werden Sie jedem, dem man die entsprechende Internetadresse mitteilt, im Browser dargestellt. Und zwar in einem sehr funktionalen Fenster, in dem man alles tun kann, was man sich von einer Betrachtungssoftware wünscht, zum Beispiel heranzoomen oder im Text nach Begriffen suchen. Kreativerweise nennen die "Scribd"-Entwickler das ganze iPaper.

Die Texte lassen sich außerdem kommentieren oder das iPaper in eigene Internetseiten einbinden. Außerdem verspricht "Scribd", dass alle Dokumente leicht von Suchmaschinen gefunden werden - wenn man das denn will. Wer's privater mag, kann seine Schriftstücke auch mit einem Passwort schützen.

Jeden Tag werden angeblich 50.000 Dokumente zu "Scribd" hinzugefügt. Inzwischen ist eine riesige Datenbank unterschiedlichster Papiere zusammengekommen, in der man ganz nach Laune stöbern darf. Ob Bedienungsanleitungen, akademische Aufsätze, Broschüren oder die erste Rede von Barack Obama als Präsident - das Archiv ist eine Fundgrube. Und wer etwas gefunden hat, kann es entweder auf dem eigenen Rechner sichern oder online in seiner persönlichen Dokumentenmappe bei "Scribd".

Was "Scribd" am besten kann, ist Tabellen, Grafiken oder Texte einer großen Zahl von Menschen zugänglich machen, exakt in der Form, wie man sie ursprünglich gestaltet hat - eine Aufgabe, die Microsofts Word bis heute nicht zuverlässig bewältigt. Ein Anwendungsgebiet wäre etwa ein Flugblatt mit dem Aufruf, mehr zu spielen.

Zur vorigen Auszeit: Comic-Cover zuhauf und exakt so viele Probleme, wie Sie lösen können

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