Auszeit Ein Dax für die Moral

Zeit, das Internet zu entdecken: Mit welchen Tricks man innere Schweinehunde im Zaum hält. Wo der Appetit auf Spiderman wächst. Und wie wir endlich die gewünschten Probleme bekommen - die unterhaltsamsten Seiten im Netz.

Das Beste an guten Vorsätzen ist, dass man sich nicht daran halten muss. Denn was kann schlimmstenfalls passieren? Alles bleibt, wie es ist. Das stellt zwar keine Verbesserung dar, ging aber bisher doch irgendwie auch.

Man ist ja zu sich selbst meist nicht so hart, wie es ein Außenstehender wäre. Wenn Sie sich also trotz guten Vorsatzes zum Dreikönigstag wieder eine Filterlose angesteckt haben, werden Sie zwar kurz den Kopf geschüttelt haben über die eigene Rückgratlosigkeit. Doch wie das Nikotin so wohlig in ihre Lungenflügel einzog, schüttete Ihre Hypophyse rasch ein paar Glückshormone aus und die Sache war geritzt.

Vielleicht haben wir eine Lösung für Sie. Und vielleicht kommt sie ja gerade noch rechtzeitig, wenn Sie bis heute durchgehalten haben. Unter den wunderbaren Webseiten, die wir in dieser Auszeit vorstellen, ist nämlich auch ein Gute-Vorsätze-Manager. Sie werden staunen.

Wenn man's recht bedenkt, kann es auch ganz gesund sein, Vorsätze zu brechen. Wer sich das Rauchen verbietet, aber anschließend aufgeht wie ein Hefeteig, tut vielleicht gut daran, nicht allzu kategorisch auf seinen Neujahrsbeschluss zu beharren.

Dann nämlich bleibt man wenigstens frei in seiner Entscheidung. Sind gesunde Atemwege es wert, auf einen Body-Mass-Index zuzusteuern, der Dimensionen hat wie das amerikanische Bankenrettungspaket? Kurz gesagt besteht die Wahl zwischen zwei Übeln: Sollen meine Herzkranzgefäße durch Teer oder durch Fett kollabieren? Immerhin, die Entscheidungsfreiheit bleibt.

Wer angesichts dieses Problems mit den Achseln zuckt, muss schon abgebrüht sein. Oder Nichtraucher. Oder er ist weitgehend problemfrei. Dann herzlichen Glückwunsch, gute Vorsätze können Sie sich sparen. Aber vielleicht sehnen Sie sich nach dem ein oder anderen Problem, nur um zu zeigen, dass sie es lösen können? Auch hier schafft eine Webseite Abhilfe. Probieren Sie es am besten gleich im Büro aus.

Aber lassen Sie sich nicht erwischen!

Endlich Probleme für jedermann

Macht andauernd Probleme: Entertainment auf "Needaproblem.com"

Macht andauernd Probleme: Entertainment auf "Needaproblem.com"

Needaproblem.com

Ein guter Vorsatz fürs neue Jahr könnte sein, mehr Probleme zu lösen. Was aber, wenn schon alle Probleme gelöst sind? Jetzt, da die Commerzbank teilverstaatlicht wird. Welche Sorgen könnte da ein typischer Leser unserer Seite - gebildet, betucht, männlich - noch haben?

"Sind Sie glücklich?", fragen denn auch die Macher der Seite "Needaproblem.com" : "Leben Sie ein ruhiges, sorgenfreies Leben? Wie langweilig. Was Ihnen fehlt, sind Kontraste. Sie brauchen dringend Probleme zum Lösen. Sie werden sehen - es wirkt!"

Das ist tatsächlich einigermaßen ernst gemeint. Auf der Internetseite kann man Probleme bestellen, gegen Geld. Ein Euro für ein "triviales" Problem, meist eine Wissensfrage. Fünf Euro für ein "einfaches" Problem, 50 für ein "normales", 500 für ein "schwieriges" und 5000 Euro für ein "fast unlösbares" Problem.

Wer kein Problem damit hat, per Bezahldienst "Paypal" in Vorkasse zu gehen, bekommt wenig später eine E-Mail-Nachricht, Betreff: "Sie haben ein Problem." Dann kann es losgehen: Mit einer kleinen Recherche bei den kleinen Kalibern, mit Reisen und mysteriösen Kontaktpersonen bei den großen. Mehr wird nicht verraten, der Überraschung halber.

Wer das für ein skurriles Projekt übersättigter Mitteleuropäer hält, hat recht. Drei junge Schweizer, Martin Koncilja, Björn Hering und Hansmartin Amrein, haben sich das Ganze ausgedacht und wollen es als Form von Entertainment verstanden wissen: Probleme selbst lösen, statt im sogenannten Reality TV zusehen, wie es andere tun. Der größte Feind des Glücks, zitieren die Gründer auf der Homepage Arthur Schopenhauer, sei die Langeweile.

Weil Koncilja und Co. wohl ahnten, dass man so eine Seite auch zynisch finden kann, versprechen sie schließlich noch, ein Prozent ihrer Gewinne für einen guten Zweck abzuführen. Jetzt aber nicht übereifrig werden: Spendenquittungen gibt's dafür nicht.

Endlich alles geregelt kriegen

Macht Moral zählbar: Zielkontrolle durch "Joe's Goals"

Macht Moral zählbar: Zielkontrolle durch "Joe's Goals"

Joe's Goals

Die kommerziell erstandenen Probleme geben der Kundschaft ein Ziel vor. Ziele kann man sich eigentlich auch ganz gut selbst suchen. Womit wir wieder bei den guten Vorsätzen wären.

Wie gesagt, äußere Kontrolle führt da eher zum Erfolg als sich darauf zu verlassen, dass der innere Schweinehund stillhält. Wer mit solch undankbaren Kontrollaufgaben aber nicht seine Mitmenschen belästigen will, findet theoretisch mit "Joe's Goals"  eine angemessen unnachgiebige Begleitung.

Hat man sich kurz auf der Internetseite angemeldet, kann man dort eine Tabelle erstellen mit Zielen, die jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung darstellen. Per Häkchen hält man fest, ob man erfolgreich war oder nicht, in einem Logbuchfeld kann man Texteinträge festhalten, zum Beispiel Ausreden, warum wieder mal alles schiefging. Kippen verschmäht - Häkchen gemacht - Punkte gezählt. So weit, so schlicht.

Aber "Joe's Goals" kann mehr. Per Mausklick werden Statistiken und Grafiken erstellt, die unbarmherzig jedes Versagen offenlegen und zeigen, ob man sich - mit Ausrutschern - wacker schlägt oder doch die Gesamttendenz nach unten zeigt. Ein Dax für die eigene Moral.

Perfekt ist das aber noch nicht. Letztlich überwachen wieder nur Sie selbst die eigenen Ergebnisse. Eine weitere Funktion hilft die Lücke schließen: Die hässlichen Analysen kann man an Mail-Adressen verschicken, an einen wohlmeinenden Freund etwa, der einen tüchtig ins Gebet nimmt.

Wir halten fest: "Joe's Goals" ist hilfreich, Kontrolle ist besser. Allerdings fällt man dann doch wieder den Mitmenschen zur Last - ein Problem, das sich derzeit nicht lösen lässt. Vielleicht könnte Joe damit 5000 Euro verdienen.

Unendlich viele Comics

Zeigt Comiccover in rauhen Mengen: Cover Browser ist ein riesiges Archiv

Zeigt Comiccover in rauhen Mengen: Cover Browser ist ein riesiges Archiv

Cover Browser

Nach so viel Selbstkasteiung, Problemlösungsspielen und absurder Aktivität möchten Sie sich vielleicht einfach zurücklehnen und still konsumieren. Einverstanden. Aber glauben Sie nicht, dass wir Sie hier mit Erwartbarem abspeisen.

Wir haben nämlich eine Seite entdeckt, der man zunächst überhaupt nicht ansieht, dass es dort etwas zu gucken gibt. Eine dröge Liste von Stichworten ist der "Cover Browser"  auf den ersten Blick, weiter nichts.

Doch hinter jedem Schlagwort verbirgt sich eine Aneinanderreihung von teils historischen Comicbucheinbänden, sortiert teils nach großen Verlagen, teils nach Ländern. So bekommen "Hulk", "Marvel" und "Fantastic Four" eine eigene Kategorie, während man Disney zunächst vergeblich sucht. Dafür finden sich hinter dem Reiter "German" ganze Bataillone von Donald-Duck-Comics und aus der Reihe "Lustige Taschenbücher", die sowohl in der nostalgischen Erstauflage als auch in der aktuellen Neuauflage zu sehen ist.

Zwar tritt die Seite nicht mit dem Anspruch auf Vollständigkeit an, doch viele Reihen sind erstaunlich umfassend bestückt. Hier finden sich mehrere Tausend Motive. Allein von "Die Spinne" kann man über 500 Titelseiten betrachten.

Seien es die dynamischen "Spiderman"-Cover der "Marvel Knights" oder die heroischen Bildwelten der Manga-Serie "Blood Sword" - so kann man durch eine virtuelle Galerie von Trash-Kunst spazieren und sich an der teils irren Mischung von Fantasie und Kommerz erfreuen. Wer dabei allerdings Lust aufs Comicschmökern bekommt, wird enttäuscht. Es gibt keine Möglichkeit, auch nur auszugsweise in die Hefte zu schnuppern.

Dafür findet sich unter jedem Cover ein Link zu passenden Ebay-Versteigerungen, wo man die Hefte ganz unvirtuell kaufen kann. Klar, auch der "Cover Browser" ist ein kommerzielles Angebot. Aber wer schon für Probleme Geld bezahlt, sollte sich daran nicht stören.

Zur vorigen Auszeit: Kipferlstürmer und Rock mit Bart und Mütze

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