Trend-Kolumne Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Kasinokapitalismus und Zockermentalität: Was als Vorwurf und mahnender Warnbegriff daherkommt, ist in Wirklichkeit eine Funktionsbeschreibung - auf den Finanzmärkten werden wir alle zu Spielern, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen.
Von Andreas Steinle

"Wirtschaft ist ein Spiel", schreibt der Zukunftsforscher Matthias Horx in dem aktuellen Trenddossier mit dem Titel "Game-o-lution". Betrachtet man die aktuelle Lage an den Börsen, lässt sich dem nur zustimmen. Durch Spekulationen auf die Kursentwicklung erlebte die VW-Aktie vor Kurzem einen kometenhaften Anstieg, der den Wert zeitweise auf über 1000 Euro steigen ließ und den Automobilhersteller kurzerhand zum teuersten Unternehmen der Welt machte.

Angesichts von Beispielen wie diesem wird verstärkt der Begriff des Kasinokapitalismus bemüht, um die Zockermentalität auf den Finanzmärkten zu beschreiben, die als Ursache für die derzeitige Krise gesehen wird.

Dabei wird allzu leicht vergessen, dass das Spielerische kein Manko der Finanzökonomie ist, sondern eine Bedingung ihres Funktionierens. Denn erst durch die Spekulation, die Aussicht auf höhere Gewinne, erfährt die Börse ihre Attraktivität und bringt Anleger dazu, ihr Geld in Unternehmen zu investieren. Dieser Geist des Spieltischs wird versucht, durch ausgeklügelte Systeme der Steuerung zu disziplinieren – durch Formeln, Chartanalysen und Investmenttechniken.

Irrationaler Glaube an die Magie der Märkte

In diesem Widerspruch liegt das Paradoxon der modernen Finanzmärkte, das der Baseler Soziologe Urs Stäheli trefflich beschreibt: "Kasinokapitalismus, richtig verstanden, bezeichnet einen Konflikt den die Börse selbst produziert: Sie wird einerseits durch Spekulation populär – und andererseits durch sie als Institution der ökonomischen Vernunft bedroht." Anders ausgedrückt: Auf den Finanzmärkten werden wir alle zu Spielern, wollen dies aber nicht wahrhaben.

Der Erkenntnisprozess ist schmerzhaft, nämlich beim Blick auf den schrumpfenden Wert des Aktiendepots. Der irrationale Glaube an die Magie der Märkte reicht so lange, wie das System sich hochschaukelt. Eine Entwicklung, wie sie jetzt geschehen ist und mit der auch in Zukunft zu rechnen ist, erscheint uns als Fehlprinzip.

In der Tat ist es bis dato einzigartig, dass die Aktien der acht wichtigsten Börsenindizes seit Jahresanfang rund 25.000 Milliarden Dollar an Wert verlieren konnten. Einzigartig war allerdings auch, dass sich vom Jahre 2002 bis dieses Jahr der Handel mit Derivaten von 106 Billionen auf 531 Billionen verfünffacht hat. Die Risiken der dahinterliegenden Geschäfte wollte man keineswegs kaschieren. Schließlich lagen hinter den höheren Renditeerwartungen auch größere, und damit schwer kalkulierbare, Risiken. Die Finanzmanager haben sich bewusst entschieden, irrational zu handeln.

Zwischen Spiel und Disziplin

Zwischen Spiel und Disziplin

Das Problem der modernen Finanzmärkte ist nicht die Spekulation, sondern das extreme Übergewicht des Spekulativen. Der für Mitte November geplante Weltfinanzgipfel setzt sich zum Ziel, dieses Ungleichgewicht aus riskantem Spiel und vernunftgeleiteter Disziplin wieder in eine neue Balance zu bringen. Und angesichts der weiter steigenden globalen Verzahnung der Finanzmärkte tut ein doppeltes Sicherheitsnetz auch not. Doch es wird nicht lange dauern, bis neue spekulative Finanzprodukte jenseits der Regularien kreiert werden, die neue wundersame Blasen bilden können.

Denn Spekulation zieht weitere Spekulation nach sich. Börsenmärkte sind immer auch Ideenmärkte – Wetten auf die Zukunft, die durch gegenseitige Ansteckung der Massen rasch an Attraktivität gewinnen. Das Internet erhöht die Ansteckungsgefahr, denn Gerüchte, sogenannte Finanztipps, sind nicht mehr auf persönliche Begegnungen angewiesen, sondern verbreiten sich ohne Adressat und Absender in Echtzeit. Das Internet öffnet zugleich den Zugang zu den internationalen Börsenkasinos dieser Welt.

Die Pforten zu den Spieltischen stehen also weit offen, und nach der jetzigen Schocktherapie werden sich die Ersten wieder aufmachen, ihre Wetten auf die Zukunft zu setzen. Die Mutigen werden die Zögerlichen nach sich ziehen und das Spiel beginnt von Neuem. Mit mehr Mitspielern. Mit mehr Kapital.

Wie schreibt Andreas Zielcke in der "Süddeutschen Zeitung" so schön: "Das Kasino muss vorübergehend wegen Sanierung in eine Baustelle verwandelt werden, doch bald heißt es wieder: Le jeu est ouvert." Das Problem ist nicht, dass die Finanzmärkte nach den Prinzipien des Glücksspiels verlaufen. Das Problem ist, dass wir nicht professionell genug spielen. Mit der nötigen Distanz. Mit der Fähigkeit zum Perspektivenwechsel zwischen dem Spieler und dem Aufseher in uns. Mit kalkulierter Unvernunft.

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